Eine Million Verdächtige? Warum diese Debatte gefährlich kippt.

Islamismus ist ein Problem. Der Umgang damit auch.

Sascha Adamek hat bei Markus Lanz eine Zahl in den Raum gestellt, die hängen bleibt wie Rauch in einem engen Zimmer: Eine Million Muslime in Deutschland seien anfällig für Radikalisierung. Man hört diese Zahl, und sofort beginnt im Kopf eine gefährliche Rechnung. Eine Million. Das klingt nach Bedrohung, nach Kontrollverlust, nach einem Land, in dem es ohnehin seit Langem unter der Oberfläche brodelt.

Nur: Genau an dieser Stelle müssen wir aufpassen. Nicht, weil Islamismus harmlos wäre. Das ist er nicht. Nicht, weil wir die Augen schließen sollten. Das wäre töricht. Sondern weil eine demokratische Gesellschaft daran zerbricht, wenn sie aus berechtigter Sorge einen Generalverdacht macht.

In Deutschland leben nach Angaben der Deutschen Islam Konferenz ungefähr 5,5 Millionen Menschen muslimischen Glaubens. Der oft genannte Wert von sechs Millionen ist also nicht völlig aus der Luft gegriffen, aber als harte aktuelle Zahl zu grob. Entscheidend ist ohnehin etwas anderes: Diese Menschen sind keine politische Masse, kein religiöser Block, kein Sicherheitsproblem auf zwei Beinen. Sie sind Nachbarn, Kollegen, Mitschülerinnen, Ärztinnen, Handwerker, Busfahrer, Rentner, Jugendliche, Steuerzahler, Vereinsmitglieder. Kurz: Teil dieses Landes.

Genau deshalb ist die Debatte über Islamismus so heikel. Sie muss geführt werden. Aber sie darf nicht so geführt werden, dass am Ende Millionen Menschen das Gefühl bekommen, sie stünden unter Bewährungsauflage.

Deutsche Islam Konferenz: Daten und Fakten über den Islam in Deutschland

Was die Münsteraner Studie wirklich sagt

Die Zahl «eine Million» beruht auf einer Hochrechnung aus der Münsteraner Studie zu Ressentiments unter Muslimen. Das Forschungsteam kommt zu dem Ergebnis, dass etwa ein Fünftel der 1.887 befragten Muslime Ressentiments zeigt, die in Verbindung mit weiteren Faktoren eine Radikalisierung begünstigen können.

Das ist ernst. Sehr ernst sogar. Wer das kleinredet, hilft niemandem. Islamismus arbeitet mit Kränkung, mit Opfererzählungen, mit dem Gefühl, von der Mehrheitsgesellschaft verachtet zu werden. Aus solchen Gefühlen können abgeschlossene Weltbilder entstehen. Aus abgeschlossenen Weltbildern können Feindbilder werden. Und Feindbilder sind der Rohstoff jeder Radikalisierung.

Aber die Studie sagt gerade nicht, dass 20 Prozent der Muslime radikalisiert sind. Sie sagt nicht, dass eine Million Menschen in Deutschland islamistisch handeln, Gewalt planen oder unsere freiheitliche Ordnung bekämpfen. Die Forscher warnen ausdrücklich davor, diesen rund 20 Prozent pauschal eine mögliche Radikalisierung zu unterstellen.

Das ist keine Spitzfindigkeit. Das ist der Unterschied zwischen Analyse und Alarmismus.

Universität Münster: 20 Prozent der Muslime verspüren Ressentiments

ZDFheute: Kränkung kann zu Radikalisierung beitragen

Die Gefahr ist real

Der Verfassungsschutz beziffert das islamistische Personenpotenzial in Deutschland für 2024 auf 28.280 Personen. Davon gelten 9.540 als gewaltorientiert. Auch das ist eine bedrückende Zahl. Jeder einzelne Mensch, der unsere Gesellschaft im Namen einer religiösen Ideologie bekämpft, ist einer zu viel.

