Wenn Journalisten den Lärm verstärken und die Demokratie darunter leidet

3. Mai 2026
4 Min.

Im Presseclub wurde unfreiwillig offengelegt, wie sehr politische Berichterstattung inzwischen von Aufregung, Haltungsnoten und digitaler Aufmerksamkeitslogik geprägt ist. Der Streit der Regierung wird nicht nur beobachtet, sondern medial verstärkt – während die Wirklichkeit vieler Menschen aus dem Blick gerät.

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Die Republik scheint inzwischen nur noch im Alarmzustand denkbar zu sein. Jeder Satz ein Skandal. Jede Meinungsverschiedenheit ein „Krisengipfel“. Jeder gereizte Tonfall ein Beweis für den bevorstehenden Zusammenbruch der Regierung. Wer heute politische Berichterstattung verfolgt, hat oft das Gefühl, weniger Zeuge demokratischer Prozesse zu sein als Zuschauer einer endlosen Realityshow.

Im heutigen Presseclub blitzte für einen kurzen Moment etwas Interessantes auf: ein seltenes Maß an Selbstkritik innerhalb der journalistischen Blase. Fast wirkte es so, als hätten einige Beteiligte begriffen, dass sie nicht nur Beobachter dieses politischen Klimas sind, sondern Teil seiner Verstärkung.

Es ging um Friedrich Merz, um die Streitigkeiten innerhalb der Regierung, um öffentliche Gereiztheit und schlechte Umfragewerte. Doch unter der Oberfläche ging es um etwas Größeres: um die Frage, wie Medien unsere Wahrnehmung von Politik deformieren.

Die Logik dahinter ist brutal simpel. Ein Kanzler, der erschöpft wirkt oder öffentlich klagt, produziert Klicks. Streit produziert Reichweite. Empörung produziert Sichtbarkeit. Die mühsame Arbeit an Gesetzen, Kompromissen oder Reformen produziert dagegen fast nichts außer Langeweile in den sozialen Netzwerken.

Und genau dort beginnt das Problem.

Denn Journalismus versteht sich gern als vierte Gewalt, als Kontrollinstanz der Demokratie. In Wahrheit ist ein großer Teil des politischen Betriebs längst Gefangener einer Aufmerksamkeitsmaschine geworden, die permanent nach emotionaler Eskalation verlangt. Die Folge: Politik wird nicht mehr nach Ergebnissen bewertet, sondern nach Inszenierung.

Wer hat härter zurückgeschlagen?
Wer wirkte genervt?
Wer jammerte?
Wer verlor die Fassung?

Das sind keine demokratischen Kategorien. Das sind Haltungsnoten.

Jasmin Mbarek von Die Zeit hat diesen Punkt bemerkenswert klar angesprochen. Sie kritisierte das „pathetische Draufspringen“ vieler Medien auf persönliche Konflikte und emotionale Ausbrüche. Und sie hat recht. Der politische Streit wird heute oft behandelt wie ein psychologisches Drama, nicht wie ein notwendiger Bestandteil demokratischer Aushandlung.

Dabei ist Demokratie anstrengend. Sie ist laut. Sie ist unerquicklich. Kompromisse entstehen nicht in harmonischen Morgenkreisen mit Kräutertee und Gitarrenmusik. Sie entstehen unter Druck, durch Interessenkonflikte, durch Machtkämpfe und gelegentlich auch durch Wut.

Dass Politiker sich anschreien oder öffentlich widersprechen, mag unerquicklich wirken. Aber die hysterische Dauerbewertung solcher Szenen macht daraus erst das große nationale Drama.

Gleichzeitig wäre es zu billig, die Verantwortung allein den Medien zuzuschieben. Politiker inszenieren sich selbst längst wie Figuren einer Streamingserie. Christoph Hickmann sprach im Presseclub von einer „Netflixisierung“ der Politik. Ein treffendes Bild.

Wer mit markigen Sprüchen wie „Schluss mit linksgrünen Spinnern“ Wahlkampf macht, erzeugt eine Fallhöhe, die später gnadenlos zurückschlägt. Die politische Sprache ist aggressiver geworden. Sie lebt von Übertreibung, Feindbildern und Dauererregung. Medien greifen das auf, verstärken es und schicken es millionenfach durch die digitalen Kanäle.

Ein Kreislauf aus Inszenierung und Verstärkung. Was dabei verloren geht, ist die Wirklichkeit vieler Menschen.

Im Presseclub wurde auch angesprochen, wie weit sich die Berliner Debatten oft von den Sorgen außerhalb der Hauptstadt entfernt haben. Während Journalisten und Politiker sich an rhetorischen Scharmützeln abarbeiten, fragen sich Menschen, wie sie ihre Miete bezahlen sollen, warum Schulen verfallen oder weshalb Eigentum für junge Familien unerreichbar geworden ist.

Diese Verschiebung ist fatal. Denn wenn demokratische Politik nur noch als permanente Streitshow wahrgenommen wird, entsteht der Eindruck völliger Handlungsunfähigkeit. Genau davon profitieren jene Kräfte, die Demokratie ohnehin verachten. Sie müssen gar nichts mehr zerstören. Es reicht, wenn das Vertrauen langsam zermahlen wird.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Gefahr unserer Zeit. Nicht der offene Angriff auf die Demokratie allein. Sondern die tägliche Erosion durch Dauerlärm, Zuspitzung und die Lust am politischen Nervenzusammenbruch.

Der heutige Presseclub zeigte unfreiwillig, wie tief dieses Problem bereits reicht. Einige Journalisten scheinen zu ahnen, dass sie selbst Teil jener Maschine geworden sind, die sie angeblich nur beschreiben.

Das allein wäre noch kein Unglück. Das Unglück beginnt dort, wo niemand mehr aus dieser Spirale aussteigen will.

Wie oft habe ich dieses Thema bereits hier angesprochen? Leider interessiert sich dafür niemand und deshalb kann sich auch nichts ändern.

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Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Rentner, Autor, Blogger und Hobbyfotograf

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