
Ein Möbelstück gerät unter Verdacht
Ich hätte nicht gedacht, dass mich ausgerechnet Philipp Amthors Strandkorb einmal beschäftigen würde. Aber inzwischen reicht offenbar ein Sitzmöbel, um den Zustand einer ganzen Partei zu erklären. Amthor lässt sich in der ZDF-Dokumentation „Inside CDU“ (ich habe alle Teile gesehen) dabei filmen, wie er seinen neuen Arbeitsplatz im Kanzleramt einrichtet. Das kann man selbstgefällig oder albern finden. Man darf sich auch fragen, ob ihm jemand hätte sagen sollen, wie diese Bilder wirken. Nach Angaben der Bundesregierung hat er den Korb einschließlich Lieferung und Aufbau allerdings selbst bezahlt. Wer daraus einen handfesten Skandal machen will, müsste schon erklären, worin dieser nun eigentlich bestehen soll. Aber Gründe brauchen wir gegenwärtig immer weniger. Hauptsache druff. Vor allem, wenn’s gegen die AfD und „neuerdings“ gegen die Union geht.
Nach meinem Eindruck läuft NIUS selbst der BILD-Zeitung inzwischen den Rang ab, wenn es darum geht, schlechte Stimmung zum publizistischen Programm zu machen. Mir geht diese Mischung aus Häme, Zuspitzung und demonstrativer Verachtung zunehmend gegen den Strich. Lesen muss ich sie zum Glück nicht.
NIUS war jedenfalls mal wieder früh dabei mit seiner Hetze. Bereits am 24. September stellte das Portal in seinem Beitrag über Amthors Strandkorb schlechte Wirtschaftsaussichten und die Krise der CDU der Lieferung des Möbelstücks gegenüber. Für den 28. September wurden Amthor, Spahn und Bareiß dann unter der Überschrift „CDU außer Kontrolle“ zusammengeführt. Wer die Aufregung ursprünglich angeschoben hat, lässt sich damit nicht abschließend sagen. Dass NIUS kräftig daran mitwirkte, ist dagegen ziemlich offensichtlich. Aus meiner Sicht verliert die BILD-Zeitung gegenüber NIUS immer schneller bei den negativen Vibes, die sie mit ihren elenden Artikeln verursachen. Nun, man muss so etwas wie NIUS nicht lesen und deshalb nicht so weit gehen, wie es angeblich Daniel Günter unerlaubterweise (laut Steinhöfel) getan haben soll. Er wollte NIUS verbieten, wenn ich es richtig im Kopf haben.
Unterschiedliche Fälle, dieselbe Empörung
Bei Spahn liegen die Dinge anders. Seine Abwesenheit im Haushaltsausschuss, die nach ARD-Recherchen mit der Erkrankung seines Kindes begründet wurde, und die gleichzeitig bekannt gewordenen Bilder aus Sardinien werfen nachvollziehbare Fragen auf. Diese Fragen gehören gestellt und beantwortet. Allerdings beweist ein Flughafenfoto allein noch keine erfundene Erkrankung. Auch bei einem Politiker, dessen Glaubwürdigkeit man bezweifelt, sollte zwischen Verdacht und Nachweis etwas Platz bleiben.
Packt man beide Geschichten in dieselbe Empörungskiste, verschwimmen die Maßstäbe. Hier steht die Wahrnehmung parlamentarischer Aufgaben zur Debatte, dort vor allem ein ungeschickter Auftritt. Zusammen ergibt sich das bequemere Bild: Die da oben lassen es sich gut gehen. Ich muss weder Spahn noch Amthor besonders schätzen, um diese Verkürzung fragwürdig zu finden. Schon bei Spahns Behandlung durch Markus Lanz hat mich gestört, wie schnell journalistisches Nachfragen den Charakter einer öffentlichen Vorführung annimmt.
Das Netz empört sich. Und nun?
Natürlich ist das kein exklusives Problem von NIUS. Die Versuchung reicht weit über einzelne Redaktionen und politische Lager hinaus. Ein Ausschnitt kursiert, einige Nutzer reagieren wütend, andere spöttisch. Daraus wird die nächste Nachricht: Das Netz empört sich. Die Berichterstattung vergrößert die Aufregung, über die anschließend erneut berichtet werden kann. Irgendwann wirkt schon die Zahl der Beiträge wie ein Beweis dafür, dass etwas Ungeheuerliches geschehen sein muss. Dabei haben wir zunächst nur erfahren, dass sich ein Thema gut vervielfältigen lässt.
Über diese Neigung, den politischen Lärm immer weiter zu verstärken, habe ich hier häufiger geschrieben. Ich nehme mich davon nicht aus. Auch ich ärgere mich, werde scharf und greife gelegentlich zu einem Wort, das größer ausfällt als sein Anlass. Gerade deshalb möchte ich mir die Frage erhalten, ob meine Empörung dem Vorgang noch angemessen ist. Bei politischen Gegnern fällt diese Prüfung erfahrungsgemäß besonders schwer. Sie bleibt trotzdem nötig.
Kritik braucht ein Maß
Politiker müssen sich kontrollieren lassen. Wer Verantwortung übernimmt, muss Auskunft geben, Widersprüche erklären und Fehler verantworten. Dafür braucht es hartnäckigen Journalismus. Seine Glaubwürdigkeit hängt aber auch daran, ob er zwischen Fehlverhalten, schlechtem Geschmack und einer albernen Szene unterscheiden kann. Wenn alles mit derselben Lautstärke verhandelt wird, geht diese Unterscheidung verloren. Dann steht irgendwann der Strandkorb neben dem möglichen Machtmissbrauch, als wären beide nur verschiedene Ausführungen desselben Übels.
Amthor lässt seinen Korb nun wieder abtransportieren. Damit hat die Geschichte ihre kleine Konsequenz und die Empörungsrunde ihren Abschluss. Ob jemand dadurch besser regiert, sorgfältiger recherchiert oder genauer hinsieht, bleibt offen. Mir wäre schon geholfen, wenn wir Politiker wieder stärker an ihren Entscheidungen messen würden. Ein leerer Balkon ist noch kein politischer Fortschritt.
Dass sich die Linken nicht zu schade sind, die ekligen Aussagen rechter Medien einfach so zu übernehmen, weil das bei rechten CDU-Politikern wie Spahn und Amthor wohl zum guten Ton gehört, finde ich falsch.
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