Politische Fehler erklären viel – aber keine 43,8 Prozent

Politik und Medien haben Fehler gemacht, die den Aufstieg der AfD begünstigt haben. Aber irgendwann endet die Suche nach Entschuldigungen. Wer 2026 in Sachsen-Anhalt AfD wählt, weiß, was er tut. Zur Demokratie gehört deshalb nicht nur das Wahlrecht, sondern auch die Verantwortung für die eigene Wahl.

Teilen

Auf Mastodon teilen

Gib deinen Mastodon-Server oder deine vollständige Adresse ein. Beides funktioniert.

Der Server wird nur in deinem Browser gespeichert.

sachsen-anhalt-afd-verantwortung-waehler

Ja, natürlich. Bei jeder anderen Partei hätte ich, je nach Ergebnis, zähneknirschend den nun insbesondere von rechten Kackbratzen bemühten Hinweisen zugestimmt, dass dies eben „Demokratie“ sei. Bei der AfD handelt es sich jedoch um eine hasserfüllte Hülle, in die jeder Rassist und Demokratiefeind seine fünf Cents hineingibt. Dazu braucht es keinen Verfassungsschutz. Das kann jeder erkennen, der hinsieht und hinhört, wenn die Protagonisten dieser Partei live und in Farbe vorführen, wes Geistes Kind sie sind.

Wer kann schon mit Gewissheit sagen, welche Fehler gemacht wurden und wie man sie hätte vermeiden können? Ich verweise diesbezüglich auf externe Ereignisse, für die weder die letzte, noch die heutige Regierung verantwortlich ist. An Erklärungen herrscht jedenfalls kein Mangel. Jeder lässt seinen Senf dazu ab, sofern er das nicht längst und andauernd getan hat. Einiges allerdings liegt inzwischen so offen auf dem Tisch, dass man nicht mehr lange danach suchen muss.

Was schiefgelaufen ist

Die Liste der politischen und gesellschaftlichen Versäumnisse ist lang:

  • Die Migrationspolitik wurde über Jahre schöngeredet. Probleme bei Integration, Kriminalität, Abschiebungen und der Überforderung von Kommunen wurden häufig erst eingeräumt, als sie sich längst nicht mehr wegdiskutieren ließen. Wer Probleme nicht benennt, überlässt ihre Beschreibung irgendwann denen, die daraus politisches Gift herstellen. Die Linken, die heute am lautesten über die neue Lage klagen, sollten sich diese Frage endlich einmal kritisch vorlegen. Ich verspreche: Auch ich tue das.
  • Kritik an dieser Politik wurde zu schnell moralisch einsortiert. Zwischen der Aussage, die Migrationspolitik sei falsch, und Fremdenfeindlichkeit liegt ein ziemlich großes Feld. Wer dieses Feld räumt, braucht sich nicht zu wundern, wenn andere es besetzen.
  • Die demokratischen Parteien haben die AfD viel zu häufig selbst zum Gegenstand ihrer Politik gemacht. Brandmauer hier, Abgrenzungsbeschluss dort, zwischendurch noch eine Verbotsdebatte. Währenddessen wollten viele Bürger wissen, was bei Energiepreisen, Migration, Wirtschaft, Infrastruktur, Schulen und innerer Sicherheit eigentlich konkret besser werden soll.
  • Auch die öffentlich-rechtlichen Medien haben sich mit ihrem Umgang mit der AfD keinen Gefallen getan. Die möglichst weitgehende Ausgrenzung mag angesichts mancher Vertreter nachvollziehbar gewesen sein. Nur hatte sie womöglich einen fatalen Nebeneffekt: Die AfD baute sich ihre eigene Öffentlichkeit. Sie brauchte irgendwann weder ARD noch ZDF, weil TikTok, YouTube und andere Plattformen ihr den direkten Zugang zu Millionen Menschen eröffneten – ohne kritische Nachfragen und journalistische Einordnung. Kurz vor der Wahl entfielen laut einer Untersuchung der Universität Potsdam 79,4 Prozent der TikTok-Aufrufe politischer Accounts aus Sachsen-Anhalt auf die AfD. Allein Ulrich Siegmund erreichte 64,5 Prozent.
  • Die demokratischen Parteien haben die sozialen Medien sträflich unterschätzt. Während anderswo Pressemitteilungen formuliert und Talkshowauftritte vorbereitet wurden, hatte die AfD längst begriffen, wie politische Kommunikation heute funktioniert. Man kann TikTok für eine intellektuelle Müllkippe halten. Dummerweise verschwindet die Müllkippe davon nicht.
  • Politische Versprechen und politische Wirklichkeit klaffen seit Jahren auseinander. Migration, Bürokratie, Infrastruktur, Energie, wirtschaftliche Entwicklung: Ankündigungen gibt es reichlich, sichtbare Ergebnisse erheblich weniger. Eine populistische Partei muss dann nicht einmal besonders überzeugend sein. Es reicht ihr, auf das zu zeigen, was offensichtlich nicht funktioniert.
  • Ostdeutsche Erfahrungen wurden wahlweise romantisiert oder von oben herab erklärt. Die Verwerfungen nach der Wiedervereinigung waren real und wirken teilweise bis heute nach. Aber 36 Jahre später kann nicht mehr jede politische Entwicklung mit der Nachwendezeit entschuldigt werden. Irgendwann endet auch die historische Schonfrist.

