Generationengerechtigkeit statt Generationenkampf

12. Juni 2026
10 Min.

Christian Reiermanns Provokation von der «Tyrannei der Alten» trifft einen wunden Punkt, führt aber in die falsche Richtung. Deutschland braucht keinen Generationenkampf, sondern einen neuen Gesellschaftsvertrag: sichere Renten, faire Lasten, mehr Chancen für Junge und Schutz vor Altersarmut.

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Eine Provokation, die ins Mark trifft

Christian Reiermann hat im SPIEGEL ($) einen Satz in die Debatte geworfen, der im eigenen Fleisch hängen bleibt wie der Haken an einer schlecht geworfenen Angel: Deutschland leide unter der «Tyrannei der Alten». Das ist hart. Es ist zugespitzt. Es ist auch ungerecht. Aber es wäre zu billig, den Satz nur empört vom Tisch zu wischen. Denn unter der Provokation liegt ein echtes Problem, und dieses Problem wird uns nicht deshalb verlassen, weil wir es sprachlich unschön finden.

Die demografische Entwicklung ist keine politische Laune. Sie ist auch keine Erfindung der üblichen Reformprediger, die gern mit düsterer Stimme verkünden, der Sozialstaat müsse jetzt endlich in die Werkstatt. Die Babyboomer gehen in Rente. Die Zahl der Erwerbstätigen wird relativ kleiner. Die Zahl älterer Menschen steigt. Destatis weist darauf hin, dass in den kommenden Jahren 13,4 Millionen Erwerbspersonen das Rentenalter erreichen. Jüngere Jahrgänge ersetzen diese Menschen zahlenmäßig nicht. Quelle: Destatis

Das ist der harte Boden unter der Debatte. Da hilft keine Romantik. Da hilft aber auch kein Zorn auf «die Alten». Wer aus dieser Lage einen Generationenkampf macht, verspielt genau das, was wir am dringendsten brauchen: Einsicht, Vertrauen und die Bereitschaft, Zumutungen gemeinsam zu tragen.

Generationengerechtigkeit beginnt nicht mit Schuldzuweisungen. Sie beginnt mit Ehrlichkeit.

Die Alten sind keine Klasse, die Jungen kein Opferkollektiv

Reiermanns Text hat seine stärksten Momente dort, wo er daran erinnert, dass Politik die Interessen der Jungen zu oft behandelt wie einen Nachtrag im Kleingedruckten. Rentenversprechen werden gemacht, Leistungen ausgeweitet, Beitragssätze steigen, Steuerlasten bleiben hoch, und dann wundert man sich, wenn junge Leute irgendwann sagen: «Macht euren Laden doch allein weiter.»

Das ist kein Trotz. Das ist ein Signal.

Aber die Formel «Alt gegen Jung» ist zu grob. Sie sortiert Menschen nach Geburtsjahr und übersieht, wie unterschiedlich die Lebenslagen sind. Es gibt Rentnerinnen, die jeden Monat rechnen müssen. Es gibt ältere Menschen, die in Altersarmut leben oder knapp darüber. Nach Destatis waren 2025 19,5 Prozent der Menschen ab 65 Jahren armutsgefährdet. Quelle: Destatis

Wer diesen Menschen erklärt, sie gehörten zur «bestversorgten Rentnergeneration der Geschichte», sollte sich vorher vielleicht einmal mit ihnen an den Küchentisch setzen. Dort, wo Rechnungen liegen. Strom, Miete, Medikamente, Pflege, Brille, Hörgerät. Da riecht nichts nach Tyrannei. Da riecht es nach Angst vor dem nächsten Briefumschlag.

Zugleich gibt es ältere Menschen mit schuldenfreien Immobilien, guten Betriebsrenten, Pensionen, Ersparnissen, Erbschaften und politischer Durchsetzungskraft. Es gibt junge Menschen mit reichen Eltern und junge Menschen ohne jede Rücklage. Es gibt akademische Aufsteiger, die Deutschland verlassen, und junge Beschäftigte, die gar nicht die Mittel hätten, irgendwo neu anzufangen.

Der wahre Konflikt verläuft deshalb nicht sauber zwischen Alt und Jung. Er verläuft zwischen abgesichert und ungesichert. Zwischen vermögend und vermögenslos. Zwischen gehört und übersehen. Zwischen jenen, die Risiken abfedern können, und jenen, die bei jedem Stoß ins Rutschen geraten.

Eine Politik der Generationengerechtigkeit muss genau dort ansetzen.

