Wer kann das schon von „echter“ Musik unterscheiden?

18. Juni 2026
4 Min.

Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Musik im Vergleich zu anspruchsvollen Texten oder solchen, die es sein möchten, dudelt ja ohnehin vor sich hin oder scheint das nur so?

ki musik mensch emotion.

Wirklich «sehr erfolgreiche» KI-Popsongs im klassischen Sinn gibt es noch nicht viele. Meist reden wir über virale Streaming-Erfolge, iTunes-Spitzenplätze, TikTok-Wellen oder Spezialcharts — nicht über Welthits wie «Blinding Lights» oder «Shape of You». Da steht KI-Musik noch eher am Rand des Mainstreams, aber sie klopft schon ziemlich laut an die Tür.

SongKI-BezugErfolg
«Heart on My Sleeve» – Ghostwriter977KI-Stimmen im Stil von Drake und The Weeknd; nicht offiziell autorisiertGuinness führt ihn als meistgestreamten KI-generierten Track; viral mit Millionen Abrufen, später von Plattformen entfernt.  
«Verknallt in einen Talahon» – ButterbroVollständig mit Udio erzeugt: Musik, Gesang und ArtworkEinstieg auf Platz 48 der deutschen Singlecharts; Guinness nennt ihn den ersten vollständig KI-generierten Track in einer nationalen Chart.  
«Walk My Walk» – Breaking RustKI-generierter Country-/Pop-Crossover mit virtueller KünstlerfigurPlatz 1 der Billboard Country Digital Song Sales; über 3 Mio. Spotify-Streams wurden berichtet. Der Erfolg ist aber umstritten, weil Digital-Sales-Charts heute relativ leicht zu bewegen sind.  
«Celebrate Me» – IngaRoseLaut Berichten mit Suno erstellt; virtuelle KI-KünstlerinErreichte Platz 1 der iTunes-Charts in den USA und mehreren weiteren Ländern. Auch hier: iTunes ist sichtbar, aber nicht mehr der große Pop-Maßstab von früher.  
«Into the Blue» – Sienna RoseDeezer/Rolling Stone zufolge wurden viele Songs/Alben von Sienna Rose als KI erkannt bzw. markiertSehr hohe Spotify-Zahlen; «Into the Blue» wird dort mit über 15 Mio. Streams angezeigt, außerdem landeten mehrere Songs in Spotifys Viral-50-USA-Liste.  

Allein auf Deezer werden täglich über 50’000 KI-Songs hochgeladen – ein Drittel der gesamten Uploads. Auf grossen Plattformen wie Spotify, YouTube oder Apple Music ist die Flut entsprechend gross.

Quelle

Das sind einige Titel, die ziemlich erfolgreich bzw. bekannt wurden. Mein Misstrauen ist, seitdem ich verstanden habe, wie stark die Durchdringung des Musikmarktes mit KI-Musik bereits ist, gewachsen. Seltsam ist das deshalb, weil ich glaubte, keine Berührungsängste mit KI zu haben – im Allgemeinen jedenfalls.

Mein Eindruck: Der bislang bekannteste KI-Musik-Moment bleibt »Heart on My Sleeve«, weil er die Branche erschreckt hat wie ein Glas, das nachts in der Küche plötzlich zerspringt. Der charttechnisch sauberste deutsche Fall ist «Verknallt in einen Talahon». Und Sienna Rose / Breaking Rust / IngaRose zeigen, wohin die Reise geht: nicht unbedingt große Kunst, aber große Reichweite. Genau diese Mischung macht es so unheimlich interessant – und ein bisschen unheimlich ohnehin.

Wie seht ihr das eigentlich mit KI-Musik?

Wer keine KI-Texte lesen will, wird ganz bestimmt auch keine KI-Musik mögen. Oder ist das bei Musik plötzlich egal, weil sie nebenbei läuft, weil sie nicht «argumentiert», weil sie keine Haltung simuliert, sondern nur Stimmung erzeugt? Ich bin mir da selbst nicht ganz sicher.

Jedenfalls wird es schwierig werden, KI-generierte Musik überhaupt zuverlässig zu erkennen. Bei Texten stolpern wir manchmal noch über diese typische Glätte, über Sätze, die aussehen, als hätten sie vor dem Absprung noch ein Sakko übergezogen. Bei Musik ist das komplizierter. Wenn ein Song gefällig klingt, sauber produziert ist und nicht weiter stört, fragt am Ende kaum jemand: Wer oder was hat das eigentlich gemacht?

Und dann sind wir wieder mitten in der alten Kennzeichnungsfrage. Bei Texten wird sie gerade mit großer Empörung verhandelt. Habt ihr mitbekommen, dass Springer-Chef Mathias Döpfner der Chefredaktion der FAZ eine kritische Antwort auf einen Vorgang geschrieben hat, der öffentlich lautstark diskutiert wurde? Es ging um einen Beitrag, der vermeintlich von Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt geschrieben wurde, der jedoch, wie sich nachher herausstellte, mit KI erstellt wurde. So ganz ohne Hinweis, weil – so Voigt der Umgang mit KI als Werkzeug inzwischen doch selbstverständlich sei. Es scheint – jedenfalls für mich so – als sei diese Öffentlichkeit für KI noch nicht reif.

Die Pointe: Döpfners Antwort wurde selbstredend ebenfalls von einer KI erstellt, nämlich mit Gemini.

Is’n Ding, oder?

Da steht man dann ein bisschen ratlos am digitalen Gartenzaun und fragt sich: Geht es hier wirklich um Transparenz? Um journalistische Redlichkeit? Um die Angst vor Maschinen? Oder längst auch um ein sehr menschliches Spiel aus Pose, Macht und kleiner öffentlicher Erregung?

Bei Musik wird diese Debatte vermutlich noch seltsamer. Denn wenn ein KI-Song im Hintergrund dudelt, beim Kochen, beim Autofahren oder im Café, fehlt der Skandal oft schon deshalb, weil niemand genau hinschaut. Oder besser: hinhört. Das wiederum sehe ich (bisher) noch anders.

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Rentner, Autor, Blogger und Hobbyfotograf

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