Europas Souveränität endet offenbar dort, wo Washington beleidigt reagiert

Der Ton, in dem derzeit über Friedrich Merz gesprochen wird, irritiert mich in manchen Fällen doch mehr als das, was er tatsächlich gesagt hat. Wer die Reaktionen vieler Kommentatoren liest, könnte glauben, der Bundeskanzler habe das westliche Bündnis mutwillig angezündet. Dabei hat er im Grunde etwas ausgesprochen, das nach den Katastrophen von Irak und Afghanistan fast banal wirken müsste: Wer militärisch eskaliert, braucht auch einen Plan für den Weg zurück.

europa washington souveraenitaet
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Doch genau diese Bemerkung reicht inzwischen offenbar aus, um Alarm auszulösen. Interessant, wie die schlimmsten Kritiker sogleich die konträre Position zu Merz einnehmen. Hat das System?

Sofort wird aus Skepsis Illoyalität. Aus strategischen Fragen wird ein diplomatischer Affront. Und aus einem Kanzler, der Zweifel anmeldet, wird plötzlich ein Risiko für den Westen, mindestens aber für Deutschland.

Besonders auffällig ist dabei die Wortwahl mancher Kommentatoren. Friedrich Merz habe es sich „mit allen verdorben“, heißt es etwa im Tagesspiegel (Christoph von Marschall). Das klingt weniger nach Analyse als nach moralischer Ermahnung. Fast so, als sei nicht die geopolitische Lage das Problem, sondern der Umstand, dass ein deutscher Kanzler öffentlich eine Meinung zu diesem absoluten Wahnsinn abgibt.

Vielleicht liegt genau dort der Kern dieser Debatte.

Viele jener Journalisten, die man ohne Übertreibung transatlantisch geprägt nennen kann, betrachten das Verhältnis zu den USA durch eine ganz bestimmte Linse. Die Stabilität des Bündnisses steht über allem. Öffentliche Kritik an Washington gilt schnell als Gefahr für die gemeinsame Front. Besonders dann, wenn im Weißen Haus jemand sitzt, der auf Kritik empfindlich reagiert.

Aber was ist das eigentlich für ein Bündnisverständnis?

Wenn ein amerikanischer Präsident mit Truppenabzug droht (und by the way wieder mal die Zölle erhöht), weil ihm die Worte eines europäischen Regierungschefs missfallen, dann offenbart das doch vor allem ein Problem amerikanischer Machtpolitik. Trotzdem wird der Fokus verschoben. Nicht die Drohung erscheint problematisch, sondern derjenige, der es gewagt hat, einen eigenen Gedanken zu formulieren.

Mich erinnert das an ein altes europäisches Dilemma: Wir sollen souverän sein – aber bitte nur innerhalb der erlaubten Grenzen amerikanischer Empfindlichkeiten.

Seit Jahren hören wir, Europa müsse endlich stärker werden, unabhängiger denken, geopolitisch erwachsen handeln. Doch sobald ein europäischer Regierungschef beginnt, genau das zu versuchen, entsteht Nervosität. Dann heißt es plötzlich, man dürfe Washington nicht reizen, müsse diplomatischer formulieren oder Konflikte hinter verschlossenen Türen halten.

Natürlich kann man darüber streiten, ob Merz klug gehandelt hat. Diplomatie lebt nicht von Lautstärke. Aber diese fast reflexhafte Empörung über jede eigenständige Position Europas wirkt inzwischen seltsam entlarvend.

Denn sie zeigt, wie tief die Vorstellung verankert ist, dass europäische Eigenständigkeit zwar rhetorisch erwünscht ist, praktisch aber bitte niemals unbequem werden darf.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Schwäche Europas. Nicht der Mangel an wirtschaftlicher Kraft. Nicht fehlende Institutionen. Sondern die Angst, politische Eigenständigkeit tatsächlich auszuhalten, sobald sie Konsequenzen haben könnte.

Und vielleicht erklärt das auch die Schärfe, mit der manche Kommentatoren reagieren. Wer jahrzehntelang gelernt hat, Sicherheit mit Gefolgschaft zu verwechseln, empfindet Widerspruch irgendwann automatisch als Gefahr.

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Horst Schulte
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@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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