Der stille Exodus ist ein Warnsignal

Reiermann beschreibt, dass junge Menschen ihre Entscheidungen anpassen. Weniger arbeiten, weil sich mehr Einsatz nicht lohnt. Auswandern, weil andere Länder mehr Netto, bessere Chancen oder weniger Bürokratie versprechen. Auch das darf man nicht leichtfertig abtun.

Für 2025 wird berichtet, dass etwa 289.000 Deutsche ins Ausland gezogen sind; 2024 waren es 269.986. Quelle: Mediendienst Integration⁠, BAMF

Nicht jeder Fortzug ist eine Flucht vor Deutschland. Manche gehen für Studium, Liebe, Berufserfahrung, Abenteuer oder Sonne. Auch Sonne soll ja gelegentlich eine Rolle spielen, selbst in Debatten über Sozialbeiträge. Aber wenn gut ausgebildete Menschen dauerhaft den Eindruck gewinnen, dass Leistung hier stark belastet, Wohneigentum unerreichbar, Verwaltung lähmend und Aufstieg unwahrscheinlich wird, dann ist das mehr als eine Statistik. Dann verliert ein Land Zuversicht in Gestalt von Menschen.

Das besonders Bittere ist: Deutschland braucht genau diese Menschen. Es braucht ihre Arbeit, ihre Steuern, ihre Ideen, ihre Unternehmen, ihre Pflege, ihre Forschung, ihre Schulen, ihre Handwerksbetriebe, ihre Software, ihre Praxen, ihre Energie.

Wer Generationengerechtigkeit ernst nimmt, muss jungen Menschen wieder einen Grund geben zu bleiben. Nicht mit Pathos. Nicht mit Sonntagsreden. Sondern mit einem Staat, der funktioniert, Arbeit entlastet, Wohnen ermöglicht, Bildung verbessert und private Vorsorge nicht zu einem Luxusgut macht.

Sozialer Frieden braucht mehr als Rentenmathematik

Die Versuchung ist groß, diese Debatte wie eine Excel-Tabelle zu behandeln. Beitragssätze rauf, Rentenniveau runter, Mehrwertsteuer hoch, Einkommensteuer runter. Fertig ist das Reformgericht. Nur leider sitzt am Tisch eine Gesellschaft, kein Taschenrechner.

Deutschland ist eine heterogene Gesellschaft. Alte und Junge, Ost und West, Stadt und Land, Zugewanderte und Einheimische, Akademiker und Nichtakademiker, Eigentümer und Mieter, Beamte und Selbstständige, Pflegekräfte und Büroangestellte. Eine solche Gesellschaft darf man mit Reformen nicht überfahren. Sie muss verstehen können, warum etwas geschieht. Sie muss sehen können, dass Lasten fair verteilt werden. Und sie muss darauf vertrauen können, dass niemand unter die Räder kommt.

Genau hier liegt der Fehler in der Provokation von der «Tyrannei der Alten». Sie erzeugt Aufmerksamkeit, aber keine Brücke. Sie benennt eine Schieflage, aber sie beleidigt auch viele, die gar keine Macht besitzen. Wer Altersarmut kennt, hört in diesem Begriff keinen Weckruf, sondern eine Kränkung.

Der soziale Frieden wird nicht geschützt, indem man die Älteren schont und die Jüngeren weiter belastet. Er wird aber auch nicht geschützt, indem man den Älteren pauschal die Rechnung präsentiert. Der soziale Frieden braucht eine andere Logik: Wer tragen kann, trägt mehr. Wer Schutz braucht, wird geschützt. Wer Zukunft aufbauen soll, bekommt Spielraum.

Das ist Generationengerechtigkeit ohne Generationenkampf.

Was an Reiermanns Kritik stimmt

Reiermann hat recht, wenn er sagt, dass die Politik jungen Menschen zu viel zumutet. Hohe Sozialbeiträge, hohe Steuerlast, teure Wohnungen, unsichere Vorsorge, marode Infrastruktur, langsame Verwaltung, schlechte Digitalisierung und eine Rentenpolitik, die gern so tut, als sei jeder neue Zuschuss ein Geschenk des Himmels und nicht eine Buchung zulasten künftiger Beitragszahler.

Er hat auch recht, wenn er teure, schlecht zielgenaue Leistungen kritisiert. Die Mütterrente ist politisch beliebt, aber sozialpolitisch unscharf. Die Rente mit 63 kann für körperlich hart arbeitende Menschen gerecht sein, wird aber problematisch, wenn gut abgesicherte Fachkräfte früher aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden, während überall Arbeitskräfte fehlen.

Und natürlich stimmt: Eine Gesellschaft, in der immer weniger Erwerbstätige immer mehr Renten-, Pflege- und Gesundheitskosten tragen sollen, bekommt ein Stabilitätsproblem.

