Manfred Krug – einer, der einfach blieb

Am 21. Oktober 2026 jährt sich Manfred Krugs Tod zum zehnten Mal. Schauspieler, Sänger, Ostdeutscher, Westdeutscher – und irgendwann einfach ein gesamtdeutscher Künstler. Eine persönliche Erinnerung an Robert Liebling, seine Musik und mein Lieblingsalbum „Da bist du ja“.

Manfred Krug war vor allem eine Erscheinung. Einer, den man nach wenigen Sekunden erkannte. An der Stimme, an dieser Mischung aus Selbstbewusstsein und Ironie, an seinem gelegentlich ziemlich breiten Grinsen. Er wirkte, als könne ihn so schnell nichts erschüttern. Wahrscheinlich war das keineswegs immer so. Aber vielleicht gehörte gerade diese scheinbare Unerschütterlichkeit zu seinem besonderen Charme.

Einer zwischen zwei deutschen Welten

Krug war 1937 in Duisburg geboren worden, wuchs später in der DDR auf und wurde dort zu einem der bekanntesten Schauspieler und Sänger. Seine Rolle als Brigadeleiter Hannes Balla in „Spur der Steine“ gehört bis heute zu den großen Figuren der deutschen Filmgeschichte. Der Film verschwand 1966 nach wenigen Tagen aus den DDR-Kinos.

1976 gehörte Krug zu den Künstlern, die gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestierten. Danach geriet er selbst immer stärker unter Druck. 1977 verließ er mit seiner Familie die DDR und ging in den Westen.

Was dann geschah, finde ich rückblickend bemerkenswert: Krug musste sich nicht neu erfinden. Er war nicht auf Dauer „der Schauspieler aus der DDR“. Er wurde einer der populärsten Fernsehschauspieler der Bundesrepublik. Als Franz Meersdonk fuhr er in „Auf Achse“ durch die Welt, später wurde er Robert Liebling und schließlich gemeinsam mit Charles Brauer als Stoever zu einem der bekanntesten „Tatort“-Kommissare.

Und nach 1990? Da war Krug irgendwie schon da.

Vielleicht lag darin seine besondere gesamtdeutsche Bedeutung. Er musste die beiden Teile Deutschlands nicht nachträglich in seiner Biografie zusammenkleben. Er hatte beide erlebt. Mit ihren Chancen, ihren Zumutungen und ihren Widersprüchen. Seine Popularität überstand die deutsche Einheit mühelos. Man kann ihn deshalb durchaus als einen der wenigen wirklichen gesamtdeutschen Stars seiner Generation betrachten.

Mein Liebling hieß Liebling

Wenn ich an Manfred Krug denke, denke ich natürlich an „Liebling Kreuzberg“. Die Serie lief von 1986 bis 1998 und begleitete damit selbst ein Stück deutscher Geschichte: vom West-Berlin vor dem Mauerfall bis in die wiedervereinigte Stadt. Gerade deshalb ist sie heute neben aller Unterhaltung auch ein kleines Zeitdokument.

Robert Liebling war Anwalt, aber glücklicherweise keiner von jener Fernsehsorte, die ständig mit wehender Robe in Gerichtssäle stürmt und fünf Minuten später die Welt gerettet hat. Er mochte Götterspeise, Zigarren, Frauen und seine Ruhe. Arbeit störte dabei gelegentlich.

Und doch war Liebling kein Zyniker. Hinter der Schnoddrigkeit steckte Empathie. Er interessierte sich für die kleinen Fälle und die Leute, die mit ihren großen und kleinen Problemen in seiner Kanzlei landeten. Die von Jurek Becker geschriebenen Geschichten lebten nicht von spektakulären Verbrechen, sondern von Menschen, Dialogen und Berliner Alltag.

Vielleicht liebe ich die Serie gerade deshalb bis heute. Sie war intelligent, ohne dauernd zeigen zu müssen, wie intelligent sie war. So etwas ist im Fernsehen inzwischen fast eine eigene Kunstform geworden.

Dass Krug selbst Robert Liebling als eine für seine Arbeit besonders wichtige Paraderolle bezeichnete, überrascht mich nicht. Die Figur saß ihm wie ein etwas zu lässig getragenes Jackett. „Liebling Kreuzberg“ war Krug nicht. Aber manchmal hatte man den Eindruck, beide hätten sich zumindest verdammt gut verstanden.

Und dann diese Stimme

Manfred Krug nur als Schauspieler zu erinnern, wäre allerdings ungefähr so, als würde man bei einem guten Essen den Wein vergessen.

Er konnte singen. Und zwar nicht im Sinne jener Schauspieler, die irgendwann feststellen, dass sich mit ihrem Namen vielleicht auch noch eine Platte verkaufen lässt. Krug war Musiker. Jazz, Swing, Chanson, Soul – schon in der DDR nahm er gemeinsam mit Günther Fischer Platten auf, die bis heute erstaunlich frisch klingen.

Nach langer musikalischer Pause begann er in den 1990er-Jahren wieder aufzutreten und veröffentlichte neue Aufnahmen. Seine Stimme war älter geworden. Natürlich. Aber gerade dieses Raue und Gelebte machte ihren Reiz aus.

1979 erschien „Da bist du ja“. Mein Lieblingsalbum von Manfred Krug. Aufnahme: September bis November 1978 im Tonstudio Bauer (Ludwigsburg) und Tonstudio Cornet (Köln). Ich sah heute durch Zufall, dass sein Todestag bevorsteht. Also habe ich das Album, das mir viel bedeutet hat und das ich trotzdem lange vergessen hatte, herausgesucht und höre es mit Freude an.

Da bist du ja – Manfred Krug bei Spotify

Toll fand ich u.a. die Mitwirkung anderer Künstler:

Caterina Valente (Gesang im Stück „Ade“ sowie als Gitarristin)

Joy Fleming (Gesang im Stück „Mozart“)

André Heller (Gesang im Stück „Wiener Blut“)

Zwölf Titel sind darauf. Keine musikalische Kraftmeierei, kein Versuch, einem jüngeren Publikum hinterherzulaufen. Ein Mann von fast siebzig Jahren singt Lieder mit einer Stimme, die längst ihre eigene Geschichte mitbringt. Mal melancholisch, mal leicht, mal mit diesem Krug’schen Augenzwinkern, das man sogar hören kann.

Vielleicht gefällt mir das Album gerade deshalb so sehr. Es will nichts beweisen.

Es ist einfach da. Da bist du ja. Schon der Titel passt wunderbar zu Krug.

Einer, den man vermisst

Manfred Krug starb am 21. Oktober 2016 im Alter von 79 Jahren. Zehn Jahre sind seitdem vergangen. Seltsam, wie wenig das manchmal bedeutet. Man sieht eine alte Folge „Liebling Kreuzberg“, hört seine Stimme oder stößt auf einen seiner Songs – und plötzlich ist dieser Mann wieder erstaunlich gegenwärtig.

Vielleicht liegt das auch daran, dass Krug nie besonders museal wirkte. Er war kein Künstler für den Sockel. Zu widerspenstig, zu lebenslustig, vermutlich auch zu eitel und gelegentlich zu unbequem. Ein Mensch mit Brüchen und Fehlern, nicht bloß eine jener nachträglich glatt polierten Fernsehlegenden.

Ich mochte ihn – sehr. Und wenn ich heute „Da bist du ja“ höre, dann steckt in diesem Titel für mich inzwischen noch eine zweite Bedeutung.

Manche Menschen verschwinden, und irgendwann werden sie Geschichte.

Andere tauchen immer wieder auf. Da bist du ja.

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