Strom und Wärme müssen bezahlbarer werden. Doch Förderunsicherheit und verschobene Windkraft-Ausschreibungen ergeben noch keinen überzeugenden Plan. Was eine Energiepolitik leisten müsste, die Kosten senkt und an den Erneuerbaren festhält.

Bezahlbare Energie braucht ein funktionierendes Zusammenspiel von Erzeugung, Netzen und Speichern

«In wenigen Wochen könnten Dächer leer bleiben und bereits bestellte Solaranlagen im Lager bleiben», sagte Julia Verlinden, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, dem Tagesspiegel. Windräder, die gerade geplant werden, würden ihre Förderung verlieren und doch nicht gebaut werden. «Es droht massiver Schaden für Hunderttausende Arbeitsplätze, die gesamte erneuerbare Wertschöpfungskette und die Investitionssicherheit in Deutschland.»

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Wenn du dachtest, die Zeiten des energiepolitischen Schlingerkurses seien vorbei, wirst du im Herbst 2026 eines Besseren belehrt. Bei der Windkraft auf See geraten Investitionen ins Stocken, bei der Solarförderung steht der nächste Systemwechsel bevor. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche nennt ihren Kurs kosteneffizient und marktorientiert. Mich überzeugt er bislang nicht.

Natürlich müssen Strom und Wärme wieder bezahlbarer werden. Für Menschen, die ihre Rechnungen kaum stemmen können, ebenso wie für Betriebe, deren Produktion an hohen Energiekosten scheitert. Aber wie sollen wir dahin kommen, wenn ausgerechnet beim Ausbau der erneuerbaren Energien zusätzliche Unsicherheit entsteht? Der energiepolitische Irrsinn dieser Regierung scheint mir dafür jedenfalls kein geeigneter Weg zu sein.

Auf hoher See fehlt der verlässliche Kurs

Das gesetzliche Ziel bleibt ehrgeizig: mindestens 70 Gigawatt Offshore-Windkraft bis 2045. Ende Juni 2026 waren nach Angaben der Stiftung Offshore-Windenergie 10,8 Gigawatt in Betrieb. Es gibt also noch einiges zu tun. Quelle

Umso schwerer wiegt, dass bei der Ausschreibung zweier Nordseeflächen mit zusammen 2,5 Gigawatt im August 2025 kein einziges Gebot einging. Die für 2026 vorgesehenen Ausschreibungen für zentral voruntersuchte Flächen wurden auf 2027 verschoben. Schwierige wirtschaftliche Bedingungen und verzögerte Netzanschlüsse gehören zu den Gründen. Eine Verschiebung mag eine weitere erfolglose Auktion verhindern. Sie schafft aber noch keine Aufträge für die Zulieferer. Quellen: Bundesnetzagentur, Bericht zur Verschiebung

Ende Oktober erhöhten acht Regierungschefinnen und Regierungschefs mit einem gemeinsamen Brief den Druck auf Reiche. Neben den Küstenländern waren Bayern, Baden-Württemberg und das Saarland beteiligt. Ihre Warnung: Stockt der Ausbau weiter, könnten in den kommenden vier Jahren rund 23.000 Arbeitsplätze und etwa 24 Milliarden Euro Umsatz verloren gehen. Reiche stellte Änderungen für wirtschaftlich tragfähigere Projekte in Aussicht. Quelle

Die Schwierigkeiten haben eine Vorgeschichte. Hohe Projektkosten, unsichere Stromerlöse und Probleme beim Netzanschluss lassen sich nicht einer einzigen Ministerin anlasten. Wer heute Verantwortung trägt, muss daraus allerdings Konsequenzen ziehen. Ein Ausbauziel ersetzt weder einen funktionierenden Netzanschluss noch ein finanzierbares Projekt.

