Übertreiben wir mit unserer Trump-Kritik? Ich glaube nicht. Andere schon.

Ja, man kann beides sein – kritisch gegenüber Trump und zugleich anerkennend gegenüber einzelnen politischen Effekten, Instinkten oder taktischen Erfolgen. Das wirkt von außen schnell widersprüchlich. Es ist aber nicht zwingend Bewunderung. Es kann auch der Versuch sein, Trump nicht nur moralisch, sondern machtpolitisch zu lesen. Erik Kirschbaum, us-amerikanischer Journalist, ist in Deutschland kein Unbekannter. Bei ihm scheint genau das der rote Faden zu sein: Er widerspricht der in Deutschland häufig sehr ablehnenden Trump-Deutung, ohne Trump deshalb durchgehend zu verteidigen. Zuletzt war das in einer Phoenix-Runde zu besichtigen.

Mein Eindruck nach der Recherche: Kirschbaum ist kein klassischer Trump-Bewunderer, aber ein deutlich trump-verstehender Kommentator. Er neigt dazu, deutschen Alarmismus, moralische Empörung und europäische Trump-Panik zu bremsen. Gleichzeitig kritisiert er Trump dort, wo er dessen Politik für chaotisch, gefährlich oder schwach hält.

Im Januar 2026 kritisierte Kirschbaum bei WELT TV ausdrücklich die deutsche Berichterstattung über Trump. Er warf ihr vor, oft zu negativ und moralisierend zu sein, statt sachlich einzuordnen. Das ist kein Lob Trumps im engeren Sinn, aber klar eine Kritik an der deutschen Anti-Trump-Grundierung.  

Ähnlich klang es im März 2026 im Tagesspiegel: Dort wird Kirschbaum mit der Haltung dargestellt, die deutsche Wahrnehmung der USA sei verzerrt; er teile die Sorge vor einem Abrutschen der USA in den Faschismus nicht und vertraue auf Supreme Court, Kongress und Medien. Auch das ist eine beruhigende, institutionengläubige Gegenposition zur verbreiteten deutschen Trump-Angst.  

Auf der anderen Seite gibt es deutliche Kritik. Im Mai 2025 bezeichnete Kirschbaum Trumps Zollpolitik bei WELT TV als «Chaos pur» und «Gift für die Wirtschaft»; er sagte, Trump werde dieses Spiel früher oder später verlieren. Das ist dann wieder ziemlich weit entfernt von Bewunderung. Im April 2026 analysierte er zudem, Trump stehe wegen des Iran-Kriegs zunehmend unter Druck, auch in den eigenen Reihen.  

Dann gibt es aber wieder die anerkennende Linie: Im Oktober 2025 lobte Kirschbaum Trumps Friedensbemühungen im Nahost-Kontext und sagte sinngemäß, man müsse ehrlich anerkennen, dass Trump Dynamik aufgerüttelt habe; er fügte an, in Deutschland höre man nicht gern, dass Trump auch positiv wirken könne. Im August 2025 plädierte er in einem WELT-Beitrag unter der Überschrift «Gebt Trump eine Chance!» dafür, Trumps Ukraine-/Putin-Initiative nicht von vornherein durch europäische Skepsis zu blockieren.  

Interessant ist auch seine «Madman-Theorie»-Lesart. Nach den verfügbaren Zusammenfassungen argumentierte Kirschbaum im November 2025, Europa solle Trumps Drohungen und Provokationen nicht immer wörtlich nehmen, sondern als Teil einer taktischen Unberechenbarkeit begreifen. Das ist keine moralische Entlastung, aber eine strategische Einordnung: Trump als Bluff-Spieler, nicht nur als politischer Brandstifter.  

