Wenn auf unseren Straßen geschossen wird

Die Gesamtkriminalität mag sinken. Doch schwere Gewalt und Straftaten mit Schusswaffen entwickeln sich keineswegs ebenso beruhigend. Wer diese Vorfälle wahrnimmt und darüber spricht, schürt keine Ängste. Problematisch wird es vielmehr, wenn Tatsachen aus politischen Gründen beschönigt werden.

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Natürlich bilde ich es mir nur ein, dass überall im Land die Unsicherheit mit Händen zu greifen ist. Allerdings nicht nur wegen gewisser Unwuchten in Politik und Wirtschaft.

Es ist immer bloß selektive Wahrnehmung (die falsche Sicht auf die Dinge), wenn ich die inzwischen beinahe täglichen gewalttätigen, oft mit Schusswaffen begangenen Angriffe und Auseinandersetzungen von kriminellen Clanmitgliedern, Rockern und/oder Ausländern auf unseren Straßen registriere und gelegentlich kritisch darüber blogge.

Bäm. Das mit den „Ausländern“ hätte ich nicht sagen sollen. Das mit den Clans ist auch nicht ohne. Linke fanden, man müsse zunächst mal die Genese des Begriffs studieren, um Schlüsse zu ziehen. Es geht nicht um die Sache, sondern um Ablenkung vom Problem.

Jetzt werde ich mich (falls überhaupt reagiert wird, denn das tut man am besten nicht, um Leuten mit solchen Ansichten nicht auch noch unnötigerweise ein Forum zu bieten) von Links/Rot/Grün wieder belehren lassen müssen, dass die Kriminalitätsstatistik doch ganz andere Schlüsse zulasse. Vermutlich wird mir erklärt, dass die Gesamtkriminalität gesunken sei, dass Ausländer in der Statistik aus allerlei Gründen überrepräsentiert seien und dass man einzelne spektakuläre Fälle keinesfalls verallgemeinern dürfe.

Das ist alles nicht einmal grundsätzlich falsch. Es beantwortet nur die Frage nicht.

Über alles reden – nur darüber möglichst nicht

Denn weshalb fällt es einem Teil des linken und grünen politischen Spektrums so schwer, nüchtern auszusprechen, dass Deutschland mit der starken Zuwanderung der vergangenen Jahre selbstverständlich auch Probleme importiert hat? Wir sind an zu vielen Stellen überfordert und erlauben es uns bis heute nicht, offen darüber zu sprechen. Was würde passieren? Für diejenigen, die mit dem Thema an die Öffentlichkeit gehen, sind i.d.R. die sozialen Kosten unerhört hoch.

Nicht „die Migranten“ sind das Problem. Dieser Satz wäre ebenso dumm wie falsch. Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln leben vollkommen unauffällig unter uns, arbeiten, zahlen Steuern und führen dasselbe mehr oder weniger langweilige Leben wie wir anderen auch. Und ja, man muss sich fragen, wie solche Diskussionen in diesen Bevölkerungsgruppen wohl „ankommen“ werden. Unsere Schuld! Wir hätten klarer sein müssen und konsequenter. Aber das ist verschüttete Milch.

Aus alledem folgt doch nicht, dass Herkunft, Sozialisation und bestimmte migrantisch geprägte Milieus für Kriminalität bedeutungslos wären.

Wir diskutieren über Clanstrukturen, über organisierte Kriminalität, über Auseinandersetzungen zwischen Gruppen unterschiedlicher Herkunft, über Messergewalt und inzwischen auch immer wieder über Schusswaffen. Und jedes Mal beginnt neben der notwendigen polizeilichen Aufarbeitung noch ein zweites Ritual: Hoffentlich sagt jetzt niemand etwas Falsches über Migration.

Kürzlich gab es im Fernsehen einen Beitrag über die Verbrechen gegen Sinti und Roma. Ja, das ist wichtig. Nie darf vergessen werden, was Deutsche ethnischen Gruppen im Land und in der Einflusssphäre der Nazis angetan haben. Dass wenige Tage danach eine Schlacht zwischen zwei Familien auf offener Straße ausgetragen wurde, passte so gar nicht ins Bild. Ich schrieb darüber. Interessiert hat das keinen. Jedenfalls gabs keine Kommentare. Vielleicht bin ich froh darüber, denn die Reaktionen können erfahrungsgemäß böse sein.

Als wäre nicht die Tat das eigentliche Problem, sondern ihre mögliche politische Interpretation.

Die Angst vor dem Beifall von rechts

Ich glaube, ein Teil dieser merkwürdigen Verrenkungen lässt sich mit der AfD erklären. Man möchte ihr auf keinen Fall recht geben. Verständlich. Ich möchte das auch nicht.

Nur kann die Konsequenz daraus nicht sein, Tatsachen anders zu bewerten, nur weil die AfD sie ebenfalls anspricht.

