
Ben landete vor zwei Tagen einen neuen Coup. Diesmal lud er den russischen Botschafter zum Gespräch. Innerhalb dieser zwei Tage erhielt das Video fast drei Millionen Aufrufe, rund 157.000 Likes und inzwischen mehr als 46.000 Kommentare. Ich habe sie, das gebe ich unumwunden zu, nicht alle gelesen. Irgendwann muss der Mensch schließlich schlafen. Aber unter denen, durch die ich mich gearbeitet habe, fand ich keinen einzigen, der auch nur einen Hauch von Kritik enthielt.
Alle waren hin und weg. Endlich rede mal jemand miteinander. Endlich stelle mal jemand die richtigen Fragen. Endlich bekomme man Informationen, die einem die bösen etablierten Medien vorenthalten. Und selbstverständlich: Danke, Ben! Danke für dieses wichtige Gespräch! Danke für deinen Mut!
Ich saß davor und dachte: Bin ich bekloppt oder sind die es?
Reden ist nicht das Problem
Damit wir uns nicht missverstehen: Natürlich darf, ja soll man mit dem russischen Botschafter reden. Journalismus besteht nicht darin, nur Menschen einzuladen, deren politische Positionen man teilt oder moralisch für einwandfrei hält. Im Gegenteil. Gerade Vertreter eines Staates, der Krieg führt und dessen Führung ihre eigene Sicht der Dinge mit erheblichem propagandistischem Aufwand verbreitet, sollten befragt werden.

Aber genau da beginnt das Problem.
Ein Gespräch mit einem Botschafter ist eben kein gemütlicher Austausch zweier Privatleute bei Kaffee und Gebäck. Ein Botschafter vertritt seinen Staat. Das ist sein Beruf. Mir treten liebe Gesichter beim Zuhören vor mein geistiges Auge: Putin, Medwedew, Peskow, Lawrow. Bisschen Butscha, bisschen Kiew, bisschen Charkiw – bisschen Mord und Totschlag. Aber halt. Mein Feindbild wird von Ben und seinem Gast gerade demontiert. Alles war ganz anders. Ich darf meinen Regierungen kein Wort mehr glauben. Alles gelogen. Ben deckt auf, erklärt mithilfe des Spannmannes die wahren Zusammenhänge.
Der Botschafter ist kein unabhängiger Beobachter, der zufällig einen russischen Pass besitzt und uns freundlicherweise erklärt, wie er die Welt sieht. Er repräsentiert die Politik seiner Regierung und selbstverständlich auch deren Narrative. Und damit sind wir bei den ekelhaften Lügen Putins und Lawrows.
Deshalb entscheidet nicht allein darüber, ob man mit ihm spricht. Entscheidend ist, wie man mit ihm spricht.
Wo wird nachgehakt? Wo werden Behauptungen eingeordnet? Wo werden Widersprüche offengelegt? Wo bekommt der Zuschauer wenigstens das Rüstzeug, zwischen einer Antwort und einer politischen Botschaft unterscheiden zu können?
Genau diese Distanz vermisse ich bei Ben immer wieder. Ben glotzt den Botschafter an und klebt an seinen Lippen. Gott wie süß.
Drei Millionen sind kein Zufall
Fast noch interessanter als das Gespräch selbst finde ich natürlich die Resonanz. Drei Millionen Aufrufe innerhalb von zwei Tagen sind eine Hausnummer. 157.000 Likes ebenfalls. Und wenn sich unter Zehntausenden Kommentaren eine geradezu hymnische Begeisterung ausbreitet, kann man das nicht einfach als übliches Social-Media-Gedöns abtun.
Da passiert etwas.
Natürlich weiß ich, dass Kommentarspalten keine repräsentativen Meinungsumfragen sind. Algorithmen sortieren Menschen nach Interessen, Fans versammeln sich bei ihren Idolen und Kritiker haben irgendwann keine Lust mehr, gegen eine Wand aus Begeisterung anzuschreiben. Trotzdem erschreckt mich diese Geschlossenheit.
