
Könnten die Personaltableaus, die ich hier mal spaßeshalber gegeneinandergestellt habe, etwas mit der fehlenden Popularität des Kanzlers zu tun haben?
| Person | Funktion / Nähe zu Merz | Ausbildung | Akademischer Grad |
|---|---|---|---|
| Nina Warken | Chefin des Bundeskanzleramts, Bundesministerin für besondere Aufgaben; zentrale Koordinatorin der Regierungsarbeit | Rechtswissenschaften in Heidelberg; Erstes und Zweites Staatsexamen | Volljuristin, kein Doktorgrad |
| Philipp Birkenmaier | Leiter des Kanzlerbüros; unmittelbare Organisation und Koordination der Arbeit von Merz | Rechtswissenschaften in Bonn und München; Staatsexamina; Promotion | Dr. jur. |
| Stefan Kornelius | Regierungssprecher und Chef des Bundespresseamtes | Henri-Nannen-Schule; Politik, Geschichte und Staatsrecht in Bonn und an der LSE | kein Doktorgrad |
| Jacob Schrot | Langjähriger enger Merz-Vertrauter; bis Januar 2026 Leiter des Kanzlerbüros, danach Aufbau des Nationalen Sicherheitsrats | Politik- und Kommunikationswissenschaft; Studium u. a. in Berlin und Chapel Hill | M.A. |
| Thorsten Frei | Ehemaliger Kanzleramtschef; weiterhin enger Merz-Vertrauter, seit Ende Juli 2026 Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion | Rechtswissenschaften in Freiburg; Staatsexamina | Volljurist, kein Doktorgrad |
| Person | Rolle im Umfeld Kohls | Ausbildung | Akademischer Grad |
|---|---|---|---|
| Kurt Biedenkopf | CDU-Generalsekretär 1973–1977; wichtiger Stratege und Modernisierer der CDU, später zunehmend Rivale Kohls | Rechtswissenschaften in München und Frankfurt; Studium an der Georgetown University; Promotion und Habilitation | Dr. jur., LL.M., habilitiert; Professor |
| Heiner Geißler | CDU-Generalsekretär 1977–1989; einer der wichtigsten politischen Strategen Kohls | Philosophie an der Hochschule für Philosophie München; Rechtswissenschaften in München und Tübingen; Staatsexamina | Dr. jur. |
| Horst Teltschik | Seit 1972 engster Berater; Büroleiter, außenpolitischer Berater, später Abteilungsleiter im Kanzleramt; Schlüsselfigur 1989/90 | Politikwissenschaft, Neuere Geschichte und Völkerrecht an der FU Berlin | Diplom-Politologe; später Honorarprofessor und Ehrendoktorwürden |
| Wolfgang Bergsdorf | Seit 1973 Büroleiter bzw. enger Berater; Redenschreiber und Mitglied von Kohls „Küchenkabinett“ | Soziologie, Psychologie und Politikwissenschaft | Dr. phil., habilitiert; Professor |
| Eduard Ackermann | Langjähriger enger Berater und Vertrauter; Leiter der Abteilung Politik im Kanzleramt | Studium u. a. der Geschichte, Germanistik und Philosophie | Dr. phil. |
| Wolfgang Schäuble | Kanzleramtschef 1984–1989; enger politischer Vertrauter, später Innenminister und zentral bei der Wiedervereinigung | Rechts- und Wirtschaftswissenschaften in Freiburg und Hamburg; Staatsexamina | Dr. jur. |
| Rudolf Seiters | Kanzleramtschef 1989–1991; wichtige Rolle während der deutschen Einheit | Rechts- und Staatswissenschaften in Münster; Staatsexamina | Volljurist, kein Doktorgrad |
| Friedrich Bohl | Kanzleramtschef 1991–1998 und Bundesminister für besondere Aufgaben | Rechtswissenschaften in Marburg; Staatsexamina | Volljurist, kein Doktorgrad |
Man sollte die vielleicht naheliegenden Schlussfolgerungen vorsichtiger formulieren, als dieser Vergleich es nahelegen könnte. Nicht: Merz ist auch unbeliebt, weil seine Mitarbeiter weniger drauf hätten. Das wäre simpel und unfair. Interessanter ist die Frage, welche Art von Persönlichkeiten ein Kanzler in seine unmittelbare Umgebung holt und welchen Widerspruch er dort zulässt. Ich kam auf den Gedanken, weil Ulf Poschardt Helmut Kohl in seinem aktuellen Buch heruntergemacht hatte:
Kohl habe kaum intellektuelle und politische Unterstützer gehabt; selbst mit den wenigen, etwa Michael Stürmer, sei er unwirsch und unbeholfen umgegangen. Daraus wird bei Poschardt eine große Abrechnung mit der bürgerlichen Politik: kulturelle Alexie, geistige Ignoranz, strategische Unterlassung. Genau diese Diagnose führt in die Irre.
Quelle
Dass Merz tatsächlich ein Popularitätsproblem hat, ist keine bloße Wahrnehmung. Im Juli lag seine persönliche Zufriedenheit bei Ipsos nur bei 16 Prozent; das ZDF hatte bereits nach seinem ersten Amtsjahr festgestellt, dass eine Mehrheit mit seiner Arbeit unzufrieden war. Aktuelle Meldungen zeigen weiterhin sehr schlechte Werte.
