Vielfalt braucht mehr als schöne Worte

Durch den Terroranschlag auf den CSD in Berlin hörte man wieder und wieder, wie toll und schützenswert die Vielfalt und Toleranz in unserem Land sei. Ich übernehme diese Aussage instinktiv. Vielfalt ist das, was eine Demokratie ausmacht. Vielleicht nehmen wir die Voraussetzungen, die es dafür gibt, zu sehr auf die leichte Schulter? Anders gefragt, wie stehen die Leute heutzutage zu solchen Werten? Geht es nicht in erster Linie viel zu oft darum, eigene Ansichten und Befindlichkeiten durchzusetzen? Ist der Individualismus, der sich aus meiner Sicht so stark zum Egoismus gewandelt hat, nicht einer der Gründe dafür, dass das mit dem Zusammenleben, der Vielfalt und der Toleranz nicht wirklich klappen will?

»Wir sollten den CSD besser schützen«, hatte einer gesagt, dem die Anliegen der queeren Community besonders am Herzen liegen und welcher Mensch würde das nicht wollen? Denken wir weiter. Was ist mit den jüdischen Einrichtungen in unserem Land, mit jüdischem Leben im Allgemeinen? Seit Jahren nimmt die Gesellschaft es hin, dass beide zunehmend bedroht sind. Die Institutionen müssen durch Polizeikräfte geschützt werden und doch haben die Angriff zu- nicht abgenommen.

Wie häufig lesen wir davon, dass Muslime sich diffamiert und ausgegrenzt fühlen und allgemein, dass der Rassismus in diesem Land fröhliche Urstände feiert?

Für mich klingt das weniger nach einem guten Umgang mit Vielfalt und Toleranz, sondern es entspricht dem glatten Gegenteil.

Wir leben in einem Land, in dem Migration eine wichtige Rolle spielt. Wie sich die Bevölkerung in weiten Teilen positioniert, müssen wir zur Kenntnis nehmen. Auch diese Haltung entspricht nicht einer Idee von Vielfalt und Toleranz. Die Kleingeistigen sagen, es gebe solche Anschläge nicht, wenn wir die Grenzen nicht geöffnet hätten (was natürlich in jeder Hinsicht falsch ist).

Viele Menschen haben offenbar Schwierigkeiten mit den Folgen der Globalisierung. Das zeigen die Entwicklungen in den USA ebenso wie in zahlreichen europäischen Ländern, in denen rechte Nationalisten an Einfluss gewinnen. In Deutschland werden wir diesem Trend nicht allein mit einem politischen Instrument wie der Brandmauer begegnen. Die Ursachen liegen tiefer – in wirtschaftlichen Ängsten, kulturellen Verunsicherungen und einem schwindenden Vertrauen in staatliche Institutionen. Ich glaube nicht, dass Neo-Nationalismus den Menschen Orientierung oder Zukunftsperspektiven geben kann. Dennoch scheinen viele diesem Versprechen zu folgen.

Die Welt ist kleiner geworden. Wie selbstverständlich durchqueren wir die Kontinente dieser Erde mit Flugzeugen und anderen Verkehrsmitteln. Hinzu kommen Migrationsbewegungen, die eher nicht als Selbstfindungstripps oder zur Ausnutzung der Sozialsysteme anderer Länder gedacht waren. Menschen wünschen sich ein besseres Leben. Nachempfinden können diesen Wunsch vermutlich ja alle, denen es wirtschaftlich schlecht geht.

Der christliche Glaube hat darauf Antworten. Solche Grundsätze spielen in unserer Zeit nur dann noch eine Rolle, wenn sie bei Kirchentagen oder ähnlichen Events thematisiert werden. Als normative Regeln haben sie ausgedient. Ich finde das traurig. Aber auch diese Entwicklung hat etwas mit der Individualisierung (dem zunehmenden und geförderten Egoismus) der Menschen zu tun.

Unser Grundgesetz sagt als Erstes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Die Verpflichtung liegt also bei der staatlichen Gewalt. Da sind wir, die Bevölkerung des Landes, also schön raus. Es ist eine staatliche Instanz, die verantwortlich ist. Das leben AfD-Wähler und diese verdammte Partei selbst, wenn sie Remigration skandieren.

Diesem Staat wäre sehr gedient, würde er die Regeln und Gesetze, die er in Jahrzehnten geschaffen hat, in konsequenter und kohärenter Art und Weise anwenden. Dort, wo ausreisepflichtige Straftäter oder bekannte Gefährder trotz bestehender Möglichkeiten nicht konsequent behandelt werden, untergräbt der Staat selbst das Vertrauen in seine Handlungsfähigkeit. Das erleben wir viel zu häufig. Die verantwortlichen Instanzen nehmen auch damit in Kauf, dass alle Argumente für eine freie, tolerante Gesellschaft infrage gestellt werden.

Wir müssen mehr aufeinander achten und nicht den Egoismus pflegen oder diesen womöglich noch ausweiten.

Dieser Text ist garantiert KI-frei

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