Prominent – auf der 1. Seite der Focus-Website – wird gerade ein Buch des Islamismusexperten Sascha Adamek angepriesen mit dem Titel: Scharia in Deutschland: Politischer Islam unterwandert uns. So ein Zufall. Erst gestern Abend war der Autor bei Markus Lanz und stellte seine Buch-Thesen in den Raum. Wer da wohl alles begierig vor den TV-Geräten saß und sich über die drei Damen, die allesamt ziemlich nervige Vorträge in „eigener Sache“ hielten, seinerseits aufgeregt hat. Es waren viele, da bin ich sicher.
Wenn ein Foto plötzlich Beweis spielen soll
Es gibt diese Bilder, die gar nicht mehr zeigen müssen, was wirklich geschehen ist. Sie müssen nur wirken. Ein kurzer Moment, ein Arm, ein Lächeln, eine Schulter, ein Mikrofon. Zack, fertig ist die politische Erzählung. Die Bildrhetorik hat gesprochen, bevor der Verstand überhaupt die Schuhe angezogen hat.
Genau daran musste ich denken, als ich den Focus-Text von Sascha Adamek gelesen habe:
Dort wird ein Foto erwähnt, auf dem Imam Mohamed Taha Sabri die Berliner Grünen-Politikerin Bettina Jarasch umarmt. Daraus entsteht die Andeutung politischer Nähe, vielleicht sogar ideologischer Nähe. Das ist ein starkes Bild. Aber ein starkes Bild ist noch kein starker Beweis.
Die Umarmung ersetzt keine Recherche
Wir sollten über politischen Islam reden. Natürlich. Der Verfassungsschutz nennt für 2024 ein islamistisches Personenpotenzial von 28.280 Personen:
Das ist keine Kleinigkeit. Wer daraus aber eine pauschale Verdächtigung von Muslimen macht oder aus einer öffentlichen Umarmung eine ideologische Verbrüderung ableitet, verlässt den Boden seriöser Analyse.
Merkwürdig ist der Vorgang schon. Wenn ein Imam als besonders radikal gezeichnet wird, fragt man sich: Würde ein solcher Mann eine Politikerin öffentlich herzlich umarmen? In streng konservativen islamischen Milieus gilt schon der Handschlag zwischen Männern und Frauen oft als problematisch. Genau deshalb müsste man vorsichtig sein. Das Foto kann Fragen auslösen. Es beantwortet sie aber nicht.
Das andere Foto: CDU, AfD und die Brandmauer
In den letzten Tagen lief ein ähnlicher Mechanismus in Sachsen-Anhalt ab. Ein Foto zeigte den CDU-Fraktionschef Guido Heuer und den AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund bei einer Podiumsdiskussion in Halberstadt. Heuer stützt sich auf Siegmunds Schulter, beide greifen ans gleiche Mikrofon. Das sah vertraut aus. Sehr vertraut sogar.
Die Szene wurde sofort zur Frage nach der Brandmauer. Bröckelt sie? Gibt es da mehr Nähe, als öffentlich eingeräumt wird? Ein Videoausschnitt ließ den Moment dann allerdings anders erscheinen als das einzelne Foto. Nicht völlig harmlos. Aber eben auch nicht eindeutig. Es zeigte eher eine lockere, spöttische, politische Bühnensituation. Dass beide Männer sich duzen, macht die Sache politisch nicht schöner, aber auch daraus entsteht noch keine Koalition im Geiste.
Berichte dazu:
https://www.zeit.de/news/2026-06/14/aufregung-um-cdu-afd-foto-aus-sachsen-anhalt
Bildrhetorik ist bequem. Demokratie ist mühsamer.
Das Gemeinsame beider Fälle ist die Bildrhetorik. Ein Bild wird genommen, aufgeladen, zugespitzt und dann als politischer Schnellkochtopf benutzt. Bei Jarasch und dem Imam soll es Nähe zum politischen Islam beweisen. Bei Heuer und Siegmund soll es Nähe zur AfD beweisen. In beiden Fällen gilt: Man darf darüber reden. Man darf solche Bilder politisch einordnen. Aber man sollte nicht so tun, als ersetzten sie Belege.
Fotos sind tückisch. Sie frieren Sekunden ein und geben ihnen den Anschein von Ewigkeit. Ein Video kann schon mehr zeigen. Aber auch ein Video bleibt Ausschnitt. Kontext ist kein Schmuck am Artikel, sondern Pflicht.
Wer Islamismus bekämpfen will, braucht Präzision. Wer die AfD politisch stellen will, braucht ebenfalls Präzision. Alles andere hilft am Ende den Falschen. Denn unsaubere Bildrhetorik erzeugt Misstrauen, schürt Vorurteile und treibt Menschen auseinander.
Ein Bild kann ein Anfang sein. Es darf aber nicht das Urteil sein. Und wir regen uns derweil weiter über den Einsatz von KI auf…
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