Auf dem Dach wächst die Unsicherheit

Bei der Fotovoltaik plant die Bundesregierung mit der EEG-Novelle einen Wechsel von der festen Einspeisevergütung zur stärkeren Direktvermarktung. Betroffen sind Neuanlagen; bestehende Förderzusagen sollen erhalten bleiben. Für kleine Anlagen sind Übergangsregelungen vorgesehen. Es wäre deshalb falsch, so zu tun, als werde jedem heutigen Anlagenbetreiber seine Vergütung gestrichen. Quellen: Bundestag, Wirtschaftsministerium

Trotzdem bleibt die entscheidende Frage: Ist die neue Lösung für einen normalen Haushalt überhaupt einfach und wirtschaftlich nutzbar? Wer Strom vom eigenen Dach verkaufen soll, braucht verständliche Verträge, bezahlbare Mess- und Abrechnungstechnik und einen unkomplizierten Zugang zur Vermarktung. Die Energiewende darf nicht voraussetzen, dass jeder Hausbesitzer nebenbei zum Stromhändler wird.

Über Förderkosten muss man reden. Für 2027 wird ein EEG-Finanzierungsbedarf von rund 17,5 Milliarden Euro prognostiziert, davon etwa 9,6 Milliarden Euro für Fotovoltaik. Das betrifft allerdings den geförderten Anlagenbestand und lässt sich nicht allein den künftig gebauten Dachanlagen zurechnen. Quelle

Aus hohen Gesamtausgaben folgt noch nicht, dass jede Kürzung an der richtigen Stelle ansetzt. Entscheidend ist, ob eine Reform die Energieversorgung insgesamt günstiger macht und Investitionen weiterhin ermöglicht.

Wie Energie tatsächlich günstiger werden kann

Wer bezahlbaren Strom verspricht, muss zunächst zwischen den Kosten seiner Erzeugung und dem Preis auf deiner Rechnung unterscheiden. Zur Stromrechnung gehören auch Netzentgelte, Steuern, Abgaben und Vertriebskosten. Günstiger erzeugter Strom kommt deshalb nicht automatisch vollständig beim Kunden an.

Wind und Sonne bieten dennoch eine wichtige Grundlage für niedrigere Kosten. Mehr erneuerbare Erzeugung kann den Einsatz teurer Gaskraftwerke verringern und die Abhängigkeit von schwankenden Brennstoffpreisen reduzieren. Damit dieser Vorteil beim Verbraucher ankommt, müssen Netze, Speicher und Verbrauch besser zusammenspielen. Genau darauf verweist auch die Internationale Energieagentur. Quelle

Für mich ergeben sich daraus fünf politische Aufgaben.

Erstens: Den Ausbau verlässlich und kostenbewusst organisieren. Wind- und Solaranlagen müssen dort entstehen können, wo sie gute Erträge liefern und sinnvoll angeschlossen werden können. Dafür braucht es berechenbare Verfahren und Förderbedingungen. Zugleich sollte der Wettbewerb dafür sorgen, dass keine unnötig hohen Renditen auf Kosten der Allgemeinheit abgesichert werden. Unterstützung muss Investitionen ermöglichen und überprüfbar bleiben.

Zweitens: Vorhandene Netze besser nutzen und Engpässe gezielt beseitigen. Neue Leitungen sind notwendig, aber nicht überall die einzige Antwort. Auch modernisierte Technik und eine bessere Steuerung können zusätzliche Kapazität schaffen. Es wäre teuer, jedes Netz auf jede denkbare Einspeisespitze auszulegen. Ebenso teuer ist es, dauerhaft nutzbaren Strom abzuregeln, weil die Infrastruktur hinterherhinkt. Quelle: IEA

Drittens: Speicher und flexiblen Verbrauch alltagstauglich machen. Batterien können Solarstrom in die Abendstunden verschieben. Wärmepumpen, Warmwasserspeicher und Elektroautos können einen Teil ihres Verbrauchs in günstige Stunden verlagern, wenn Technik und Tarife das automatisch ermöglichen. Das kann Spitzenlasten und Systemkosten senken. Allerdings ersetzen Batterien für einige Stunden noch keine Absicherung längerer wind- und sonnenarmer Phasen. Dafür braucht es einen passenden Mix aus europäischem Stromaustausch, steuerbarer Leistung und weiteren Flexibilitätsoptionen. Quelle: IEA

Viertens: Entlastungen ehrlich finanzieren. Niedrigere Stromsteuern oder Zuschüsse zu Netzentgelten können die Rechnung kurzfristig senken. Die zugrunde liegenden Kosten verschwinden dadurch aber nicht; ein Teil wird in den Staatshaushalt verlagert. Das kann politisch sinnvoll sein, etwa um Haushalte zu entlasten und den Wechsel von fossiler Energie zu Strom zu erleichtern. Es sollte nur nicht als kostenlose Lösung verkauft werden.

