
Es gibt Sätze, die wirken so vernünftig, dass man ihnen zunächst kaum widersprechen möchte. Einer davon lautet:
„Dieser Vorschlag geht in die richtige Richtung, aber leider nicht weit genug.“
Das klingt abgewogen. Politikersprech halt. Keine plumpe Ablehnung, kein kategorisches Nein. Jemand erkennt etwas an und bleibt dennoch kritisch. So wünschen wir uns eine sachliche Auseinandersetzung. Und trotzdem hat dieser Satz gelegentlich etwas Ermüdendes. Vielleicht, weil wir ihn so oft hören. Vielleicht auch, weil er eine eigentümliche Bewegung vollführt: Er öffnet kurz die Tür, um sie gleich wieder ein Stück zuzuziehen.
Das Lob, das nicht stehen bleiben darf
Der erste Teil enthält eine Zustimmung. Die Richtung stimmt. Es gibt also offenbar ein gemeinsames Ziel und einen Vorschlag, der diesem Ziel näherkommt. Das ist eigentlich eine Menge.
Doch dann erscheint das „aber“. Grammatisch verbindet es zwei Aussagen. Im Gespräch verschiebt es häufig ihr Gewicht. Was davor gesagt wurde, wird zur Einleitung; was danach kommt, zur eigentlichen Botschaft. Am Ende bleibt weniger die richtige Richtung im Gedächtnis als die unzureichende Entfernung.
Das kleine Wort „leider“ macht die Sache noch interessanter. Es verleiht der Kritik einen bedauernden Ton: Man hätte ja gern uneingeschränkt zugestimmt. Wirklich schade, dass der andere es einem wieder nicht möglich macht.
So kann aus einer höflichen Formulierung eine recht komfortable Position werden. Man zeigt sich offen, ohne sich festlegen zu müssen. Man würdigt den Versuch, ohne ihm allzu viel Wert zuzugestehen.
Wer entscheidet, was weit genug ist?
Natürlich wäre es unsinnig, aus diesem einen Satz auf einen ganzen Charakter zu schließen. Er kann vollkommen berechtigt sein. Ein Vorschlag kann ein Problem tatsächlich nur am Rand berühren. Eine kleine Verbesserung kann angesichts eines großen Schadens erschreckend wenig sein. Wer darauf hinweist, ist deshalb noch lange kein Nörgler. Entscheidend ist, was auf den Satz folgt.
Wird benannt, was fehlt? Gibt es ein nachvollziehbares Ziel? Lässt sich erklären, weshalb der vorgeschlagene Schritt unzureichend ist? Oder bleibt das „nicht weit genug“ wie eine Wolke über dem Gespräch hängen?
Zwischen „Hier fehlt eine verbindliche Regelung für diesen konkreten Fall“ und „Das reicht eben noch nicht“ liegt ein erheblicher Unterschied. Das eine hilft, einen Vorschlag zu verbessern. Das andere lässt vor allem erkennen, dass sein Sprecher weiterhin unzufrieden ist.
Wer einen Maßstab anlegt, sollte ihn sichtbar machen. Sonst lässt sich kaum unterscheiden, ob wir einem Ziel näherkommen oder ob das Ziel bei jeder Annäherung weiterwandert.
Die bequeme Höhe des Anspruchs
Es gibt eine Form des Anspruchsdenkens, die sich nur ungern mit der widerspenstigen Wirklichkeit beschäftigt. In der Vorstellung lassen sich Probleme sauber lösen. Dort fehlen weder Zeit noch Geld, weder Zustimmung noch Personal. Interessen müssen nicht ausgeglichen werden, und niemand legt Einspruch ein. Die ideale Lösung hat es leicht: Sie muss sich keiner Umsetzung aussetzen.
Ein wirklicher Vorschlag dagegen hat Ränder und Schwächen. Er entsteht unter Bedingungen. Er trägt die Spuren dessen, was möglich war, und dessen, was sich noch nicht durchsetzen ließ. Von der Höhe des Ideals aus sieht er deshalb beinahe zwangsläufig dürftig aus.
