Der Osten wählt AfD – und die Gründe sind keine Entlastung. Sie sind fragwürdig.

3. Juni 2026
5 Min.

Die phoenixRunde zur AfD-Stärke in Sachsen-Anhalt bestätigt: Hinter den Wahlergebnissen stecken Vertrauensverlust, Wendetrauma und politisches Versagen – aber keine Entschuldigung für das Kreuz bei Rechtsextremen.

AfD im Osten: Was die Diskutanten sagen – und was ich schon schrieb

Es gibt Momente, in denen man eine Diskussion verfolgt und denkt: Genau das habe ich doch schon geschrieben. So erging es mir bei der phoenixRunde vom 1. Juni 2026 zum Thema AfD-Umfragehoch im Osten. Vier Expertinnen und Experten diskutierten, warum die AfD in Sachsen-Anhalt inzwischen bei rund 41 Prozent in den Umfragen steht. Ich saß dabei und nickte – nicht zustimmend zur AfD, sondern bestätigend zu dem, was ich in meinem Artikel „Keine Entschuldigung für AfD-WählerInnen“ schon formuliert hatte.

Werner Patzelt und die unbequeme Wahrheit

Der Politikwissenschaftler Prof. Werner Patzelt lieferte die schärfste Analyse. Sein zentraler Befund: Mindestens die Hälfte der AfD-Wähler im Osten sind keine Protestwähler mehr – sie sind Überzeugungswähler. Das ist ein qualitativer Unterschied, den viele Beobachter noch immer nicht ernst nehmen wollen. Wer das ignoriert, unterschätzt das Problem grundlegend.

Patzelt erklärte außerdem, dass die anderen Parteien das Feld über mehr als zehn Jahre der AfD überlassen haben. Die AfD durfte jahrelang unwidersprochen die Sorgen der Bürger benennen und besetzen. Und wenn nun CDU oder SPD plötzlich ähnliche Positionen zur Migrationspolitik übernehmen, dann bestätigt das in den Augen vieler AfD-Wähler nur: Wir hatten recht. Das Überlappen etablierter Parteien stärkt die AfD, anstatt sie zu schwächen. Eine bittere Ironie – aber eine folgerichtige.

Hinzu kommt: Viele Ostdeutsche haben erlebt, wie ein politisches System „allmählich in Sackgassen gerät und dann zusammenbricht.“ Sie erkennen Muster wieder. Der Satz „Schlechter kann es eh nicht werden“ klingt fatalistisch, ist für viele aber eine kohärente Schlussfolgerung aus der eigenen Biografie. Das macht die AfD-Wähler im Osten nicht sympathischer – aber es macht sie verständlicher. Und das ist nicht dasselbe wie entschuldbar.

Sabine Falk-Bartz: Die Zahlen lügen nicht

Die MDR-Redakteurin Sabine Falk-Bartz brachte konkrete Daten mit. Laut einer Infratest-dimap-Umfrage vom Mai 2026 steht Migration in Sachsen-Anhalt an erster Stelle der politischen Sorgen – obwohl der Migrationsanteil in der Bevölkerung bei gerade einmal zehn Prozent liegt. Das ist eine Diskrepanz, die man nicht wegdiskutieren kann. Gefühlte Bedrohung und reale Bedrohung klaffen weit auseinander – und die AfD-Wähler im Osten bedienen sich erfolgreich aus diesem Reservoir.

Noch aufschlussreicher: 60 Prozent der Sachsen-Anhalter sind mit ihrer eigenen wirtschaftlichen Situation zufrieden. Aber 82 Prozent sind mit der Politik unzufrieden und haben kein Vertrauen in die handelnden Akteure. Die Unzufriedenheit ist also keine materielle Not – sie ist politisch und kulturell. Das passt zu dem, was ich in meinem Artikel beschrieben habe: Es geht nicht primär um Armut oder Arbeitslosigkeit. Es geht um ein tiefes, strukturelles Misstrauen gegenüber dem politischen Betrieb.