Fünftens: Auf die gesamte Energierechnung schauen. Menschen bezahlen für eine warme Wohnung und ihre Mobilität, nicht für abstrakte Kilowattstunden. Ein effizienteres Gebäude, eine passend ausgelegte Wärmepumpe oder ein sparsameres Verkehrsmittel kann den Energiebedarf senken. Ob sich eine Umstellung lohnt, hängt allerdings auch von Anschaffungskosten, Finanzierung und Nutzung ab. Deshalb sollte Unterstützung besonders dort ansetzen, wo sinnvolle Veränderungen am fehlenden Geld scheitern.

Eine Garantie für dauerhaft billige Energie ergibt sich daraus nicht. Wohl aber ein nachvollziehbarer Weg zu geringeren Kosten und weniger Abhängigkeit. Das wäre mir lieber als die nächste Ankündigung, die vor allem neue Fragen aufwirft.

Gaskraftwerke brauchen eine begrenzte Aufgabe

Zusätzliche steuerbare Kraftwerke können zur Versorgungssicherheit beitragen. Der im Juni vorgestellte Gesetzentwurf sieht zunächst Ausschreibungen über insgesamt neun Gigawatt vor. Die neuen Kraftwerke sollen wasserstofffähig sein und spätestens ab 2045 klimaneutral betrieben werden. Die Behauptung, eine spätere Umstellung sei gar nicht erforderlich, wäre deshalb falsch. Quelle

Damit sind die wirtschaftlichen Fragen aber noch nicht beantwortet. Wer bezahlt die Bereitstellung dieser Kapazitäten? Wie wird verhindert, dass mehr gefördert wird als nötig? Und wie belastbar ist die Aussicht auf ausreichend bezahlbaren klimaneutralen Brennstoff?

Die Regierung sollte erklären, welche Aufgaben neue Kraftwerke übernehmen müssen und welche sich günstiger durch Speicher, flexible Nachfrage oder den europäischen Verbund lösen lassen. Versorgungssicherheit verdient eine belastbare Rechnung.

Die Energiewende muss sich auch auf der Rechnung bewähren

Ich will keine Energiepolitik, die jede bestehende Förderung für unantastbar erklärt. Aber ich will ebenso wenig eine Regierung, die Kostensenkung vor allem als Begründung benutzt, um bei den Erneuerbaren auf die Bremse zu treten.

Bürgerenergie, kommunale Projekte und Genossenschaften gehören für mich zu einer gelungenen Energiewende. Auch Menschen ohne eigenes Haus müssen davon profitieren können. Sonst wird aus einem gemeinsamen Umbau eine Angelegenheit derjenigen, die ohnehin investieren können.

Meine Kritik am Kurs dieser Regierung lautet deshalb: Ich erkenne bislang zu wenig davon, wie aus ihren Einzelentscheidungen eine verlässlichere und günstigere Energieversorgung werden soll. Zwischen Förderumbau, verschobenen Ausschreibungen und neuen Kraftwerksplänen fehlt mir die überzeugende Verbindung.

Bezahlbare Energie und Klimaschutz müssen gemeinsam organisiert werden. Dafür braucht es konsequenten Ausbau, vernünftige Infrastruktur, wirksamen Wettbewerb und eine faire Verteilung der Kosten. Wer diese Arbeit durch immer neue Richtungsdebatten ersetzt, macht die Energiewende am Ende womöglich genau so teuer, wie er sie zuvor dargestellt hat.

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