Freundschaft, Leben und Verluste
Freundschaft ist ein sonderbares Ding. Meist beginnt sie leise, so dass man sich später nicht mehr erinnern kann, wo und wie es eigentlich angefangen hat – und sie endet manchmal so laut, dass das Echo lange nachklingt. Ich habe es mit meinen Freundschaften nie so gehalten, wie meine Mutter es mir immer ans Herz legte. „Freundschaften müssen gepflegt werden“, sagte sie häufig. Ich habe den Rat in den Wind geschlagen. Längst hat sich die Zahl meiner Freunde ausgedünnt, einige sind bereits seit einer Weile nicht mehr unter uns.
Inhalt

Freundschaften, die bleiben
In meinem Text „Politik am Tisch: Wenn Freundschaft wichtiger ist“ erzähle ich von einem Sommerabend, an dem ich mit einem alten Freund, seiner Familie und seiner beeindruckenden Gelassenheit zusammen bin. Wir waren beim Essen, lachten über alte Geschichten – und redeten dann doch über Politik, über Trump, Gaza, die Causa Brosius‑Gersdorf. Dieses Mal hielt ich mich aber zurück. Statt meine Meinung wie eine Monstranz vor mir aufzubauen, war ich vorsichtig. Schließlich kennt man seine Pappenheimer. Ich habe gelernt, dass Freundschaft nicht heißt, dieselben Ansichten zu teilen, sondern die Bereitschaft zu zeigen, Unterschiede auszuhalten – vielleicht sogar zu schätzen.
So ist unsere Freundschaft geblieben, obwohl wir uns in vielen Dingen (manchmal unausgesprochen) uneinig sind. Manchmal ist es schwer, nicht zu polarisieren, aber gerade darin liegt die Stärke dieser Beziehung. Diese Art von Freundschaft ist einer der Gründe, warum ich weiterschreibe, selbst dann, wenn es unbequem wird. Leider gelingt mir diese Zurückhaltung nicht immer. Sicher, es darf ruhig auch einmal „knallen“. Aber man sollte wissen, wann es genug ist. Das gilt für mich ebenso wie für meine Gesprächspartner.
Freundschaften, die enden
Es gibt aber auch Freundschaften, die zerbrechen. In meinem Beitrag „Entfreundete Radikale“ berichte ich von Menschen, deren Überzeugungen einmal verbindend waren, später aber trennend wirkten. Es sind Menschen, deren Ansichten so extrem wurden, dass jede Form von Dialog unmöglich schien. Ich habe auch Freunde verloren, die nicht mehr bereit waren zuzuhören, zu fragen oder zu zweifeln. Stattdessen legten sie ihre Meinung wie eine Waffe auf den Tisch. Warum sich das so entwickelt? Darauf habe ich keine Antwort. Wie entsteht die eine oder die andere Sozialisierung? Wer vermag darauf schon eine zutreffende Antwort zu liefern, insbesondere, wenn man sich persönlich nahesteht?
Diese Verluste treffen mich bis heute. Freundschaften, die einst aus Neugier, Humor und gegenseitigem Respekt entstanden, lösten sich in etwas auf, das ich durchaus als persönliche Abneigung bezeichnen möchte. Es ist eine traurige, aber wichtige Erkenntnis: Freundschaft braucht nicht nur Vertrauen, sondern auch Respekt für die Andersartigkeit des anderen – und den Mut, Grenzen zu ziehen, wenn all das fehlt.
Leben, Verlust und der Blog
In meinem Blog spiegelt sich mein Leben – wohl nicht nur die politischen Themen, die mich beschäftigen, sondern auch die kleinen, stillen Momente, die (mir) wichtig sind. Es gibt Artikel, in denen ich über Kindheit, Veränderungen und die Verflüchtigung von Erinnerungen schreibe, wie etwa in „Veränderungen: Wie Heimat zur Wasserfläche wird“. Diese Texte schwanken zwischen Melancholie und Dankbarkeit.
Verluste gehören zum Leben wie die Freundschaften. Es gibt Freunde, die ich in meinen Beiträgen verewige, ohne ihren Namen zu nennen – sie sind darin versteckt, zwischen den Zeilen, in den Sätzen, die ich zu Menschen schreibe, die ich nicht mehr erreichen kann. Manchmal ist es das Schreiben selbst, das mir hilft, mit Verlusten umzugehen – indem es sie in Worte fasst, statt sie zu verdrängen.
