pressefreiheit-darf-keine-mutprobe-werden

Ich bewundere so manche Journalisten für ihren Mut, wenn sie von AfD-Veranstaltungen berichten. Gleichzeitig steckt in dieser Bewunderung etwas Beunruhigendes. Wer aus einem Kriegsgebiet berichtet, setzt sich Gefahren aus, die wir wenigstens einordnen können. Wer eine Wahlparty besucht, sollte vor allem einen funktionierenden Aufnahmeakku brauchen. Wenn schon dort Standfestigkeit gegenüber Einschüchterung gefragt ist, hat sich etwas verschoben, das uns nicht gleichgültig sein darf.

Die „Spiegel“-Journalistin Ann-Katrin Müller wurde bei der AfD-Wahlparty in Magdeburg vom rechten Streamer Matthäus Westfal, bekannt als „Aktivist Mann“, wiederholt bedrängt und gefilmt. Selbst die AfD-Spitze distanzierte sich anschließend von seinem Auftreten; der Bundesvorstand beschloss Auflagen für weitere Veranstaltungsbesuche. Das gehört zur vollständigen Darstellung dazu. Ebenso gehört dazu, dass solche Übergriffe überhaupt erst möglich waren und öffentlich Druck entstehen musste.

Die Bewunderung enthält eine bittere Nachricht

Der Text von Miriam Bunjes, Reporterfabrik, lenkt den Blick auf einen Gedanken, der mich beschäftigt: Das Lob für die einzelne Reporterin erzählt zugleich etwas über die Zustände, unter denen sie arbeitet. Natürlich verdient es Respekt, wenn jemand einer aggressiv auf ihn gerichteten Kamera standhält. Aber wir sollten uns davor hüten, daraus eine Heldengeschichte zu machen und anschließend zur Tagesordnung überzugehen. Eine freie Presse darf nicht darauf angewiesen sein, dass jeder Reporter ein besonders dickes Fell mitbringt.

Niemand muss Journalisten mögen. Ihre Fragen dürfen unbequem, ihre Kommentare angreifbar und ihre Fehler Gegenstand deutlicher Kritik sein. Auch ich habe an der Arbeit von Medien manches auszusetzen. Doch zwischen Widerspruch und gezieltem Bedrängen liegt eine Grenze. Wer Menschen vor laufender Kamera vorführen will, schafft keinen besseren Journalismus. Er erschwert die Arbeit derjenigen, die unabhängig berichten sollen. Dass Pressefreiheit kein Parteibuch trägt, muss dabei unser Maßstab bleiben – auch wenn uns die politische Richtung eines Mediums missfällt.

Genau hinsehen, ohne sich einschüchtern zu lassen

Die Antwort kann deshalb weder Rückzug noch journalistischer Kampfmodus sein. Nötig bleibt das vermeintlich unspektakuläre Handwerk: Quellen prüfen, Behauptungen nachgehen, Betroffene anhören und sauber zwischen Tatsache, Verdacht und Bewertung unterscheiden. Gerade bei der AfD muss eine Recherche belastbar sein. Eine zugespitzte Vermutung ersetzt keinen Beleg; der Wunsch nach Ausgewogenheit rechtfertigt umgekehrt nicht, belegte Einschüchterung kleinzureden.

Meine Sorgen über den Umgang mit der AfD und ein mögliches Verbotsverfahren ändern daran nichts. Über politische und juristische Antworten lässt sich streiten. Dass Journalisten ohne Angst ihrer Arbeit nachgehen können müssen, sollte dagegen selbstverständlich sein. Ich bewundere diejenigen, die trotzdem hingehen. Lieber wäre mir allerdings ein Land, in dem wir sie für ihre Recherche loben könnten, ohne dabei ihren Mut erwähnen zu müssen.

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