Wenn aus einem Risiko plötz­lich der kom­men­de Krieg wird

Bestimmte Dinge muss ich nicht wis­sen. Der Fall hier, der ja lei­der kein Einzelfall ist, zählt dazu.

Manchmal fra­ge ich mich bei poli­ti­schen Talkshows wirk­lich, ob den Beteiligten eigent­lich bewusst ist, was ihre Worte bei Menschen aus­lö­sen kön­nen. Gerald Knaus, bekannt vor allem als Migrationsforscher, sag­te in der aktu­el­len Ausgabe von „Blome & Pfeffer“, wir hör­ten inzwi­schen „unun­ter­bro­chen“ Warnungen vor einem rus­si­schen Angriff auf die NATO. Diese kämen mitt­ler­wei­le aus seriö­sen Medien. Außerdem ver­wies er auf Donald Tusk und des­sen Warnungen vor einer schwe­ren euro­päi­schen Sicherheitskrise noch in die­sem Jahr. Zum Video von ntv

Natürlich exis­tie­ren sol­che Warnungen. Wir haben es schließ­lich mit Meistern der Propaganda (ehe­ma­li­ge Sowjets) zu tun (Putin/​Lawrow). Anfang August berich­te­ten ame­ri­ka­ni­sche Medien unter Berufung auf US-Geheimdienste tat­säch­lich dar­über, dass Putin die NATO mög­li­cher­wei­se mit einem begrenz­ten Angriff oder einer hybri­den Aktion tes­ten könn­te. Was bei sol­chen Meldungen aller­dings unbe­dingt dazu­ge­hört: Ein mili­tä­ri­sches Eindringen in NATO-Gebiet wird wei­ter­hin als wenig wahr­schein­lich ein­ge­schätzt. Als mög­li­cher Zeitraum wur­de zudem kei­nes­wegs nur „in den nächs­ten Wochen“ genannt, son­dern eine Spanne vom kom­men­den Herbst bis 2029.

Aus Möglichkeiten wer­den Gewissheiten

Genau hier beginnt mein Unbehagen. Zwischen „Geheimdienste hal­ten ein Szenario für mög­lich“ und dem Eindruck, ein rus­si­scher Angriff auf die NATO kön­ne prak­tisch jeden Moment bevor­ste­hen, liegt ein gewal­ti­ger Unterschied. Wer öffent­lich über Krieg spricht, soll­te die­se Unterschiede nicht ver­wi­schen. Schon gar nicht in einer Fernsehrunde, in der sol­che Sätze ste­hen blei­ben und von Hunderttausenden Menschen gehört werden.

Auch Donald Tusk hat vor mög­li­chen Eskalationen in den kom­men­den Wochen und Monaten gewarnt. Das ist ange­sichts der Lage an der NATO-Ostflanke nach­voll­zieh­bar. Aber auch dar­aus folgt nicht, dass Europa unmit­tel­bar vor einem Krieg mit Russland steht. Ich fra­ge mich, wel­che Veranlassung US-Geheimdienste und euro­päi­sche Politiker wohl haben könn­ten, die Menschen in Europa in die­ser Art und Weise zu alar­mie­ren. Offen gesagt hal­te ich das Geschwafel für uner­träg­lich und außer­dem für höchst frag­wür­dig. Welchen Nutzen soll es haben, die­se Art von „Nachrichten” zu ver­brei­ten? Gibt es dahin­ter nicht viel­leicht Absichten, die nicht nur uneh­ren­haft son­dern im höchs­ten Maße kri­tik­wür­dig sind? 

Ich fra­ge mich des­halb schon, was Knaus mit einer sol­chen Zuspitzung errei­chen möch­te. Eine sach­li­che Diskussion über die rus­si­sche Bedrohung mag ja not­wen­dig sein. Abschreckung und Verteidigungsfähigkeit sind not­wen­dig. Vielleicht möch­te man die Einwände spe­zi­ell gegen das wahn­wit­zi­ge deut­sche finan­zi­el­le Engagement gering­hal­ten. Zwischen Wachsamkeit und Alarmismus ver­läuft jeden­falls eine Grenze, die gera­de Menschen mit gro­ßer media­ler Reichweite ken­nen sollten.

Wir haben wahr­lich genug Angst im Land

Medien wer­den gern als vier­te Gewalt bezeich­net. Das ist kei­ne staat­li­che Funktion, wohl aber eine enor­me gesell­schaft­li­che Verantwortung. Dazu gehört für mich auch, Risiken ein­zu­ord­nen und Wahrscheinlichkeiten kennt­lich zu machen. Wer aus denk­ba­ren Szenarien bei­na­he bevor­ste­hen­de Ereignisse macht, trägt nicht zur Aufklärung bei. Er erzeugt Angst.

Und davon haben wir wahr­lich genug: Krieg in der Ukraine, wirt­schaft­li­che Sorgen, gesell­schaft­li­che Polarisierung, Klimawandel, Migration, poli­ti­sche Radikalisierung. Niemandem ist gehol­fen, wenn nun zusätz­lich der Eindruck ver­mit­telt wird, womög­lich ste­he schon in eini­gen Wochen der Krieg zwi­schen Russland und der NATO vor der Tür.

Russlands Politik gibt genü­gend Anlass zur Sorge. Gerade des­halb soll­ten wir dar­über nüch­tern spre­chen. Eine rea­le Gefahr wird nicht glaub­wür­di­ger, indem man sie dra­ma­ti­siert. Im Gegenteil: Irgendwann hören die Menschen nicht mehr hin.

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