Energiewende: Tempo, Preis, Verdruss: Was hinter dem Jubel steckt

„Zu langsam“ – aber wofür eigentlich?

Eine Grafik kursiert dieser Tage, und sie sieht zunächst eindeutig aus: 57 % der Deutschen finden, die Energiewende geht zu langsam. Das ZDF-Politbarometer – frisch erhoben, veröffentlicht am 17. April 2026 – liefert eine sauber sortierte Botschaft. Jüngere voran, Ältere etwas verhaltener, aber die Richtung klar: schneller bitte. Wer die Grafik so liest, sieht einen Gesellschaftskonsens. Ich sehe vor allem: eine Tempo-Frage, die so tut, als wäre die Zielfrage schon beantwortet.

Denn die Erhebung misst keine Haltung zur Energiewende. Sie misst die Wahrnehmung ihres Fortschritts. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied – und er wird in der öffentlichen Debatte so gut wie nie gemacht.

Inhalt

Der Elefant im Raum

Wir befinden uns in einer Lage, die man vor wenigen Monaten noch für ein Planspiel gehalten hätte. Die Sperrung der Straße von Hormus durch den Iran hat das Angebot von Gas und Öl auf den Weltmärkten reduziert und treibt die Preise. Der Iran-Krieg hat die Inflationsrate in Deutschland nach oben katapultiert – mit 2,7 Prozent erreichte die Teuerungsrate im März den höchsten Stand seit mehr als zwei Jahren, getrieben vor allem durch den Preisschock bei Kraftstoffen und Heizöl. Familien mit niedrigen und mittleren Einkommen trifft das besonders hart, weil Energieausgaben in ihren Budgets überproportional schwer wiegen.

In dieser Lage eine Umfrage zu veröffentlichen, die fragt, ob die Energiewende „zu langsam“ geht – ohne auch nur einen Satz zum Warum zu sagen –, ist nicht falsch. Aber es ist eine Verkürzung, die ich für problematisch halte. Sie liefert eine Oberfläche, die nach Zustimmung aussieht, und verschweigt darunter liegende Widersprüche.

Denn was heißt „zu langsam“ in einem Moment, in dem die Gaspreise durch geopolitische Schocks getrieben werden, die kein Windrad der Welt verhindern kann? Heißt es: mehr erneuerbare Kapazitäten jetzt? Heißt es: weniger Abhängigkeit von fossilen Importen? Oder heißt es schlicht: irgendjemand soll das Chaos endlich in den Griff bekommen?

Was die Zahlen verschweigen

Laut dem Energiewende Zukunftsmonitor 2026 hält weniger als die Hälfte der Deutschen – gerade noch 43 % – den Ausbau der erneuerbaren Energien und den Atomausstieg für richtig. 2012 waren es fast drei Viertel. Erstmals verbindet die Mehrheit der Deutschen die Energiewende vor allem mit Risiken statt mit Chancen: höhere Preise, geringere Versorgungssicherheit, Eingriffe ins Landschaftsbild.

Das ist das Bild, das sich zeigt, wenn man nicht nach Tempo, sondern nach Grundsätzen fragt. Und es passt so gar nicht zu dem, was die Politbarometer-Grafik nahelegt. Beides ist richtig – und genau das ist der Punkt. Die Menschen tragen beides gleichzeitig in sich: den Wunsch nach Veränderung und die Angst vor ihren Kosten. Eine Umfrage, die nur eine Seite abfragt, bildet diese Ambivalenz nicht ab. Sie wählt.

Das KfW-Energiewendebarometer zeigt: 83 % der deutschen Haushalte halten die Energiewende für wichtig oder sehr wichtig. Eine andere Studie, von pollytix im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe, beziffert die grundsätzliche Zustimmung auf 73 %. Klingt beruhigend – aber keine dieser Zahlen beantwortet die Frage, was die Menschen bereit sind dafür zu zahlen, zu akzeptieren, zu ertragen. Zustimmung im Abstrakten ist billig. Die Rechnung kommt monatlich.

Überdruss, der keiner sein darf

Mein Eindruck – und er ist nicht nur mein eigener – ist der, dass die Bevölkerung der Energiewende seit Jahren mit einer stillen Erschöpfung begegnet. Nicht mit offener Ablehnung. Nicht mit dem Ruf nach dem Abbruch. Sondern mit dem Gefühl: Das soll doch irgendwie werden, aber bitte ohne neue Zumutungen, ohne weitere Planungschaos, ohne Kosten, die am Ende wir tragen.

Der Iran-Krieg und der daraus folgende Anstieg der Öl- und Gaspreise zeigt nun die Schwächen des deutschen Industriestrompreises. Noch wenige Monate zuvor galt 2025 als Wendepunkt, als die Rezession überwunden schien. Jetzt ist die Fragilität des Systems wieder sichtbar – und sie trifft auf eine Bevölkerung, die längst ahnte, dass die Umsetzung der Energiewende nicht so reibungslos läuft, wie Hochglanzbroschüren es versprechen.

Der Fotovoltaik-Ausbau läuft auf hohem Niveau, Windkraft an Land legt langsam zu, und die Erneuerbaren decken inzwischen 55,3 % der Stromnachfrage. Das sind beachtliche Zahlen. Und doch: Hohe Investitionskosten bremsen die Transformation in Industrie, Gebäuden und im Verkehr, der Stromverbrauch stagniert entgegen dem globalen Trend. Der Ausbau oben, die Strukturprobleme unten – und dazwischen eine Bevölkerung, die monatlich ihre Energierechnung öffnet.

Was die Grafik eigentlich zeigt

Wenn 57 % sagen „zu langsam“, dann ist das kein Blankoscheck für mehr Tempo um jeden Preis. Es ist eine Aussage über Frustration. Über das Gefühl, dass etwas, das beschlossen wurde und das man grundsätzlich für richtig hält, von denen, die es umsetzen sollen, schlecht gemacht wird. Zu bürokratisch. Zu kleinteilig. Zu teuer in der Ausführung, nicht notwendigerweise in der Vision.

Transparenz und Beteiligung gewinnen dabei zunehmend an Bedeutung – 56 % der Befragten bewerten faktenbasierte Kommunikation als vertrauensbildend. Das ist der eigentliche Befund, der in den Kommentaren zur Grafik fehlt. Die Menschen wollen nicht nur Windräder. Sie wollen verstehen, warum, wie viel, wer davon profitiert, wer zahlt.

Eine Grafik, die „zu langsam“ als Zustimmungs-Signal verkauft, ohne das zu erklären, betreibt keine Aufklärung. Sie bestätigt, was ohnehin schon gedacht wird. Und das ist, gerade jetzt, in einem Moment globaler Energieunsicherheit und steigender Lebenshaltungskosten, keine besonders ehrliche Leistung.

Die Wahrheit ist komplizierter: Die Deutschen wollen die Energiewende – aber nicht um jeden Preis, nicht in jedem Tempo und vor allem nicht so, wie sie bisher gemacht wurde. Das ist kein Widerspruch. Das ist Realismus. Und der verdient eine Grafik, die ihn abbildet.

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Rentner, Autor, Blogger und Hobbyfotograf

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