Nicht einmal Zweifel? Kein „Moment mal“? Keine Frage danach, welche Interessen der Gesprächspartner vertritt? Kein Hinweis darauf, dass hier der offizielle Vertreter eines autoritären Staates spricht, dessen Regierung selbstverständlich ein Interesse daran hat, die deutsche Öffentlichkeit in ihrem Sinne zu beeinflussen?
Stattdessen Dankbarkeit.
Das finde ich bemerkenswert. Und sehr irritierend und äußerst beunruhigend.
Die perfekte Form der Einflussnahme
Propaganda funktioniert schließlich nicht nur mit Marschmusik, Fahnen und einem grimmigen Mann, der ins Mikrofon brüllt. Das wäre sogar ausgesprochen praktisch, weil jeder sie sofort erkennen würde.
Die moderne Variante ist sehr viel eleganter.
Sie setzt sich in einen bequemen Sessel, spricht ruhig und vernünftig, lässt den anderen ausreden und vermittelt dem Zuschauer das angenehme Gefühl, endlich einmal etwas zu hören, das „die Medien“ ihm angeblich verschweigen. Niemand zwingt jemanden zu irgendetwas. Niemand muss lügen. Manchmal reicht es völlig, bestimmte Dinge zu erzählen und andere wegzulassen.
Und am Ende glaubt das Publikum sogar, es habe sich seine Meinung vollkommen selbstständig gebildet.
Das ist für mich der entscheidende Punkt. Ich unterstelle Ben nicht, im Auftrag Moskaus zu handeln. Dafür habe ich keinerlei Beleg. Das wäre auch gar nicht nötig, um die Wirkung problematisch zu finden. Menschen können Narrative verbreiten, ohne von irgendjemandem dafür engagiert worden zu sein. Entscheidend ist nicht allein die Absicht. Entscheidend ist auch das Ergebnis.
Und wem nutzt es?
Damit lande ich zwangsläufig bei der AfD.
Ben spielt ihrer Politik inzwischen derart deutlich in die Hände, dass ich Schwierigkeiten habe, das noch als bloße Begleiterscheinung seiner Arbeit abzutun. Misstrauen gegenüber etablierten Medien, Verachtung gegenüber der Bundesregierung, Verständnis für russische Positionen und die ständige Erzählung, dem deutschen Publikum werde die Wahrheit vorenthalten – das alles fügt sich erstaunlich sauber in jene politische Stimmung ein, von der die AfD seit Jahren profitiert.
Das bedeutet nicht, dass jeder, der Ben schaut, AfD wählt. Es bedeutet auch nicht, dass Kritik an Bundesregierung, Medien oder deutscher Russlandpolitik illegitim wäre. Das wäre eine geradezu groteske Verkürzung.
Aber irgendwann sollte man sich fragen, warum die immer gleichen Erzählungen stets in dieselbe politische Richtung wirken.
Vielleicht sollte ich ihn blockieren
Und damit komme ich zu meinem persönlichen Dilemma.
Vielleicht sollte ich Bens Kanal einfach blockieren. Das wäre vermutlich gut für meinen Blutdruck und würde mir einige Momente ersparen, in denen ich fassungslos vor dem Bildschirm sitze und mich frage, ob meine Wahrnehmung der Wirklichkeit inzwischen vollkommen aus dem Ruder gelaufen ist.
Andererseits würde ich mich damit eines gewissen Vergnügens berauben. Denn offenbar habe ich eine eigentümliche Neigung entwickelt, mich bis aufs Blut über genau diese Form medialer Einflussnahme aufzuregen.
Wegsehen ist auch keine Lösung. Denn was dort geschieht, verschwindet nicht dadurch, dass ich es nicht mehr sehe. Millionen andere sehen es weiterhin. Sie drücken auf „Gefällt mir“, bedanken sich überschwänglich – und gehen anschließend womöglich mit dem angenehmen Gefühl ins Bett, endlich einmal die Wahrheit gehört zu haben.
Dieses Gefühl macht mir mehr Sorgen als das Gerede des Botschafter. Ben korrigiert ihn nicht einmal dann, wenn er steif und fest behauptet, keine zivilen Ziele anzugreifen. Alles nur Kollateralschaden.