In der US-amerikanischen Öffentlichkeit ist das Bild dünner, jedenfalls bei öffentlich auffindbaren jüngeren Beiträgen. Seine stärker sichtbaren aktuellen Trump-Beiträge erscheinen vor allem in deutschen Medien, besonders bei WELT TV/WELT, Phoenix, Deutschlandfunk und Tagesspiegel. Ältere Arbeiten in US-Medien wie der Los Angeles Times zeigen eher die klassische Korrespondentenrolle: Er erklärt Europa/Deutschland und transatlantische Reibungen, oft mit kritischem Blick auf Trump und seine Wirkung auf Bündnisse. Ein älterer LA-Times-Beitrag über Trumps Europa-Reise beschreibt etwa die Skepsis Europas gegenüber Trump. Ein öffentlich zugänglicher englischer Beitrag in den Frankfurter Heften erklärt 2024 eher, warum viele Deutsche Trump und seine anhaltende Stärke nicht verstehen; dort beschreibt Kirschbaum Trumps Popularität analytisch, nicht schwärmerisch.  

Meine Einordnung: Kirschbaum wirkt nicht wie jemand, der Trump politisch verehrt. Er wirkt eher wie jemand, der sich an deutscher Trump-Gewissheit reibt. Er will offenbar sagen: Trump ist nicht nur Irrsinn, nicht nur Faschismusgefahr, nicht nur Krawall. Er ist auch Ausdruck realer amerikanischer Stimmungen, politischer Instinkte, Machttechnik und gelegentlich wirksamer Druckpolitik. Genau diese Haltung kann in Deutschland schnell aussehen wie Trump-Nähe, weil hier schon der Versuch der Einordnung als Verharmlosung gelesen wird.

In einem namentlich gezeichneten Leitartikel bezeichnete Chefredakteur Klaus Brinkbaeumer Trump als „Lügner, Rassisten und Betrüger“, der die Vereinigten Staaten zur „Lachnummer“ gemacht habe. Er fügte hinzu: „Er muss aus dem Weißen Haus entfernt werden, bevor es noch schlimmer wird.“

Quelle – Kirschbaum für die Los Angeles Times im Jahr 2017

Der kritische Punkt bleibt: Wer Trump immer wieder «versteht», läuft Gefahr, dessen destruktive Seite kleiner erscheinen zu lassen. Wer aber Trump nur moralisch verdammt, versteht seine politische Wirkung nicht. Kirschbaum scheint zwischen diesen Polen zu stehen — manchmal erhellend, manchmal irritierend, manchmal auch etwas zu nachsichtig gegenüber dem politischen Zerstörungspotenzial Trumps.

Ich halte es für interessant, sich mit diesen Schwankungen eines IMHO sympathischen und liberalen US-Amerikaners in der Sicht auf seinen Präsidenten zu befassen. Ich wundere mich über diejenigen, die es schaffen, ihre Einordnungen ohne Grautöne und ohne eigene Zweifel vorzutragen.

Ich frage mich manchmal, wie es sein kann, dass trotz der vernichtenden Meinungsbeiträge zu Trump im Inland sowie im europäischen Ausland immer noch über 40 % der Amerikaner nach Umfragen auf Trumps Seite sind. Ob die allgegenwärtigen negativen (globalen [sic?]) Kommentare da vielleicht auch eine Rolle spielen? Wer mag es schon, wenn über den eigenen Regierungschef penetrant und ohne Unterlass so negativ berichtet wird (unseren eigenen natürlich ausgenommen!).

Ernsthaft: Denken wir schon mal darüber nach, welche Schäden die anhaltend „schlechte Presse“, all die unterirdischen Meinungsbeiträge (auch hier) gegen Trump aber ebenso gegen unsere eigene Regierung, einzelne Politiker der Regierung oder auch die AfD und ihr Personal auslöst? Werden wir uns auf lange Sicht jemals wieder einander annähern und diese harten gegenseitigen Verurteilungen hinter uns lassen können? Wie konnten wir unsere Fähigkeiten (Debattenkultur) so vernachlässigen, wie konnten sie so verkümmern? Das kann nicht so weitergehen.

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Horst Schulte
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Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Rentner, Autor, Blogger und Hobbyfotograf

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