Aber aus richtiger Diagnose folgt nicht automatisch die richtige Therapie. Wer nur sagt: «Die Alten müssen verzichten», unterschlägt die sozialen Unterschiede innerhalb der älteren Generation. Und wer die Mehrwertsteuer erhöhen will, um Einkommensteuer zu senken, sollte erklären, wie er Menschen mit kleinen Einkommen schützt. Denn Konsumsteuern treffen auch jene, die fast ihr gesamtes Geld zum Leben ausgeben müssen.

Reiermanns Text ist also ein Streichholz. Es bringt Licht. Es kann aber auch etwas anzünden.

Ein neuer Gesellschaftsvertrag

Der Gegenentwurf muss anders beginnen. Nicht mit Strafe. Nicht mit Verdacht. Nicht mit moralischer Abrechnung. Sondern mit einem neuen Gesellschaftsvertrag.

Dieser Vertrag müsste lauten: Niemand verliert seine Würde im Alter. Aber niemand darf seine Sicherheit dauerhaft auf Kosten der Zukunft anderer garantieren.

Kleine und mittlere Renten müssen geschützt werden. Altersarmut darf nicht der Kollateralschaden einer Reformpolitik sein. Wer sein Leben lang gearbeitet, Kinder großgezogen, Angehörige gepflegt oder in schlecht bezahlten Berufen durchgehalten hat, darf im Alter nicht mit dem Taschenrechner am Küchentisch sitzen und hoffen, dass die Waschmaschine noch ein Jahr mitmacht.

Gleichzeitig müssen teure Privilegien zurückgebaut werden. Die Rente mit 63 gehört neu geordnet: Schutz für körperlich belastete Berufe, aber keine pauschale Frühverrentung für alle, die es sich leisten können. Die Mütterrente sollte nicht weiter ausgebaut, sondern eingefroren und stärker durch gezielte Hilfen gegen Altersarmut ersetzt werden.

Arbeit muss entlastet werden, vor allem kleine und mittlere Einkommen. Aber nicht durch eine plumpe Verschiebung zur Mehrwertsteuer. Gerechter wäre eine Finanzierung über sehr große Erbschaften, hohe Vermögen, den Abbau unsinniger Subventionen und eine ehrlichere Trennung zwischen beitragsfinanzierten Rentenleistungen und gesamtgesellschaftlichen Aufgaben.

Generationengerechtigkeit heißt nicht: Rentner gegen Arbeitnehmer. Generationengerechtigkeit heißt: Arbeit, Vermögen, Erbschaften, Konsum, Rente und Pflege so zu ordnen, dass die Gesellschaft nicht auseinanderläuft.

Die junge Generation braucht mehr als warme Worte

Junge Menschen brauchen nicht nur niedrigere Abgaben. Sie brauchen ein Land, in dem sich Anstrengung wieder lohnt. Das klingt altmodisch, ist aber ziemlich modern.

Sie brauchen bezahlbare Wohnungen. Sie brauchen Schulen, in denen nicht der Putz von der Decke rieselt. Sie brauchen Kitas, damit Eltern arbeiten können. Sie brauchen Berufsschulen, Hochschulen, digitale Verwaltung, leistungsfähige Bahnstrecken, verlässliche Energie, schnellere Verfahren, weniger Bürokratie. Sie brauchen einen Staat, der nicht jeden Aufbruch erst einmal in ein Formular verwandelt.

Und sie brauchen Vermögensaufbau. Denn die eigentliche soziale Spaltung entsteht längst nicht nur beim monatlichen Einkommen. Sie entsteht beim Erben, beim Kaufen, beim Absichern, beim Startkapital. Wer Eltern mit Eigentum hat, startet anders als jemand, der mit BAföG, Nebenjob und steigender Miete durchs Studium kommt.

Deshalb müsste ein neuer Gesellschaftsvertrag ein öffentlich unterstütztes Vorsorgedepot enthalten, einfach, kostengünstig, breit gestreut, automatisch, mit besonderer Förderung für Menschen mit kleinen Einkommen. Nicht als Ersatz für die gesetzliche Rente, sondern als zweites Bein. Ein Sozialstaat, der Menschen nur verwaltet, aber ihnen keinen Vermögensaufbau ermöglicht, wird auf Dauer misstrauisch beäugt. Zu Recht.

Pflege ist die nächste große Friedensfrage

In der Debatte über Alt und Jung wird oft über Rente gesprochen. Über Pflege wird weniger gesprochen. Dabei liegt dort der nächste soziale Sprengsatz.

