Große Herausforderung: Hasskommentare nicht blo­ckie­ren und höf­lich bleiben

In der Beschäftigung mit dem Thema Meinungsfreiheit vs. Hass im Netz habe ich auch ein paar Dinge gelernt.

In der Beschäftigung mit dem Thema Meinungsfreiheit vs. Hass im Netz habe ich auch ein paar Dinge gelernt. 

Den Streit, der aus der Mode gekom­men ist, seit Elite Mode ist, füh­ren zum Leidwesen der Elite nun die Populisten, vor allem die Rechtspopulisten. Die aber strei­ten gar nicht. Sie füh­ren Krieg. Im Namen des Volkes, das ihnen die Elite mit spit­zen Fingern über­ge­ben hat.—Frank A. MeyerQuelle: KRIEG STATT STREIT – Cicero – Blendle | LINK

Ich gehö­re nicht zu denen, die sich in Filterblasen tum­meln. Ich ver­su­che genau das Gegenteil. Nur—habe ich das über­haupt in der Hand? Wie wir­ken die Algorithmen sich in der Realität des Internets aus?

Ich bege­be mich nicht in geschlos­se­ne Facebook-Gruppen, in denen schlim­me Hass-Postings geschrie­ben wer­den. Ich agie­re über­wie­gend über Tage. Das ande­re wäre mir zu viel. Und dies gilt für Google+ und ande­re Netzwerke.

Zu „ein­schlä­gi­gen” Artikeln unse­rer Medien fin­den sich so vie­le „net­te” Kommentare, dass ich mir selbst einen gewis­sen Hang zum Masochismus unter­stel­len könn­te. Ich lese die Artikel, weil mich die Themen inter­es­sie­ren und oft genug kom­men­tie­re ich dort auch. Da wirkt kei­ne Filterblase. Wenn dort Artikel über Flüchtlinge erschei­nen oder neu­er­dings nur das Wort Erdogan fällt, ist der Deibel los.

Logisch, dass ich un-„passende” Antworten bekom­me. Ich schrei­be mei­ne Kommentare näm­lich nicht so, wie das die Kenner des Problems emp­feh­len. Mir rutscht im Eifer des Gefechtes schnell auch ein­mal eine Beleidigung raus. Ich ver­su­che immer häu­fi­ger, mich zu beherr­schen und das zu beher­zi­gen, was Ingrid Brodnig emp­fiehlt (s. Videos).

Übrigens fin­de ich es ganz inter­es­sant, wie rela­tiv wenig Klicks die­se Videos (bis­her) haben. Die Verteilung der Likes und Dislikes ist typisch. Solche Dinge sind nicht beliebt im Internet. Kontroverses ist viel gefrag­ter. Und da fra­ge ich mich, wes­halb unse­re Nachrichten über­wie­gend aus schlech­ten Nachrichten und „Sensationen” bestehen.

Wenn mir im Netz jemand blöd kommt und mich belei­digt, bekommt er von mir die ent­spre­chen­de Antwort. Außerdem blo­ckie­re ich sie oder ihn sofort! Frau Brodnig emp­fiehlt aber aus­drück­lich, mit die­ser tech­ni­schen Reaktion auf Kommentare, die wir als Hassposts emp­fin­den, vor­sich­tig umzu­ge­hen. Zu vie­le Blockierungen könn­ten dazu füh­ren, dass man sei­ne Filterblase und damit sei­nen (geis­ti­gen?) Horizont wei­ter ein­engt, weil man sich in sei­ner Timeline auch bei wich­ti­gen aktu­el­len Fragen höchst­selbst in eine Isolation begibt. Sicher ein klu­ger Rat.

Die posi­ti­ve Wirkung kann aber doch nur dann ein­set­zen, wenn man über­haupt bereit ist, eige­ne Positionen infra­ge zu stel­len. Jetzt mal ehr­lich: wer ist denn dazu schon bereit?

Hass kommt nicht aus dem Internet, son­dern aus den Köpfen. Das stimmt – einer­seits. Andererseits bie­tet das Internet struk­tu­rel­le Voraussetzungen, die die­ses Problem erst rich­tig groß machen. Die Anonymität, in der wir uns dort bewe­gen, spielt – sagen die Fachleute – kaum noch eine Rolle, weil vie­le ihren Hass längst unter Klarnamen verzapfen.

Vielleicht ist das mit den Klarnamen ja des­halb so, weil die Sozialen Netzwerke inzwi­schen erfolgreich(er) dar­auf drän­gen, dass die User Klarnamen nut­zen. Warum gelingt das eigent­lich nicht in ähn­li­chem Umfang auch bei der Einhaltung der Netiquette?

Es ist nicht der Name allein. Von der Person, mit der ich in Streit gera­te, ken­ne ich (even­tu­ell) den Namen. Aber ich krie­ge wäh­rend der Kommunikation nichts von dem mit, was die Person, den Menschen, aus­macht. Vielleicht ist das eigent­lich ja ein net­ter Kerl, den ich außer­halb unse­res vir­tu­el­len Streits, mögen würde?

