Ahmad Mansours deutscher Traum – und was aus ihm geworden ist

Ahmad Mansour stellt eine verstörende Frage: Was ist Deutschlands Erinnerungskultur wert, wenn Juden über Auswanderung nachdenken und Menschen wegen ihrer Meinung Polizeischutz brauchen? Seine Diagnose umfasst muslimischen, rechten und linken Antisemitismus – und am Ende auch seine eigene Freiheit.

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Der Begriff „NIE WIEDER“ war uns mal etwas wert. Aber er scheint aus dem Fokus gerutscht zu sein. Vielleicht schon vor langer Zeit.

Ahmad Mansour sagt bei „Markus Lanz“ einen Satz, über den wir eigentlich intensiver reden müssten als über die nächste Kanzlerkrise, die nächste Umfrage oder das nächste parteipolitische Manöver: Deutschlands Erinnerungskultur sei gescheitert.

Das ist eine bestürzende Behauptung. Mansour begründet sie allerdings nicht mit irgendeiner theoretischen Abhandlung über deutsche Geschichte. Oder über Wahlergebnisse einer gewissen Partei in Deutschland.

Er schaut auf das Leben jüdischer Menschen im Deutschland der Gegenwart.

Wenn Juden darüber nachdenken, Deutschland zu verlassen

Mansour verweist darauf, dass Juden (jeder 2.) inzwischen darüber nachdächten, Deutschland zu verlassen. Menschen, die hier geboren wurden oder seit Jahrzehnten hier leben, die Israel vielleicht ein- oder zweimal besucht haben und Deutschland selbstverständlich als ihre Heimat betrachten.

„Wenn wir in Kauf nehmen, dass jeder zweite Jude mittlerweile darüber nachdenkt, das Land zu verlassen … dann haben wir ein gewaltiges Problem.“

Und trotzdem werden sie für das verantwortlich gemacht, was die israelische Regierung im Nahen Osten tut. Allein dieser Gedanke ist schon ungeheuerlich. Ein deutscher Jude soll sich für Entscheidungen einer Regierung rechtfertigen, deren Staatsbürger er womöglich überhaupt nicht ist? Welches Verständnis von Zugehörigkeit steckt eigentlich dahinter?

Mansour fragt deshalb indirekt etwas viel Grundsätzlicheres: Was ist unsere viel beschworene deutsche Erinnerungskultur wert, wenn jüdische Menschen ausgerechnet in diesem Land wieder überlegen, ob sie hier noch sicher leben können? Ich erinnere an die beschämende und beklemmende Drohung gegen Charlotte Knobloch direkt nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt.

Wo bleibt die gesellschaftliche Reaktion?

Besonders bitter ist Mansours Vergleich der öffentlichen Reaktionen nach dem 7. Oktober 2023. Er erinnert daran, wie viele Menschen in Deutschland für die Ukraine, gegen Rechtsextremismus oder zu anderen großen politischen Anlässen auf die Straße gegangen sind. Hunderttausende können mobilisiert werden.

Nach dem größten Massaker an Juden seit dem Holocaust habe er dagegen eine gesellschaftliche Reaktion erlebt, die er als erschreckend schwach empfand.

Man kann über Zahlen und Vergleiche diskutieren. Aber seiner eigentlichen Frage kann man damit kaum ausweichen: Warum löst die Bedrohung jüdischen Lebens nicht dieselbe gesellschaftliche Entschlossenheit aus?

Eine Erinnerungskultur, die vor allem bei Gedenkveranstaltungen funktioniert, wäre tatsächlich zu wenig. Ihre Bewährungsprobe findet nicht am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz statt. Sie findet statt, wenn ein jüdisches Kind heute Angst bekommt, mit einer Kippa auf die Straße zu gehen. Wenn eine Synagoge bewacht werden muss. Wenn Menschen ihre jüdische Identität lieber verbergen. Oder wenn sie anfangen, darüber nachzudenken, ihre deutsche Heimat zu verlassen.

Dann geht es nicht mehr um Geschichte. Dann geht es um uns.

Antisemitismus hat nicht nur eine politische Adresse

Bemerkenswert finde ich, dass Mansour es sich bei der Benennung der Ursachen nicht bequem macht. Er spricht von rechtsextremem Antisemitismus. Aber eben nicht nur davon.