Wer immer nur darauf hinweist, was noch fehlt, kann auf Dauer anspruchsvoller wirken als diejenigen, die etwas zustande bringen. Dabei ist das Formulieren höherer Erwartungen manchmal erheblich einfacher als das verantwortliche Handeln unter begrenzten Möglichkeiten. Man kann sich im Fordern durchaus einrichten.
Die Angst, mit Zustimmung etwas aufzugeben
Vielleicht steckt hinter dem Satz manchmal auch eine Sorge: Wenn ich diesen Schritt ausdrücklich begrüße, verliere ich dann meinen Anspruch auf den nächsten? Diese Sorge ist verständlich. Ein Teilerfolg wird schließlich gern zum Abschluss erklärt. Kaum ist etwas beschlossen, heißt es: Nun müsse aber auch einmal Ruhe sein. Wer mehr erreichen möchte, hält deshalb vorsorglich den Vorbehalt bereit. Doch Anerkennung verpflichtet nicht zur Zufriedenheit.
Ich kann einen Vorschlag gut finden und weitere Veränderungen verlangen. Ich kann jemandem zugestehen, etwas Sinnvolles getan zu haben, ohne ihm deshalb in allen anderen Fragen recht zu geben. Und ich kann einen Fortschritt würdigen, ohne den noch bestehenden Mangel zu verharmlosen.
Vielleicht täte unseren Debatten genau diese Gelassenheit gut: die Fähigkeit, Zustimmung auszusprechen, ohne sie sofort gegen jedes denkbare Missverständnis abzusichern.
Auch kleine Schritte brauchen eine Prüfung
Allerdings verdient nicht jede Bewegung Beifall, nur weil sie als Fortschritt präsentiert wird. Ein kleiner Schritt kann ein Anfang sein. Er kann aber auch dazu dienen, größere Veränderungen auf unbestimmte Zeit zu vertagen. Manchmal wird gerade so viel getan, dass sich der Eindruck von Tatkraft herstellen lässt.
Deshalb sollten wir genauer fragen: Was verbessert sich durch diesen Vorschlag tatsächlich? Wem hilft er? Was bleibt ungelöst? Und schafft er Voraussetzungen für weitere Schritte, oder verbaut er sie womöglich?
Solche Fragen verlangen mehr Aufmerksamkeit als die vertraute Formel. Dafür führen sie weiter. Sie prüfen die Wirkung eines Vorschlags, statt nur seinen Abstand zu einem Wunschbild zu vermessen.
Einen Anfang gelten lassen
Vielleicht entscheidet sich die Mentalität hinter dem Satz letztlich daran, ob jemand bereit ist, an der Fortsetzung mitzuwirken. Wer sagt, etwas gehe nicht weit genug, und anschließend einen gangbaren nächsten Schritt beschreibt, übernimmt Verantwortung für seinen Anspruch. Wer denselben Satz bei jedem Vorschlag wiederholt, ohne je konkret zu werden, hält sich womöglich vor allem eine Position frei: die des Menschen, dem das Vorhandene grundsätzlich zu wenig ist.
Diese Position hat einen Nachteil. Von dort aus lässt sich schwer erleben, dass gemeinsames Handeln etwas bewirkt. Jeder Erfolg erscheint schon bei seiner Ankunft als Enttäuschung. Vielleicht könnten wir gelegentlich anders formulieren:
„Dieser Vorschlag verbessert etwas. Das ist gut. Als Nächstes sollten wir uns um Folgendes kümmern.“
Der Anspruch bleibt erhalten. Zugleich bekommt das bereits Erreichte einen eigenen Satz, einen eigenen Moment, ein wenig Luft. Denn wer einen langen Weg vor sich hat, braucht mehr als die ständige Erinnerung an seine Länge. Er braucht gelegentlich auch die Gewissheit, tatsächlich vorangekommen zu sein.
von: Horst Schulte
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