
Es ist schon eine bemerkenswerte Geschichte. Deutschland und Europa reden seit Jahren über digitale Souveränität, über die Abhängigkeit von amerikanischen Technologiekonzernen und die Notwendigkeit, endlich eigene Kompetenzen aufzubauen. Und was macht die Bundesregierung unter Friedrich Merz? Sie sucht ausgerechnet die enge Zusammenarbeit mit Nvidia, jenem amerikanischen Konzern, der bei den Hochleistungschips für künstliche Intelligenz eine beherrschende Stellung einnimmt.
Natürlich kann man darin einen vernünftigen Schritt sehen. Schließlich müssen wir irgendwie den technologischen Rückstand aufholen. Aber ich frage mich, ob wir dabei nicht erneut denselben Fehler machen, den Europa in der Vergangenheit schon mehrfach begangen hat: Wir greifen nach der schnell verfügbaren Lösung und beschäftigen uns erst später mit den Abhängigkeiten, die daraus entstehen.
Ein amerikanischer Partner für deutsche Zukunftstechnologie
Am 19. Oktober 2026 haben das Bundeswirtschaftsministerium und das Forschungsministerium eine Absichtserklärung mit Nvidia unterzeichnet. Im Mittelpunkt stehen sogenannte Physical AI, also künstliche Intelligenz für Roboter, Maschinen und andere technische Systeme, sowie leistungsfähige KI-Modelle für industrielle Anwendungen.
Die Bundesregierung will damit Deutschlands industrielle Stärken mit moderner KI verbinden. Unsere Unternehmen verfügen über jahrzehntelange Erfahrung im Maschinenbau, in der Automobilproduktion und in der industriellen Automatisierung. Nvidia liefert die technologische Grundlage, auf der sich viele dieser Anwendungen besonders leistungsfähig entwickeln lassen.
Das ist zunächst einmal nachvollziehbar. Kein Land kann heute sämtliche Bestandteile modernster KI-Technologie im Alleingang herstellen. Auch Deutschland nicht.
Aber ausgerechnet Nvidia?
Der Konzern ist nicht einfach irgendein Zulieferer. Er gehört zu den zentralen Unternehmen der weltweiten KI-Infrastruktur. Seine Chips, Softwarewerkzeuge und Entwicklungsplattformen sind für zahlreiche KI-Anwendungen von enormer Bedeutung. Wer sich tief in dieses Ökosystem integriert, kann davon profitieren. Er macht sich unter Umständen aber auch davon abhängig.
Und genau da beginnt mein Unbehagen.
Souveränität ist mehr als ein Rechenzentrum auf deutschem Boden
Schon im Februar 2026 ging in München eine große industrielle KI-Fabrik der Deutschen Telekom in Betrieb. Sie wurde gemeinsam mit Nvidia und weiteren Partnern aufgebaut und nutzt rund 10.000 Nvidia-Grafikprozessoren. Die Telekom verweist darauf, dass die Daten in Deutschland bleiben und die Infrastruktur deutschen und europäischen Sicherheitsstandards entspricht.
Das ist zweifellos wichtig. Nur sollte man daraus nicht vorschnell schließen, wir hätten damit bereits technologische Unabhängigkeit erreicht.
Denn zwischen Datenhoheit und Technologiesouveränität liegt ein erheblicher Unterschied.
Es macht etwas aus, ob deutsche Unternehmen ihre Daten auf heimischen Servern verarbeiten können. Aber es macht ebenso etwas aus, wer die zugrunde liegenden Chips entwickelt, wer die Softwarearchitektur bestimmt, wer technische Standards setzt und welche Alternativen existieren, wenn der bisherige Partner irgendwann nicht mehr liefern kann oder will.
Ein Rechenzentrum in München wird nicht automatisch zu einer unabhängigen deutschen KI-Infrastruktur, nur weil es in München steht.
In meinem Beitrag „Der KI-Moloch frisst Strom – und wir reden vom Klimaschutz“ habe ich bereits auf die bemerkenswerten wirtschaftlichen Verflechtungen der KI-Industrie hingewiesen. Die gewaltigen Investitionen schaffen nicht nur neue Möglichkeiten. Sie verstärken zugleich die Stellung jener Unternehmen, die heute schon über die entscheidende Infrastruktur verfügen.
Was geschieht, wenn Partnerschaft zur Abhängigkeit wird?
Man muss Nvidia keine schlechten Absichten unterstellen, um diese Entwicklung kritisch zu betrachten. Das Unternehmen verfolgt seine wirtschaftlichen Interessen, und daran ist zunächst nichts auszusetzen.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr, ob diese Interessen dauerhaft mit unseren eigenen übereinstimmen müssen.