Falk-Bartz machte auf einen weiteren Punkt aufmerksam, der selten diskutiert wird: Das Trauma des DDR-Zusammenbruchs und der Wendezeit wird in Familien weitergegeben. Menschen, die 1989 noch Kinder waren oder gar nicht lebten, reproduzieren das Misstrauen ihrer Eltern und Großeltern. Ein Erbe, das politisch wirksam bleibt – und das die Demokratie langfristig beschädigt.

Wolfgang Schroeder: Enttäuschte Versprechen

Prof. Wolfgang Schroeder von der Universität Kassel analysierte die AfD als „doppelten Mechanismus“: Flugzeugträger für Zorn auf der einen Seite, Projektionsfläche für eine „Lust am Untergang“ auf der anderen. Diese Kombination verleiht der AfD eine politische Energie, die schwer zu brechen ist.

Besonders im Osten drückt das auf die Stimmung: 80 Prozent der Sachsen-Anhalter sind auf die gesetzliche Rente angewiesen – deutschlandweit ist der Anteil deutlich geringer. Jede Rentendebatte trifft den Osten existenzieller als den Westen. Die Bundesregierung mag sich das nicht eingestehen wollen, aber diese Zahlen erklären, warum politische Debatten dort anders ankommen.

Schroeder benannte auch die Erosion der SPD als Verstärker: Die Sozialdemokraten haben ihre traditionelle Arbeitnehmerbasis durch Sprache und politische Akademisierung entfremdet. Wer sich von der eigenen Partei nicht mehr repräsentiert fühlt, wandert ab – und die AfD signalisiert: Wir sehen euch. Das ist kein Kompliment an die AfD. Es ist eine Anklage an alle anderen.

Nadine Lindner: Das Kommunikationsversagen

Die Hauptstadtkorrespondentin des Deutschlandradios, Nadine Lindner, legte den Finger in die kommunikative Wunde der Bundesregierung. Im Kanzleramt fehle jemand, der eine angemessene Sprache für politische Probleme findet – eine Sprache, die standhält. Stattdessen herrsche kommunikative Leichtfertigkeit.

Lindner wies auch auf den innerparteilichen Zwiespalt in der Union hin: Das „Modell Dobrindt“ – sachlich, restriktiv, kühl – steht dem „Modell Merz“ gegenüber, das mit Begriffen wie „Stadtbild“ provoziert und sachliche Debatten erschwert. Dieser Widerspruch schadet dem Ansehen der Regierung insgesamt. Was die CDU heute in der Migrationspolitik betreibt, hätte sie vor zehn Jahren tun müssen. Zu spät ist zu spät.

Was ich schon schrieb – und was die Runde bestätigt

In meinem Artikel „Keine Entschuldigung für AfD-WählerInnen“ habe ich genau das beschrieben, was die Diskutanten der phoenixRunde jetzt in Analysen gekleidet haben: Es gibt erklärbare Gründe für die AfD-Stärke im Osten – historische, strukturelle, kommunikative. Aber Erklärung ist nicht Entschuldigung. AfD-Wähler im Osten tragen Verantwortung für ihre Wahlentscheidung, auch wenn ihre Enttäuschung real ist.

Wer eine Partei wählt, die Demokratie untergräbt, Minderheiten verfolgt und das Land in die Isolation führen würde, der kann sich nicht hinter Wendetrauma und Politikverdrossenheit verstecken. Das ist keine ostdeutsche Besonderheit – das ist eine moralische Frage. Und auf moralische Fragen gibt es keine strukturellen Antworten.

Die phoenixRunde hat gute Arbeit geleistet. Aber am Ende bleibt, was bleibt: keine Entschuldigung für die Freude an dystopischen Szenarien und die Lust an der Zerstörung UNSERER Demokratie.

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Rentner, Autor, Blogger und Hobbyfotograf

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