Islamismus ist keine Einbildung empfindlicher Konservativer. Islamismus bedroht Juden, Frauen, Homosexuelle, liberale Muslime, säkulare Menschen, Lehrerinnen, Polizisten und am Ende die Demokratie selbst.

Aber genau deshalb muss die Sprache präzise bleiben. Wenn staatliche Sicherheitsbehörden von knapp 28.000 Personen im islamistischen Spektrum sprechen, dann ist es etwas anderes, wenn in einer Talkshow plötzlich eine Million Menschen im Raum steht. Beides darf nicht beliebig ineinanderfließen.

Aus «Ressentiment kann Radikalisierung begünstigen» wird im öffentlichen Lärm schnell: «Eine Million Muslime sind gefährlich.» Und dann ist der Schaden angerichtet.

Bundesamt für Verfassungsschutz: Islamismus und islamistischer Terrorismus

Sascha Adamek und der journalistische Alarm

Sascha Adamek ist kein Leichtgewicht. Er ist ein erfahrener Investigativjournalist. Sein Buch «Unterwanderung» und seine Recherchen bei Focus online beschäftigen sich mit dem politischen Islam, mit Geldflüssen, Vereinen, staatlicher Förderung und möglichen Verbindungen zu islamistischen Strukturen. Das ist legitim. Aber es gibt auch »Bild« , die solche Themen begierig aufgreifen. Von anderen rechtslastigen Erzeugnissen will ich gar nicht reden.

Der Focus-Artikel über Fördergelder für Islamic Relief Deutschland zeigt, worum es geht: staatliche Mittel, Berichte des Bundesrechnungshofs, Hinweise von Sicherheitsbehörden, mögliche Nähe zur Muslimbruderschaft. Wer solche Vorgänge recherchiert, betreibt keine Hetze, sondern erfüllt eine journalistische Aufgabe.

Aber auch gute Recherche schützt nicht vor Zuspitzung. Und Zuspitzung ist in diesem Themenfeld ein scharfes Messer. Man kann damit schneiden. Man kann damit aber auch gesellschaftliches Gewebe verletzen.

Die Frage lautet also nicht, ob Adamek über Islamismus schreiben darf. Natürlich darf er das. Die Frage lautet, ob seine Aussagen in Talkshows und Schlagzeilen noch sauber zwischen Islamismus, Ressentiment, Religiosität und muslimischem Alltagsleben unterscheiden. Genau dort wird es kritisch.

Focus online: Regierung förderte islamismusnahen Verein mit 15 Millionen Euro

Talkshows als Verstärker der Entfremdung

Was haben Diskussionen wie gestern bei Markus Lanz für einen Wert? Sie können aufklären. Sie können blinde Flecken sichtbar machen. Sie können Politiker zwingen, ausweichende Sätze zu verlassen. Das ist die gute Seite.

Die schlechte Seite ist: Solche Sendungen verwandeln komplizierte soziale Wirklichkeit gern in ein moralisches Schachbrett. Hier die Warner. Dort die Verharmloser. Hier der Islamismus. Dort die angebliche Naivität. Dazwischen Millionen Menschen, über die gesprochen wird, aber selten so, dass sie noch als einzelne Menschen vorkommen.

Das Problem ist nicht nur die Schärfe der Islamismus-Kritik. Das Problem ist auch die Reaktion darauf. Wer jede Kritik an islamistischen Strukturen sofort als antimuslimischen Reflex behandelt, macht es den Falschen leicht. Wer aber jeden muslimischen Widerspruch als Beleg für mangelnde Integration wertet, treibt Menschen ebenfalls weg.

So entsteht Entfremdung auf beiden Seiten. Die einen fühlen sich von einer Mehrheitsgesellschaft verdächtigt, die anderen fühlen sich von Teilen der Politik beschwichtigt. Und mittendrin wachsen allgemeine Verdächtigungen.