Bei Kohl saßen Leute am Tisch, die selbst etwas darstellten
Das finde ich am Vergleich bemerkenswert: Biedenkopf, Geißler, Bergsdorf, Schäuble oder Teltschik waren nicht einfach nur hervorragend ausgebildete Zuarbeiter. Es waren zum Teil ausgesprochen eigenständige Köpfe mit eigener politischer oder wissenschaftlicher Autorität.
Kohl suchte solche Leute offenbar sogar bewusst. Der Deutschlandfunk beschreibt akademische Exzellenz und Gestaltungswillen als Kriterien seiner Personalauswahl. Die Kohl-Stiftung wiederum schreibt, er habe angesehene und „intellektuell bereichernde Persönlichkeiten“ für die Partei gewinnen wollen.
Und das Entscheidende: Diese Leute widersprachen Kohl.
Teltschik etwa dachte ausdrücklich über seinen eigenen Zuständigkeitsbereich hinaus, widersprach dem Kanzler und drängte ihn zu Entscheidungen. Kohl gewährte seinen engsten Mitarbeitern erheblichen Gestaltungsraum und Unabhängigkeit. Ich kann nicht beurteilen, ob dieser Gestaltungsspielraum zu vergleichen ist mit Willy Brandts (SPD) Vertrauen in die Arbeit von Egon Bahr (Verhandlungen Ostverträge). Aber Biedenkopf und Geißler gingen in ihrer Eigenständigkeit irgendwann so weit, dass es zum offenen Konflikt mit Kohl kam.
Das ist politisch unbequem – kann für einen Regierungschef aber ausgesprochen wertvoll sein.
Gerade diese kleine Personalrecherche spricht gegen die Behauptung, Kohl sei „geistig verlassen“ gewesen. Ein Kanzler, der sich zeitweise mit Biedenkopf, Geißler, Bergsdorf, Teltschik, Schäuble, Ackermann und anderen umgibt, mag vieles gewesen sein – aber „geistig verlassen“ ist als Beschreibung seines unmittelbaren politischen Umfelds schwer aufrechtzuerhalten.
Und genau hier wird der Vergleich mit Merz spannend
Denn ausgerechnet über Merz’ Kanzleramt wird inzwischen das Gegenteil diskutiert. Im Juli sagte die Journalistin Melanie Amann bei „Markus Lanz“, Merz verstehe sich zu sehr als eine Art CEO der Regierung. Noch bemerkenswerter war ihre Schilderung, es gebe im Kanzleramt keinen wirklichen geschützten Kreis enger Vertrauter, die dem Kanzler alles sagen könnten und deren Kritik er dann auch annehme. Der frühere Kanzleramtschef Wolfgang Schmidt betonte in derselben Diskussion, ein Kanzler müsse genau solchen Widerspruch aushalten können.
Das berührt Ihre Beobachtung ziemlich genau.
Die Frage wäre also weniger:
„Sind Merz’ Mitarbeiter schlechter ausgebildet als Kohls?“
Sondern:
„Hat Merz genügend Menschen um sich, die das intellektuelle und politische Gewicht besitzen, ihm zu widersprechen – und hört er auf sie?“
Das ist eine sehr viel stärkere Frage.
Allerdings würde ich Kohl nicht verklären
Denn auch Kohl war alles andere als der Vorsitzende eines philosophischen Debattierclubs. 😏 Sein System beruhte stark auf persönlicher Loyalität. Die Kohl-Stiftung beschreibt geradezu ein „Freundschaftssystem“ aus Nähe, Vertrauen und Kompetenz. Wer die erwartete Loyalität verletzte, konnte aus diesem Führungskreis herausfallen. Genau das geschah schließlich mit eigenständigen Persönlichkeiten wie Biedenkopf und Geißler.
Kohl konnte also Widerspruch gebrauchen – aber auch er hatte Grenzen, wenn daraus Konkurrenz um die Macht wurde.
Trotzdem bleibt ein Unterschied: Er holte solche Persönlichkeiten überhaupt erst sehr nahe an sich heran.
Und was hat das mit Popularität zu tun?
Hier würde ich einen indirekten Zusammenhang für durchaus plausibel halten.
Ein Kanzler wird nicht deshalb populär, weil sein Büroleiter promoviert oder ein brillanter Kopf ist. Die meisten Bürger wissen nicht einmal, wie der Büroleiter heißt. Aber die Qualität und Struktur des Beraterkreises kann beeinflussen, wie ein Kanzler entscheidet, wie früh Fehlentscheidungen erkannt werden, wie gut unterschiedliche gesellschaftliche Perspektiven berücksichtigt werden und wie der Regierungschef nach außen kommuniziert.
Und genau beim Führungsstil sehen Beobachter ein Problem. Der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte führt Merz’ schlechte Werte ausdrücklich auch auf dessen Führung zurück: Wenn Ankündigungen beim Publikum wie bloße Handlungssimulation wirkten, entstehe Skepsis und kein Vertrauen.
Das aktuelle Politbarometer enthält noch einen interessanten Hinweis: Nach der jüngsten personellen Umbildung fanden 55 Prozent die Wechsel grundsätzlich gut. Aber lediglich 17 Prozent erwarteten davon eine Verbesserung der Regierungsarbeit; 61 Prozent glaubten, dass sich dadurch nicht viel ändern werde.

Kommentare
Hier im Blog werden bei Abgabe von Kommentaren keine IP-Adressen gespeichert! Deine E-Mail-Adresse wird NIE veröffentlicht!