Wenn es ein Problem mit bestimmten Formen migrantisch geprägter Kriminalität gibt, verschwindet dieses Problem nicht dadurch, dass Alice Weidel oder irgendein AfD-Funktionär darüber redet. Zwei plus zwei bleibt vier, selbst wenn die falschen Leute das Ergebnis aufsagen.

Im Gegenteil: Wer erkennbare Probleme kleinredet, weil er fürchtet, damit den politischen Gegner zu stärken, erreicht irgendwann genau das Gegenteil.

Die Menschen sehen schließlich selbst, was passiert.

Migration hat nicht nur Sonnenseiten

Wir haben uns angewöhnt, die Migrationsdebatte in zwei vollkommen unbrauchbare Lager aufzuteilen. Hier diejenigen, die am liebsten jeden Migranten zum potentiellen Straftäter erklären würden. Dort diejenigen, bei denen schon die Frage nach möglichen negativen Folgen von Migration verdächtig klingt.

Dazwischen liegt die Wirklichkeit.

Migration kann eine Gesellschaft bereichern. Sie kann wirtschaftlich notwendig sein und Menschen Schutz bieten, die ihn dringend brauchen. Sie kann aber gleichzeitig erhebliche Probleme erzeugen, wenn zu viele Menschen in zu kurzer Zeit kommen, Integration misslingt, Parallelstrukturen entstehen oder Menschen aus Gesellschaften zuwandern, deren Normen und Konflikte sich deutlich von unseren unterscheiden.

Warum sollte ausgerechnet Kriminalität davon vollkommen unberührt bleiben?

Diese Frage müsste man stellen können, ohne anschließend seine demokratische Gesinnung nachweisen zu müssen.

Beschönigung ist ein Geschenk an die AfD

Ich halte gerade diese Realitätsverweigerung für einen der Gründe, weshalb die AfD heute dort steht, wo sie steht. Vielleicht ist das eine Binse. Aber ich habe bis heute nicht den Eindruck, dass Erkenntnisgewinn zu konstruktiverem, kohärentem Handeln führt.

Wenn Menschen den Eindruck gewinnen, bestimmte Beobachtungen dürften öffentlich nicht ausgesprochen werden, suchen sie sich diejenigen, die sie umso lauter aussprechen. Dass diese daraus anschließend ihre eigenen Übertreibungen, Pauschalisierungen und politischen Rezepte basteln, macht die Sache nur schlimmer.

Man hätte der AfD dieses Feld niemals überlassen dürfen.

Eine demokratische Migrationspolitik muss deshalb zwei Dinge gleichzeitig können: Menschen gegen Pauschalisierung und rassistische Zuschreibungen verteidigen – und Probleme benennen, wenn sie tatsächlich mit Migration zusammenhängen.

Das ist kein Widerspruch. Das wäre schlicht vernünftig.

Ich möchte jedenfalls nicht mehr hören, meine Wahrnehmung sei falsch, nur weil eine bundesweite Gesamtzahl gerade sinkt. Mich interessiert auch, welche Delikte zunehmen, wer sie begeht, welche Strukturen dahinterstehen und warum manche Formen von Gewalt sichtbarer geworden sind.

Und wenn Migration bei einem Teil dieser Entwicklung eine Rolle spielt, dann gehört auch das auf den Tisch.

Nicht weil die AfD darüber spricht.

Sondern gerade damit sie nicht länger die Einzige ist, die so tut, als würde sie darüber sprechen.


Berichte und Quellen

Schusswechsel in Duisburg – 20 bis 30 Schüsse, Ermittlungen zu möglichen Rocker- oder Clanbezügen:
WELT – Schusswechsel in Duisburg

Anschlag in Düsseldorf – zehn Schüsse, mutmaßlicher Hintergrund eines internationalen Bandenkriegs:
WELT – Zehn Schüsse, sieben Treffer

Berlin – Ermittlungen gegen eine mutmaßliche Bande wegen Erpressung und Waffengewalt:
WELT – Polizei beschlagnahmt Autos, Bargeld und Gold

Bundeskriminalamt – Entwicklung der Straftaten mit Schusswaffen:
BKA – Bundeslagebild Waffenkriminalität 2024

Bundeskriminalamt – Polizeiliche Kriminalstatistik und Entwicklung der Gewaltkriminalität:
BKA – PKS 2024, ausgewählte Zahlen

Bundeskriminalamt – Dunkelfeldstudie „Sicherheit und Kriminalität in Deutschland“:
BKA – Ergebnisse der SKiD-Studie

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3 Kommentare

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  1. In Wptal sollte man als Älterer keinesfalls u.a. seine Goldkette sichtbar am Hals tragen 🙈 alles nur Einzelfälle 🤢

    • @Horst Schulte: Vor ca. 30 Jahren konnte ich nachts noch durch die City zu meiner Arbeitsstelle in einer Bäckerei gehen – ohne Angst. Heute würde ich das keinesfalls mehr machen.

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