Bild: Bericht zur Lanz-Sendung über Islamismus

Eine Gesellschaft, die ohnehin unter Spannung steht

Deutschland strotzt nicht nur vor Problemen mit Islamismus. Deutschland strotzt auch vor Ausländerfeindlichkeit, vor Ressentiments gegen Muslime, vor einer wachsenden Lust am Pauschalurteil. Wer in sozialen Netzwerken unterwegs ist, sieht das täglich. Da wird aus dem Islam schnell «der Islam». Aus einzelnen Tätern werden «die Muslime». Aus religiöser Fremdheit wird eine angebliche Unvereinbarkeit mit Deutschland.

Das ist Gift.

Gleichzeitig wäre es genauso giftig, Islamismus aus Angst vor rechter Instrumentalisierung zu verschweigen. Wir dürfen nicht in diese falsche Wahl gedrängt werden: entweder harte Kritik am Islamismus oder Schutz muslimischer Menschen vor Pauschalisierung. Eine demokratische Gesellschaft muss beides können.

Sie muss Islamismus bekämpfen, ohne Muslime zu verdächtigen.

Sie muss muslimisches Leben schützen, ohne islamistische Machtansprüche zu dulden.

Sie muss Integration einfordern, ohne Zugehörigkeit ständig unter Vorbehalt zu stellen.

Das klingt anstrengend. Ist es auch. Demokratie ist keine Wellness-Anwendung.

Der entscheidende Punkt: Präzision statt Panik

Der Begriff Islamismus muss präzise bleiben. Er bezeichnet eine politische Ideologie, die Religion zur Ordnung von Staat und Gesellschaft machen will und dabei oft mit autoritären, antisemitischen, frauenfeindlichen oder demokratiefeindlichen Vorstellungen verbunden ist. Das ist etwas anderes als muslimischer Glaube. Es ist auch etwas anderes als konservative Religiosität, so fremd sie einem persönlich erscheinen mag.

Wer das verwischt, hilft den Islamisten sogar. Denn sie behaupten selbst gern, sie sprächen für «die Muslime». Genau diese Anmaßung darf eine offene Gesellschaft nicht übernehmen.

Die Münsteraner Studie ist ein Warnsignal. Sie zeigt, dass Kränkung, Ausgrenzung und mangelnde Integration in gefährliche Ressentiments münden können. Aber sie zeigt auch, wie wichtig eine genaue Sprache ist. Wer aus Anfälligkeit bereits Schuld macht, verschärft das Problem, das er bekämpfen will.

Was jetzt nötig wäre

Wir brauchen mehr Klarheit bei der Finanzierung religiöser und politischer Vereine. Keine staatlichen Gelder für Organisationen, die in der Nähe islamistischer Netzwerke stehen. Keine falsche Toleranz gegenüber Strukturen, die Gleichberechtigung, Religionsfreiheit oder jüdisches Leben relativieren. Da darf der Staat nicht blinzeln.

Wir brauchen aber genauso eine klare Absage an die pauschale Verdächtigung muslimischer Menschen. Wer fünf Millionen Menschen mit einem Sicherheitsproblem verwechselt, beschädigt dieses Land. Und zwar nicht am Rand, sondern im Innersten.

Gute Politik müsste beides verbinden: harte Kante gegen Islamismus und offene Hand gegenüber jenen Muslimen, die längst Teil dieser Gesellschaft sind. Das ist keine Naivität. Das ist demokratische Vernunft.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir über Islamismus reden. Natürlich müssen wir darüber reden. Die entscheidende Frage ist, ob wir so darüber reden, dass am Ende weniger Angst entsteht und mehr Wirklichkeit sichtbar wird.

Denn dieses Land hat genug Brandbeschleuniger. Was fehlt, ist nicht noch mehr Lärm. Was fehlt, ist eine Sprache, die trifft, ohne blind zu schlagen.

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Horst Schulte
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Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Rentner, Autor, Blogger und Hobbyfotograf

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