Er spricht auch über Antisemitismus in Teilen muslimischer Milieus und nennt ihn „importierten Antisemitismus“. Menschen, die aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan nach Deutschland kommen, bringen schließlich nicht nur ihre Koffer mit. Manche bringen auch politische, religiöse und gesellschaftliche Prägungen mit. Dazu können antisemitische Vorstellungen gehören.

Wer Integration ernst nimmt, darf darüber nicht schweigen. Es wäre geradezu absurd, Menschen vor rechtsextremem Antisemitismus schützen zu wollen und gleichzeitig Antisemitismus zu relativieren, sobald er aus einem anderen gesellschaftlichen Milieu kommt.

Mansour benennt schließlich noch eine dritte Variante: linken Antisemitismus. Er kritisiert ein postkoloniales Weltbild, das den Nahostkonflikt auf ein schlichtes Schema von Unterdrückern und Unterdrückten reduziert: Israel als weiße Kolonialmacht, Palästinenser als People of Color. Für Mansour ist diese Sichtweise eine gefährliche Unterkomplexität, aus der ebenfalls antisemitische Ressentiments entstehen können.

Über diese politische Einordnung kann und sollte man streiten. Aber über Antisemitismus sollte man nicht danach urteilen, aus welcher Ecke er kommt.

Und dann spricht Mansour über sich selbst

An diesem Punkt bekommt seine Wortmeldung eine sehr persönliche Dimension.

Mansour fragt, was er eigentlich getan habe, dass er nicht mehr normal leben könne. Dass er nicht einmal einkaufen gehen könne, ohne von der Polizei geschützt zu werden. Seine Antwort ist erschreckend einfach: Er habe niemandem etwas getan. Er äußere seine Meinung. Er mische sich ein. Er tue also genau das, was ein mündiger Bürger in einer Demokratie tun sollte.

Und dafür lebt er unter Polizeischutz.

Dann erzählt Mansour von seiner Ankunft in Deutschland vor 22 Jahren. Noch im Flugzeug habe er drei Wörter in ein Heft geschrieben. Drei Dinge, die er sich von seinem neuen Leben in Deutschland erhoffte: Freiheit. Sicherheit. Wohlstand.

Zwei davon, sagt er heute, seien für ihn nicht mehr vorhanden: Sicherheit und Freiheit.

„Das ist nicht das Land, das ich damals gesucht habe, um hier meine Zukunft zu planen.“

Dieser Satz sitzt.

Freiheit, die Polizeischutz braucht

Ja, Ahmad Mansour lebt unter besonderen Umständen. Aus seinem persönlichen Schicksal lässt sich nicht ableiten, dass Menschen in Deutschland generell ihre Freiheit verloren hätten. Aber darum geht es auch nicht.

Es geht um die Zumutung, dass Menschen in einer freien Gesellschaft Polizeischutz benötigen, weil sie ihre Meinung äußern. Und sich die Gesellschaft dazu in einer Weise unbeteiligt zeigt, die erschreckend ist. Dass Synagogen geschützt werden müssen, weil Juden dort beten. Dass jüdische Menschen darüber nachdenken, ihre Heimat zu verlassen, weil sie sich für einen Krieg rechtfertigen sollen, den sie weder begonnen haben noch führen. Vielleicht ist das tatsächlich die entscheidende Prüfung unserer Erinnerungskultur.

Wir Deutschen haben viel gelernt darüber, was geschehen ist. Wir haben Gedenkstätten errichtet, Stolpersteine verlegt, Bücher geschrieben, Unterricht gehalten und jedes Jahr „Nie wieder“ gesagt. Offenbar liegt diese Vergangenheit solange zurück, dass das schreckliche Unrecht, der Zivilisationsbruch von damals heute für viele von uns nicht mehr von Belang ist. „Denkmal der Schande“ nannte Höcke (AfD) das Holocaust-Mahnmal in Berlin. Auch dafür bekommt diese Partei Stimmen.

Aber „NIE WIEDER“ ist kein Satz über die Vergangenheit aus der Vergangenheit. Seinen Wert zeigt er in der Gegenwart. Heute wurde erneut ein Anschlag auf eine Synagoge (Wuppertal) gemeldet. Gott sei Dank ist er glimpflich verlaufen. Der Schrecken darüber bleibt, oder ist er morgen schon wieder vergessen?

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