Bei Henning las ich gerade, dass er seit sieben Jahren verheiratet ist. Da wünschen wir ihm und seiner Frau natürlich von Herzen, dass dieses Jahr Glück, Segen und viele schöne gemeinsame Momente bringt — und dass es keineswegs zum berühmten „verflixten siebten Jahr“ wird. Wobei: Wer glaubt heute schon noch an solche Sprüche? Und doch haben sie sich ja irgendwie in unsere Köpfe geschlichen wie alte Familienweisheiten, die man belächelt und trotzdem nicht ganz vergisst.
An unseren siebten Hochzeitstag erinnere ich mich zugegebenermaßen nicht mehr. An den zehnten dafür umso besser. Der hatte nämlich alles, was eine gelungene Überraschung braucht: gute Vorbereitung, einen pünktlich gelieferten Blumenstrauß, sonniges Wetter und einen Ehemann, der sich für einen ziemlich gewitzten Planer hielt. Unser Ausflug zum zehnten Hochzeitstag hätte also ein rundum schöner Tag werden können. Hätte.

Zwei Wochen vorher hatte ich Irmgards Chef angerufen und aus gegebenem Anlass einen Urlaubstag für sie „beantragt“. Er fand die Idee sympathisch und sagte sofort zu. Ich wollte meine Frau überraschen und war ziemlich sicher, dass sie sich freuen würde. Romantik mit organisatorischem Vorlauf, sozusagen.
Der Morgen des 4. Juni 1986 zeigte sich dann tatsächlich von seiner besten Seite. Die Sonne schien, der Blumenstrauß kam pünktlich um 8 Uhr, alles war bereit. Als ich meiner Frau schließlich mit den Blumen in der Hand eröffnete, dass sie heute nicht zur Arbeit müsse und wir uns stattdessen einen schönen Tag in der Eifel machen würden, war sie auch wirklich gerührt.
Allerdings nur für einen kurzen Moment.
Dann kam das, was ich eigentlich hätte ahnen können: ihr unerschütterliches Pflichtgefühl. „Nein“, sagte sie entschieden, „ich kann nicht zu Hause bleiben. Mein Chef hat das Gespräch mit dir bestimmt längst vergessen. Ich kann doch nicht einfach einen Tag Urlaub machen!“
Tja, Horst. Da weißt du Bescheid.
Seitdem ist viel Zeit vergangen. Und wir haben uns, sagen wir es so, noch deutlich besser kennengelernt. Manches lernt man eben nicht in den ersten Ehejahren, sondern erst dann, wenn Blumenstrauß, Sonne und Eifel gegen Pflichtbewusstsein antreten. Und manchmal gewinnt dann eben nicht die Romantik, sondern der Anstand. Auch das ist Liebe — nur in einer etwas rheinisch-praktischen Variante.

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