Die Vereinigten Staaten haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass sie wirtschaftliche und technologische Abhängigkeiten durchaus als politische Machtinstrumente betrachten. Exportbeschränkungen für Hochleistungschips sind längst Teil der internationalen Auseinandersetzung um technologische Vorherrschaft. Hinzu kommt eine amerikanische Politik, deren Berechenbarkeit unter Donald Trump weiter gelitten hat.
Ausgerechnet in einer solchen Situation soll Deutschland einen wesentlichen Teil seiner industriellen KI-Zukunft mit amerikanischer Schlüsseltechnologie entwickeln.
Das muss kein Fehler sein. Es könnte aber einer werden, wenn wir die Zusammenarbeit mit Nvidia als Ersatz für den Aufbau eigener Fähigkeiten betrachten.
Wie problematisch wirtschaftliche Abhängigkeiten werden können, habe ich bereits in „Der orange Mann mit dem Zollhammer“ beschrieben. Dort ging es um Trumps Handelspolitik. Das zugrunde liegende Problem ist allerdings dasselbe: Wer keine Alternativen hat, besitzt im Konfliktfall wenig Verhandlungsmacht.
Merz hat durchaus ein überzeugendes Argument
Bei aller Skepsis sollte man eines nicht übersehen: Deutschland kann sich einen jahrelangen technologischen Stillstand nicht leisten.
Unsere Industrie steht unter erheblichem Wettbewerbsdruck. Gerade in der Automobilproduktion, im Maschinenbau und in der Robotik bietet künstliche Intelligenz Chancen, die weit über die heute populären Sprachmodelle hinausgehen.
Wenn ein mittelständischer Maschinenbauer mithilfe moderner KI effizienter produzieren, Fehler frühzeitig erkennen oder völlig neue Produkte entwickeln kann, wäre es widersinnig, ihm den Zugang zu dieser Technik aus Gründen eines falsch verstandenen technologischen Nationalstolzes zu erschweren.
Vielleicht wäre es sogar fahrlässig.
Hinzu kommt, dass die Vereinbarung ausdrücklich die Entwicklung spezialisierter, offener KI-Modelle unter Beteiligung deutscher Forschungseinrichtungen und Unternehmen vorsieht. Das ist ein wichtiger Ansatz. Offene Modelle können helfen, Abhängigkeiten von einzelnen Softwareanbietern zu begrenzen. Allerdings beseitigen sie nicht automatisch die Abhängigkeit von der zugrunde liegenden Hardware und ihren Entwicklungswerkzeugen.
Es wäre also falsch, Merz vorzuwerfen, er wolle Deutschlands KI-Zukunft schlicht an Nvidia verkaufen. Dafür gibt die bisher bekannt gewordene Vereinbarung nichts her.
Dennoch bleibt die Frage, ob der Bundesregierung bewusst ist, dass technologische Souveränität mehr verlangt als erfolgreiche Kooperationen mit den heutigen Marktführern.
Wir brauchen eine europäische Strategie, nicht bloß deutsche Leuchttürme
Vielleicht liegt hierin überhaupt das eigentliche Problem.
Deutschland ist für sich genommen kaum groß genug, um ein ernsthaftes Gegengewicht zu den amerikanischen und chinesischen Technologiekonzernen aufzubauen. Europa dagegen besitzt einen großen Binnenmarkt, leistungsfähige Forschungseinrichtungen, hervorragende Ingenieure und Unternehmen, die in wichtigen Teilen der Halbleiterindustrie eine bedeutende Rolle spielen.
Was uns fehlt, ist nicht ausschließlich Geld. Es fehlt häufig an der Fähigkeit, vorhandene Stärken zu bündeln und daraus eine langfristige industriepolitische Strategie zu entwickeln.
Deshalb müsste die Zusammenarbeit mit Nvidia von Anfang an mit konkreten europäischen Zielen verbunden werden: eigene Forschung, alternative Chiparchitekturen, offene Softwarestandards, europäische Recheninfrastruktur und eine Industrie, die ihre technischen Entscheidungen auch künftig selbst treffen kann.
Die Bundesregierung sollte erklären, wie sie diese Ziele erreichen will. Besonders wichtig wäre, dass Unternehmen ihre Anwendungen später auch auf andere technische Plattformen übertragen können, ohne ihre gesamte Infrastruktur neu entwickeln zu müssen.
Es geht dabei nicht um völlige Abschottung. Die wäre ohnehin unrealistisch. Es geht um die Fähigkeit, im Zweifel selbstständig handeln zu können.
In meinem Beitrag „Wenn die Wirklichkeit schneller ist als der Staat“ habe ich beschrieben, wie schwer sich unsere politischen und gesellschaftlichen Institutionen mit der Geschwindigkeit technologischer Veränderungen tun. Die aktuelle KI-Politik könnte dafür ein weiteres Beispiel werden, wenn kurzfristige Erfolge langfristige Versäumnisse verdecken.