Wo sind eigentlich die Wächter der richtigen Bühne?
Nimmt man dieses einerseits katastrophale und andererseits von Hunderttausenden Zuschauern als geradezu aufklärerische Großtat gefeierte Gespräch, kann man eigentlich nur noch mit dem Kopf schütteln. Fast noch erstaunlicher finde ich allerdings die Ruhe ringsum.
Wo sind sie eigentlich alle, die sonst zuverlässig auf der Matte stehen, sobald jemand dem vermeintlich Falschen ein Podium bietet? Wo sind die Medienkritiker, Journalisten und selbst ernannten Wächter der demokratischen Diskurshygiene, die bei einem Satiriker mit falschem Zungenschlag schon nervös werden und beim Gespräch mit Höcke darüber diskutierten, ob man einen solchen Mann überhaupt so lange reden lassen dürfe?
Ich habe jedenfalls kaum Blogs gefunden, die sich kritisch mit dieser Entwicklung bei Ben befassen. Ausgerechnet dort, wo sonst gern und ausführlich darüber gestritten wird, wem man eine Bühne geben darf und wem besser nicht, scheint plötzlich die große Gelassenheit ausgebrochen zu sein.
Vielleicht waren alle gerade abgelenkt von der Aussicht auf eine mögliche AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt. Kann man ja verstehen.
Nur wäre es eine hübsche Ironie, wenn man vor lauter Entsetzen über den möglichen politischen Erfolg der AfD übersähe, welche medialen Entwicklungen genau jene Stimmung befördern, von der diese Partei seit Jahren prächtig lebt.
Wenn sogar aus meiner Sicht etablierte, seriöse Medien wie die „ZEIT“ Ben als Bezug für fragwürdige Aussagen nutzt, ist wohl alles verloren.

Von diesem Ben habe ich noch nie gehört. Ich schaffe ich es nicht, so viele Medien zu abonnieren wie du, will ich auch nicht, mir zu anstrengend.
@SuMu: Kann ich verstehen. Ich verplempere meine Lebenszeit für so’n Scheiß. 💩🥂
@Horst Schulte: obwohl ich verplempere sie auch, nur anders 😉
Das Gespräch tu ich mir nicht an, mir reicht dein Bericht! Einige Reaktionen gab es ja doch (habe KI gefragt, die zeigt eine Liste).
Die Großmedien waren, wie du ja auch vermutest, eher mit den anstehenden Wahlen beschäftigt..
Die vielfache Zustimmung hat – neben allem, was du dazu richtig anmerkst – wohl auch den Grund, dass diese Art Gespräch tatsächlich eine Lücke füllt, die im gewohnten Journalismus aus Gründen gelassen wird. Zuhören, ausreden lassen, nicht „stellen müssen/wollen“ – und das so lange, dass man, je länger das Gespräch dauert, mehr und mehr die Chance sieht, dass sich der Jeweilige ein wenig echter zeigt als bei 1-Minuten-Statements. Beim Botschafter hatte ich diese Hoffnung keinen Moment und hab deshalb nicht mal reingeschaut.
Das Gespräch mit Ulf Poschardt hat mir durchaus ein differenzierteres Bild vermittelt – ich wusste recht wenig über ihn und war oft erstaunt! Was nicht heißt, dass ich seine medialen Einlassungen jetzt besser finde.
PS. Was Ben angeht: je spektakulärer sein Gast, desto reicher wird er….
@ClaudiaBerlin: Ich habe mir die Stunde (wie die 4 Stunden Höcke) komplett reingezogen. Zuerst dachte ich, es könnte vlt. interesant sein. Aber es kamen vom Botschafter (Überraschung) nur die üblichen Lügen und Ansagen, die wir von den Russen zur Genüge kennen. Was hätte man auch anderes erwarten dürfen? Aber dieser Ben driftet für mich erkennbar immer stärker in die rechte Ecke. Dass ihn für seine Inhalte so viele feiern, irritiert mich in höchstem Maße. Mir kann das nicht als Normalität verkauft werden. Ich weigere mich zu glauben, dass Menschen so blöd sein können. Wer weiß, wie viele der Kommentare von Bots stammen? Nur es besteht kein Zweifel daran, dass das Interesse an diesem Mistcontent nicht gering ist. Und ich wiederhole: Mich irritiert das. Dass Ben au f diese Weise viel Geld verdient, stört mich kein bisschen. Aber dass er Verschwörungstheorien der gefährlichen Art hilft zu verbreiten, ist eine andere Sache.