Das alles sollte man diskutieren. Nur bitte nicht so, als folge daraus zwangsläufig die Wahl der AfD.

Wer macht eigentlich das Kreuz?

Denn ein großer Fehler dürfte auch gewesen sein, Hunderttausende AfD-Wähler permanent so zu behandeln, als seien sie unmündige Opfer irgendwelcher Umstände. Als hätte Berlin sie zur AfD getrieben. Als hätte Angela Merkel ihnen den Wahlzettel ausgefüllt, Olaf Scholz das Kreuzchen gemacht und Friedrich Merz anschließend den Umschlag zugeklebt.

Nein.

Wer 2026 in Sachsen-Anhalt AfD wählte, wusste, was er gewählt hat. Diese Partei ist nicht gestern gegründet worden. Ihre Funktionäre reden seit Jahren. Ihre Positionen sind bekannt. Ihre Provokationen sind bekannt. Ihr Verhältnis zu Russland, Migration, gesellschaftlichen Minderheiten, Medien und deutscher Geschichte ist kein Geheimwissen. Niemand kann ernsthaft behaupten, von alldem nichts mitbekommen zu haben.

43,8 Prozent sind deshalb nicht nur ein Versagen „der Politik“. Sie sind auch eine Aussage der Menschen, die dieser Partei ihre Stimme gegeben haben.

Protest ist keine Generalamnestie

Ja, die 43,8 Prozent der Wähler werden nicht alle Rechtsextremisten sein. Aber ich kann diesen Beschwichtigungsversuch offen gestanden nicht mehr hören! Diese Wähler haben sich entschieden, ihre Sorgen, Enttäuschungen, Wut, Ressentiments oder politischen Überzeugungen ausgerechnet bei einer Partei abzuladen, deren Radikalität, und deren ausufernde Demokratiefeindlichkeit seit Jahren offen vor ihnen liegen.

Wer das sehenden Auges tut, kann anschließend nicht verlangen, ausschließlich als missverstandener Protestwähler behandelt zu werden. Und genau das steht uns bevor, sobald die Leute erkennen, welche Politik von der AfD konkret gemacht wird. Dann werden sie noch lauter jammern als das ohnehin schon immer der Fall war.

Man kann eine schlechte Bundesregierung abstrafen. Man kann CDU, SPD, Grüne, Linke oder sonst wen wählen. Man kann einer kleinen Partei seine Stimme geben oder zu Hause bleiben. Niemand wird gezwungen, AfD zu wählen.

Das Kreuz bei der AfD setzt immer noch der Wähler selbst.

Und genau an dieser Stelle habe ich die zunehmende Suche nach Entschuldigungen satt. Die Menschen in Sachsen-Anhalt sind keine politischen Pflegefälle, denen man nach jeder Wahl erklären muss, welche widrigen Umstände sie leider dazu gebracht hätten, ihr Kreuz an der falschen Stelle zu machen.

Sie sind erwachsene Bürger. Sie besitzen Wahlrecht und politische Verantwortung.

Wer ihnen das eine zugesteht, muss ihnen auch das andere zumuten.

Sachsen-Anhalt hat entschieden

Bei einer Wahlbeteiligung von 76,5 Prozent lässt sich dieses Ergebnis ohnehin schwer als Betriebsunfall oder Aufstand einer kleinen frustrierten Minderheit abtun.

Was denkt man im Ausland?

Vielleicht sollten wir deshalb nach solchen Wahlen nicht reflexhaft ausschließlich fragen: Was haben „wir“ falsch gemacht, damit „die Menschen“ so wählen?

Diese Formulierung enthält bereits eine merkwürdige Entmündigung.

Ja, die demokratischen Parteien haben Fehler gemacht. Die Bundesregierung hat Fehler gemacht. Frühere Bundesregierungen haben Fehler gemacht. Medien haben Fehler gemacht. Und manches davon dürfte der AfD geholfen haben.

Aber am Ende stand ein Wahlzettel.

Und davor stand ein Mensch, der seine Entscheidung getroffen hat.

Sachsen-Anhalt hat deshalb nicht nur ein AfD-Problem. Ein erheblicher Teil seiner Bevölkerung hat sich bewusst dafür entschieden, eines daraus zu machen.


Für mich gibts ab heute nur noch DIE und WIR.

Merkliste

Kommentare

Was meinst du dazu?

Kommentieren auf diesem Blog

  • Text wird lokal zwischengespeichert
  • Antworten können per E-Mail abonniert werden
  • Kommentar kurzzeitig bearbeitbar oder löschbar

Nach dem Absenden kannst du deinen Kommentar noch 10 Minuten bearbeiten oder löschen.Danach ist keine Änderung oder Löschung mehr möglich.
Nat King Cole – Smile
Zuletzt gehört
Smile
Nat King Cole · The Nat King Cole Story
Zuvor
Giacomo Puccini – Gianni Schicchi: O mio babbino caro
Gianni Schicchi: O mio babbino caro
Giacomo Puccini · 100 Meisterwerke der Klassik
Davor
Nathan East – I Can Let Go Now (feat. Sara Bareilles)