Wenn immer mehr Menschen hochaltrig werden, steigen Pflegebedarf, Kosten und familiäre Belastungen. Das trifft nicht nur die Alten. Es trifft ihre Kinder. Es trifft vor allem Frauen. Es trifft Familien, die zwischen Beruf, eigener Altersvorsorge, Kindern und pflegebedürftigen Eltern zerrieben werden.

Wer den sozialen Frieden bewahren will, muss Pflege aus der privaten Überforderung holen. Pflegeversicherung, kommunale Angebote, Tagespflege, ambulante Versorgung, pflegende Angehörige, Pflegekräfte — all das gehört ins Zentrum. Sonst reden wir über Generationengerechtigkeit und übersehen den Raum, in dem die Generationen tatsächlich aufeinandertreffen: am Pflegebett, in der Küche, im Flur eines Heims, beim Anruf der Tochter, die nicht mehr kann.

Eine Gesellschaft zeigt nicht nur an ihren Rentenbescheiden, wie gerecht sie ist. Sie zeigt es daran, ob sie Schwäche organisiert, ohne Menschen zu beschämen.

Eine heterogene Gesellschaft darf nicht überfordert werden

Das ist vielleicht der empfindlichste Punkt. Reformen brauchen Tempo, ja. Aber sie brauchen auch Sprache, Takt und Schutzgeländer.

Eine heterogene Gesellschaft kann notwendige Einsichten verkraften, wenn sie drei Dinge erkennt: Die Lasten werden fair verteilt. Die Schwachen werden geschützt. Die Zukunft bekommt eine echte Chance.

Was sie nicht verkraftet, ist das Gefühl, gegeneinander ausgespielt zu werden. Alte gegen Junge. Migranten gegen Einheimische. Stadt gegen Land. Steuerzahler gegen Leistungsempfänger. Arbeitnehmer gegen Rentner. Solche Erzählungen sind politischer Brandsatz. Sie wirken schnell, wärmen kurz und hinterlassen verbrannte Erde.

Darum braucht es ein Reformpaket, kein Reformbeil. Ein Generationen-Check für neue Gesetze. Eine transparente Darstellung, wer profitiert und wer zahlt. Ein Bürgerforum, das Jung und Alt zusammenbringt. Eine Rentenkommission, deren Ergebnisse nicht im nächsten Wahlkampf wieder zu Munition verarbeitet werden. Und eine Politik, die endlich erklärt, dass Zukunftsausgaben keine luxuriöse Spielerei sind, sondern die tragenden Balken des Hauses.

Wir können die demografische Entwicklung nicht stoppen. Aber wir können verhindern, dass aus ihr ein gesellschaftlicher Kältestrom wird.

Kein Krieg der Generationen

Reiermanns Provokation hat also einen Wert. Sie zwingt zur Frage, ob wir den jungen Menschen zu viel zumuten. Diese Frage ist berechtigt. Aber seine Zuspitzung führt in eine Sackgasse, wenn sie aus den Alten eine Art Block der Besitzstandswahrer macht.

Die Antwort auf die demografische Krise kann nicht lauten: Die Alten sollen zahlen. Sie muss lauten: Die Starken sollen tragen, die Schwachen sollen geschützt werden, und die Jungen sollen wieder eine Perspektive bekommen.

Das ist schwerer als eine flotte Kolumne. Es passt nicht in eine Schlagzeile. Es verlangt Zumutungen. Aber es wäre ehrlicher. Und vor allem friedlicher.

Generationengerechtigkeit ist kein Angriff auf alte Menschen. Sie ist ein Schutzversprechen an alle Generationen. An die Alten, dass sie nicht verächtlich gemacht werden. An die Jungen, dass sie nicht nur die Rechnung erben. An die Mitte, dass sie nicht zwischen Kindern, Eltern, Pflege, Arbeit, Steuern und Zukunft zerrieben wird.

Vielleicht ist das der Satz, mit dem man anfangen könnte:

Wir brauchen keinen Aufstand der Jungen gegen die Alten. Wir brauchen einen Aufstand der Vernunft gegen die bequeme Lüge, dass alles so weitergehen kann.

Denn das kann es nicht. Nicht rechnerisch. Nicht sozial. Nicht politisch.

Aber es kann anders weitergehen. Mit weniger Pose. Mit mehr Wahrheit. Mit einem Sozialstaat, der nicht nur verteilt, sondern verbindet. Und mit einer Generationengerechtigkeit, die den Namen verdient, weil sie niemanden zum Feind erklärt.

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Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Rentner, Autor, Blogger und Hobbyfotograf

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt (aus Liebe) auf dem Land.

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