@Horst Schulte: den Geldregen dank vieler Abrufe halte ich für das eigentliche Motiv, denn ursprünglich war er wohl wirklich unpolitisch.
@ClaudiaBerlin: Ja, den Eindruck muss man haben, wenn man seine Biografie überflogen hat. Er hat das auch in einem seiner Videos mal erwähnt, meine ich. Er war mal Unternehmer und hat dann erst die Karriere als Influencer gestartet. Die Frage, die bestehen bleibt, ist wohl die, ob sein Schaffen gut oder schlecht ist. Er hat zuviel Einfluss. Aber natürlich müssen das die entscheiden, die seine Videos so toll finden. Die überwiegend sehr kurzen Kommentare sprechen in meinen Augen eine klare Sprache.
Du hast das Konzept von „ungeskriptet“ nicht verstanden. Sicherlich hast du – wie das Höcke-Interview – auch dieses nicht bis Ende angesehen oder angehört.
Bild dir deine Meinung! Der mündige Bürger kann das (die Bürgerin selbstverständlich auch!). Propaganda erkennen und dennoch wertwolle Erkenntnisse mitnehmen.
Nur bist du als Wessi vorbelastet und magst den Russen nicht. Darum diese negative Hetze … statt es für dich und deine werten Leser und Leserinnen neutral einzuordnen.
Ich mag deine Texte überhaupt nicht mehr. Der Titel und zwei, drei Sätze reichen, um zu wissen, in welche Richtung es geht. Da spart man sich das Lesen gerne und überfliegt die Absätze oder man lässt es gleich bleiben.
Der Zini das Wuslon-Cursor ist ein weiterer Grund dich aus dem Feed geworfen zu haben.
@Name: Konzept … ja, ist klar. Ich habe mir sowohl das Gespräch mit Höcke als auch jenes mit dem russischen Botschafter vollständig angesehen. Nicht nur das: Ich habe mich auch mit der Frage beschäftigt, welche Motive Ben dazu bewegen, solche „Extravaganzen“ – nennen wir sie der Freundlichkeit halber so – zu veranstalten.
Dein Hinweis auf den „mündigen Bürger“ ist dabei durchaus interessant. Mündigkeit besteht nämlich nicht darin, Propaganda erkennen zu können und deshalb auf journalistische Einordnung großzügig zu verzichten. Mündigkeit schließt ein, sich zu fragen, warum bestimmte Botschaften auf diese Weise, in diesem Rahmen und ohne ernsthaften Widerspruch verbreitet werden. Genau darum ging es in meinem Text.
Dass du meine Kritik stattdessen mit meiner Herkunft als „Wessi“ und einer angeblichen Abneigung gegen „den Russen“ erklärst, sagt über meine Argumentation erstaunlich wenig aus. Über deine Art, mit ihr umzugehen, dafür umso mehr.
Auch deine Mitteilung, meine Texte nicht mehr lesen zu wollen und mich aus deinem Feed geworfen zu haben, nehme ich zur Kenntnis. Das ist dein gutes Recht. Ein wenig kurios ist allerdings, mir ausführlich mitzuteilen, dass du meine Texte nicht mehr liest, weil du schon nach zwei oder drei Sätzen weißt, was darin steht. Vielleicht liegt genau dort das Problem: Wer schon vorher weiß, was der andere denkt, erspart sich zwar das Lesen – aber leider auch das Verstehen.
Und was das „heruntergeklappte Visier“ betrifft: Hinter einem solchen lässt sich trefflich über die mangelnde Mündigkeit anderer urteilen. Ich halte es lieber anders. Ich schreibe unter meinem Namen, begründe meine Position und lasse mich daran messen. Das genügt mir.
Ich bedaure, dass dir der Cursor nicht gefällt.