Keine Geste, kei­ne Mimik. Nur die geschrie­be­nen Sätze. Selten – höchs­tens an ortho­gra­fi­schen oder gram­ma­ti­ka­li­schen Ausrutschern – kann man viel­leicht erken­nen, wie es um den Gefühlszustand mei­nes „Gegenübers” bestellt ist. Ich könn­te mir vor­stel­len, dass genau das der Punkt ist. Warum beneh­men sich Autofahrer manch­mal so rück­sichts­los? Auch hier könn­te die Anonymität als Grund für die­ses Fehlverhalten ange­führt wer­den. Dabei ist es aber doch so, dass jedes Auto mit einem KFZ-Kennzeichen aus­ge­stat­tet ist, über das ein Fahrer im Normalfall zwei­fels­frei zu iden­ti­fi­zie­ren wäre. Es ist umständ­lich, aber es wäre möglich.

Wir schrei­ben ein paar unge­ho­bel­te (nicht immer gut durch­dach­te) Zeilen und drü­cken den Senden-Knopf. Der Empfänger unse­res Postings liest und reagiert. Unverzüglich. Auch er nimmt sich nicht die Zeit, die man sich viel­leicht lie­ber neh­men soll­te. Wir sind bei­de wütend über das, was wir da gera­de gele­sen haben. Nach dem Drücken des Senden-Knopfes stellt sich viel­leicht zunächst das Gefühl ein: „Dem hab ichs jetzt aber gege­ben!” So oder oder so ähn­lich wirds doch oft lau­fen – oder?

Ein wei­te­rer Punkt für die schnel­le Eskalation von Diskussionen wird wohl der Mechanismus sein, den ich schon ange­spro­chen habe. Die Filterblasen schaf­fen, oft sicher unbe­wusst, Echoräume, die uns eine effek­ti­ve Bestätigung der eige­nen Meinungen ver­schaf­fen. Nicht nur, dass wir uns in der Gesellschaft von Menschen mit ähn­li­cher und glei­chen Ansichten wohl füh­len, wir neh­men unter Umständen den Zusammenhang gar nicht wahr. Das geschieht auch nicht nur in geschlos­se­nen Gruppen, son­dern dadurch, dass man – wie schon geschrie­ben – wenig umsich­tig mit der Blockierungsmöglichkeit umgeht.

[symple_​highlight color=„red”]Algorithmen beein­flus­sen also unse­ren Diskurs und unse­re Reaktion.[/​symple_​highlight]

Wenn wir über Terror spre­chen, kommt der Rat des Experten, dass wir ler­nen müss­ten, damit zu leben oder ihn „aus­zu­hal­ten”. Jetzt will ich nicht jeden Kommentar, nur weil er in mei­nen Augen ein Hasskommentar ist und mir des­halb nicht gefällt, als Terror bezeich­nen. Vielleicht hilft auch uns im Fall des Internets tat­säch­lich die Einsicht wei­ter, dass vie­le von uns noch ler­nen müs­sen, sol­che Dinge auszuhalten.

Die Klagen über die Entwicklung im Internet füh­ren mei­nes Erachtens ja sehr vie­le Menschen. Die Antworten, die die Politik bis­her dar­auf gege­ben hat, ist nicht wirk­lich über­zeu­gend. Gute Absichten rei­chen jeden­falls nicht.

Ich wer­de alle blo­ckier­ten Twitter- und Google+Profile gleich auf­ma­chen. Mal gucken, was pas­sie­ren wird.

Ja, wer sich ziert, den demo­kra­ti­schen Streit unter Gegnern zu füh­ren, der ern­tet den popu­lis­ti­schen Krieg unter Feinden.—Frank A. MeyerQuelle: KRIEG STATT STREIT – Cicero – Blendle | LINK

https://​you​tu​.be/​8​o​T​E​u​c​Q​4​qnM

Youtube Video

https://​you​tu​.be/​2​k​l​U​p​Z​l​9​zWw

Merkliste

Kommentare

Was meinst du dazu?

Kommentieren auf diesem Blog

  • Text wird lokal zwischengespeichert
  • Antworten können per E-Mail abonniert werden
  • Kommentar kurzzeitig bearbeitbar oder löschbar

Nach dem Absenden kannst du deinen Kommentar noch 10 Minuten bearbeiten oder löschen.Danach ist keine Änderung oder Löschung mehr möglich.
Ive Mendes – If You Leave Me Now
Zuletzt gehört
If You Leave Me Now
Ive Mendes · Ive Mendes
Zuvor
3-11 Porter – Surround Me with Your Love - Remastered
Davor
Charlie Chaplin – Smile (Theme from Modern Times) [with Joshua Bell]
Smile (Theme from Modern Times) [with Joshua Bell]
Charlie Chaplin · Chaplin's Smile: Song Arrangements for Violin and Piano