Fortschritt ja – aber bitte nicht um jeden Preis
Ich bin keineswegs dagegen, dass Deutschland mit Nvidia zusammenarbeitet. Mir fehlt nur das Vertrauen, dass solche Kooperationen tatsächlich in eine größere Strategie eingebettet sind, die unsere Eigenständigkeit dauerhaft stärkt.
Immerhin hat Bundesfinanzminister Lars Klingbeil bei der Eröffnung der Münchner KI-Fabrik selbst auf einen entscheidenden Punkt hingewiesen: Vollständige Souveränität wäre erst dann erreichbar, wenn dort künftig auch leistungsfähige Chips europäischer Anbieter eingesetzt werden könnten. Die Abhängigkeit ist der Regierung also durchaus bewusst.
Umso wichtiger wäre es, daraus konkrete politische Konsequenzen zu ziehen.
Nvidia kann ein Partner auf dem Weg zu größerer technologischer Eigenständigkeit sein. Es darf nur nicht zum unverzichtbaren Besitzer des Weges werden.
Vielleicht ist das die wichtigste Unterscheidung in dieser ganzen Debatte. Wir müssen nicht alles selbst herstellen. Aber wir sollten vermeiden, dass andere dauerhaft darüber entscheiden können, welche technischen Möglichkeiten uns zur Verfügung stehen.
Sonst bauen wir möglicherweise eine beeindruckende deutsche KI-Industrie auf, deren entscheidender Schalter letztlich anderswo sitzt.
Und nennen das dann digitale Souveränität.
Quellen: Bundesregierung, 19.10.2026 · Tagesschau, 19.10.2026 · Deutsche Telekom, 04.02.2026 · Bundesfinanzministerium, 04.02.2026
Die „Souveränität“ ist leicht gefordert, aber halt nicht umsetzbar! Weil es europäische Alternativen eben nicht gibt und der Jahrzehnte lange Vorsprung von Nvidia nicht eingeholt werden kann, der Zug ist abgefahren.
Was geht, sind Rechenzentren auf europäischem Boden, was der Forderung der Daten-Speicherung „zuhause“ entspricht. Andere Grafikkarten können dort aber nicht genutzt werden, denn Nvidias eigentliche Festung ist ja nicht allein die Hardware, sondern die seit 2006 gewachsene Software-Architektur CUDA, die den Markt faktisch zementiert. Ein Großteil der weltweit von Entwicklern genutzten KI-Modelle und Entwicklungs-Tools sind durchweg für diese Schnittstelle optimiert, jeder Wechsel zu anderen Herstellern erfordert ein immenses, kostspieliges Umprogrammieren der Quellcodes. Nvidia verkauft somit vollständige Supercomputing-Systeme und hat die Standards der Datenübertragung zwischen den verbauten Chips gesetzt.
Deshalb betreiben Unternehmen wie die Deutsche Telekom und verschiedene Mittelständler (Schwarz-Gruppe) Rechenzentren auf deutschem Boden mit Hardware (GPUs) und Software (CUDA) von Nvidia.
So läuft der Hase halt, wenn man nicht vorausschauend moderne Technologien fördert und sich statt dessen auf den Erhalt von Auto- und Stahlbauern konzentriert. Wie ich höre, sind wir zwar im KI-Bereich LLMS / Agentische KI komplett abgehängt, die haben das Internet „ausgelesen“ – was noch fehlt, sind Industriedaten aus der Praxis – und über diesen „Datenschatz“ soll DE verfügen wie kein anderes Land. Bleibt zu hoffen, dass sie diesen Schatz in sinnvollem Tausch für unsere Wirtschaft einsetzen und nicht zu billig verhökern!
@ClaudiaBerlin: Es klingt beinahe lakonisch, wenn du feststellst, dass wir den Anschluss im Grunde längst verloren haben, weil wir in der Vergangenheit die falschen Prioritäten gesetzt haben. Dabei frage ich mich, ob das eigentliche Problem tatsächlich in der mangelnden Förderung der Forschung liegt oder nicht vielmehr darin, dass es uns zu selten gelingt, Forschungsergebnisse in marktfähige Produkte und wirtschaftlichen Erfolg zu verwandeln. Vielleicht fehlt es weniger an guten Ideen als an Kapital und Risikobereitschaft, um daraus etwas zu machen. Und vermutlich kann eine Regierung diesen Wandel allein ohnehin nicht herbeiführen. Dazu braucht es auch Unternehmen und Investoren, die bereit sind, Risiken einzugehen. Oder wie siehst du das?