
Eigentlich klingt es doch plausibel und konsensfähig. Wir müssen miteinander und nicht übereinander reden. Mir hat gefallen, was Armin Laschet (CDU) gestern bei Maybrit Illner dazu sagte. Ich denke, ich bin damit in der Minderheit. Aber ich bin überzeugt davon, dass er, den ich immer als Brückenbauer wahrgenommen habe, als Bundeskanzler geeigneter wäre als Scholz und Merz. Aber das ist verschüttete Milch.
Der 11. September hat sich tief in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt. Die Bilder, die Angst und die Folgen dieses Tages wirken bis heute nach. Aber solche Erfahrungen verändern nicht nur Politik. Sie verändern auch unseren Blick auf Menschen. Aus Angst entstehen Verallgemeinerungen, aus Erfahrungen Zuschreibungen – und irgendwann droht der Einzelne hinter seiner Religion, seiner Herkunft oder einer vermeintlichen Gruppenzugehörigkeit zu verschwinden. Vielleicht beginnt genau hier eines unserer heutigen Probleme: Wir sehen immer häufiger zuerst das Etikett und erst danach den Menschen.
Wer verfügt unter den uns bekannten Politikern wohl über die integrative Kraft, die dafür notwendig wäre, den Politikstil (auch den, den manche Journalisten in diesem Kontext vorziehen) zu ändern und darüber nachzudenken, was wir mit den permanenten Kontroversen in unserer Gesellschaft anrichten? Können Wörter moderne Menschen überhaupt noch erreichen? Hat nicht jeder flugs beliebig viele Einwände zur Hand, ob sie nun tauglich sind oder nicht? Wir hören uns kaum mehr richtig zu, lesen Texte nur noch teilweise, manche sogar nur Überschriften. Jeder Text, alles schön Formulierte, ist durch die Stanzen der Politik wohl längst entwertet. Oder, um es sinngemäß mit Karl Valentin zu sagen: Es wurde schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem.
Es fehlt an Persönlichkeiten. Das wird oft gesagt. Es folgen Namen von bekannten und anerkannten PolitikerInnen vergangener Jahrzehnte. Ich mache das auch so. Aber was bringt das? Wir haben es heute mit einer ganz anderen Welt zu tun. Die Menschen lassen sich nichts mehr einreden. Nicht von der Politik, nicht von den Kirchen und von Journalisten erst recht nicht.
Das ist eine Gemengelage, die viele auf wachsenden Egoismus zurückführen mit der Folge, eigentlich nur an der eigenen Meinung, sprich den eigenen Interessen Nachdruck zu verleihen. Dagegen spricht aber das hohe ehrenamtliche Engagement in unserem Land.
Vielleicht fängt die Heilung dort an, wo wir aufhören, den politischen Diskurs in unseren Wohnzimmern auszutragen. Die tiefen Risse und Verletzungen, die in diesen Zeiten selbst durch langjährige Freundschaften und Familien gehen, lassen sich schließlich nicht mit besseren Argumenten kitten. Wenn wir eine politische Haltung voreilig mit dem moralischen Wert eines Menschen gleichsetzen, verlieren wir den Blick für das Wesentliche. Dabei bräuchten wir vor allem den Mut, den Menschen wieder konsequent von seinen aktuellen Ansichten zu trennen und uns daran zu erinnern, was uns über Jahre oder Jahrzehnte hinweg getragen hat.
Echtes Heilen verlangt eben keine intellektuelle Härte, sondern emotionale Offenheit. Wenn wir spüren, dass ein Gespräch in den schmerzhaften Streit abgleitet, hilft kein Gegenangriff, sondern der Blick hinter die Fassade – dorthin, wo hinter harten Worten oft nur die pure Sorge oder Überforderung steckt. Manchmal ist es deshalb auch keine Kapitulation, sondern ein Akt der Fürsorge, bestimmte Reizthemen bewusst ruhen zu lassen und stattdessen an die alten, ganz unideologischen Bande anzuknüpfen. Denn am Ende gewinnen wir eine Beziehung im privaten Kreis fast nie dadurch, dass wir den Streit für uns entscheiden, sondern nur, indem wir den Menschen dahinter wieder an uns heranlassen.
Ich habe selbst vielfach gegen solche Regeln verstoßen und mich an der Polarisierung unserer Gesellschaft insofern persönlich beteiligt – auch wenn das nur über einen kleinen Blog geschehen ist. Ich kenne auch die im Vergleich zu früher so unproduktiven und gefühlt brutalen Diskussionen mit Verwandten und Freunden. Das kann so nicht weitergehen. Wir brauchen eine Rückbesinnung auf eine Kultur des Miteinanders, in der diese Art der gnadenlosen digitalen Zuspitzung noch keinen Platz hatte – eine Zeit, in der das Gegenüber im Raum wichtiger war als das Rechthaben im Netz.
Ich kann dem Grundgedanken gut folgen: Menschen sollten nicht vollständig auf ihre politischen Ansichten, ihre Religion oder ihre Gruppenzugehörigkeit reduziert werden. Gerade im privaten Umfeld ist es wichtig, Beziehungen nicht bei jedem Streit dem politischen Rechthaben zu opfern.
Gleichzeitig wäre ich vorsichtig damit, politische Konflikte vor allem als Folge mangelnder Empathie oder schlechter Kommunikation zu verstehen. Manche Auseinandersetzungen betreffen reale Interessen und konkrete Grundrechte. Dann ist Widerspruch nicht automatisch gnadenlose Zuspitzung, sondern kann notwendig sein.
Auch der Gedanke, man müsse hinter harten Worten vor allem Sorge oder Überforderung erkennen, hat eine Grenze: Nicht jede menschenfeindliche oder demokratiefeindliche Aussage wird dadurch entschuldbar. Wir brauchen deshalb beides — die Bereitschaft, den Menschen hinter einer Meinung zu sehen, und die Klarheit, bestimmte Positionen entschieden zurückzuweisen. Dialog darf nicht bedeuten, auf Grenzen zu verzichten
@Stepfhan: Du bist mir da etwas zu sicher. Vielleicht beruht genau darauf unser gesellschaftliches Problem? In Beliebigkeit darf das, was ich meinte, aber auch nicht ausarten. Das wäre ein Missverständnis dessen, was ich gemeint habe.