Freundschaft – ein Leben lang
Freundschaft, ein Leben lang – das ist nicht nur ein hübscher Gedanke, sondern auch eine Herausforderung. Es bedeutet, in Zeiten der politischen Polarisierung, der sozialen Medien und der schnellen Urteile nicht aufzuhören, hinzuhören, zu fragen, zu zweifeln. Es bedeutet, in Freundschaften zu investieren, auch wenn sie nicht sofort zurückkommen. Macht es richtig, nicht wie ich.
Wahre Freundschaft erkennt man daran, dass man sich nach einem Gespräch nicht kleiner fühlt, sondern mehr wie man selbst.
In meinem Blog schreibe ich seit Jahren über politische und gesellschaftliche Themen. Vielleicht wirken manche meiner Texte belehrend. Dabei ging es mir nie darum, recht zu behalten. Eher darum, Verbindung herzustellen. So sollen meine Texte nicht ankommen und es tut mir leid, wenn mir das nicht gelungen ist. Mitteilsamkeit und der Gedanke an das Verbindende sind der Grund, warum ich schreibe, warum ich kommentiere. Und warum ich weiterhin Hoffnung habe, dass wir alle, trotz unserer Unterschiede, irgendwo verbunden bleiben. Die Menschen, denen ich mich verbunden fühle, obwohl ich sie nie persönlich kennengelernt habe, sollen wissen, dass ich auch sie als Freunde betrachte. Auch, wenn das einer engeren Definition von Freundschaft wohl kaum standhalten würde. Aber es sind schließlich ja auch nicht mehr als ungefähr 10 Personen.
Als Freund kann ich dich nicht bezeichnen, aber ich respektiere dich.
Es lohnt sich bei dir zu lesen, es ist alles gut aufgemacht.
Als du mal frech warst, wollte ich nicht mehr zurückkommen, aber ich hatte die Scharte dann doch überwunden.
Auch dass du bei mir nicht liest, ist mir nicht mehr so wichtig. Ich weiss, dass ich gutes Material veröffentliche.
Echte Freunde habe ich wenige, aber ich bleibe dran, wenn mal ein halbes Jahr kein Signal kommt.
Nicht um jeden Preis, aber ich kapituliere nicht, bloss weil ich viel um die Ohren habe.
Gute Bekannte habe ich wohl 30 – 50. Denen man auch privates,intimes erzählt. aber kann sein, dass man sich erst wieder in einem Jahr zufällig sieht.
Ohne ein gewisses „Netz“ oder einen „Pool“ ist Leben unvollständig.
@Gerhard: Respektieren ist schon OK. Mit dem abstrakten Bild eines Menschen kann man nicht befreundet sein. Das werden die meisten so sehen. Aber wir leben ja auch im wahren Leben nicht unbedingt mit identischen Sichtweisen zu vielen Themen. Das mit den echten Freunden wird immer schwieriger, schon aus biologischen Gründen. Es ist einigermaßen deprimierend, wenn man sich vergegenwärtigt, wie viele der „alten Freunde“ inzwischen schon nicht mehr unter uns sind. Mein zweitältester Freund ist schon mit 56 Jahren verstorben. Das war hart. Das mit den 30-50 guten Bekannten trifft auf meine Frau auch in etwa zu. Sie ist da ganz anders als ich und sie pflegt ihre Freundschaften. Ich bewundere das, schaffe es aber selbst nicht. Wahrscheinlich bin ich ein Ignorant.
Ein Arbeitskollege mit dem ich viele Jahre zusammengearbeitet habe, wohnt in Schleswig-Holstein, also weit entfernt. Wir reden telefonisch seit über 10 Jahren und haben uns ebenso lange nicht mehr persönlich gesehen. Ich glaube, diese Verbindung hätte ich ungewollt längst torpediert. Er ruft viel häufiger und regelmäßiger an als ich es tue. Da bin ich viel zu nachlässig.
Ich erinnere mich an zufällige Treffen mit alten Bekannten und durchaus auch Freunden. Wir haben uns gegenseitig aufgefordert uns doch mal zu besuchen. Ich dachte damals immer: Der Weg von da ist nicht weniger lang als der Weg von mir. Warum machen die nicht den ersten Schritt, wenn ihnen an unserer Bekanntschaft (Freundschaft) etwas liege, wie sie behaupteten? Wahrscheinlich sind das alte Ausreden, die viele benutzen. Jetzt, als Rentner, hätte ich Zeit. Stattdessen sitze ich hier rum und schreibe meinen blöden Beiträge. Meine Schwiegermutter ist jetzt schon vier Jahre tot. In Urlaub waren wir seitdem immer noch nicht. Was stimmt da nicht?