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Manchmal fühlt sich Digitalisierung an wie eine Straßenbaustelle, in der alle gleichzeitig zuständig sind – und keiner so richtig. Bei uns zu Hause liefert die Deutsche Telekom einen DSL-Anschluss mit 100 Mbit/s, die physische Infrastruktur dafür stammt von NetCologne. Das Ergebnis: Der Anschluss läuft einfach. Keine Ausfälle, keine Dramen, keine stundenlangen Telefonate mit Hotlines. Eigentlich eine Geschichte ohne Pointe – wenn da nicht die Deutsche Glasfaser wäre.
Wenn die Zukunft an der Haustür klingelt
Denn parallel zur funktionierenden Realität in meinem Wohnzimmer spielt sich vor der Haustür ein anderes Stück ab: Glasfaserwerbung, Versprechen von Gigabit, Plakate, Flyer, Haustürbesuche. Und das alles unter der großen Überschrift: DSL ist von gestern, die Zukunft heißt Glasfaser. Soweit, so nachvollziehbar. Nur: In meinem konkreten Fall soll ein gut funktionierendes Produkt der Telekom durch einen Anbieter ersetzt werden, der vor Ort einen eher zweifelhaften Eindruck hinterlässt.
Die Merkwürdigkeit beginnt damit, dass die Telekom offiziell längst auf Glasfaser setzt, politisch unterstützt und von allen Seiten gelobt. Kupfer soll verschwinden, DSL ist Übergangstechnologie. Aber in meinem Alltag bedeutet das derzeit: Die Telekom hält mir einen stabilen DSL-Anschluss hin, während die Glasfaser von einem Wettbewerbspartner kommt, dessen Organisation – freundlich formuliert – Luft nach oben hat. Termine werden angekündigt und nicht eingehalten, Zusagen verschwinden im Nebel, Wartezeiten ziehen sich wie Kaugummi. Das ist nicht die Zukunft, die man sich vorstellt, wenn man von „Glasfasernation“ träumt.
Schöne Theorie, holprige Praxis
Natürlich kann man das technisch und ökonomisch erklären. Da gibt es die Trennung zwischen Netzbetreiber und Diensteanbieter, da sind die Regulierung, die Bundesnetzagentur, Open Access, Kooperationen und all die schönen Schlagworte aus der Breitbandpolitik. Auf dem Papier liest sich das alles ganz modern: Einer baut das Netz, viele nutzen es. Infrastruktur und Dienste werden getrennt, Wettbewerb soll die Preise drücken und Innovation fördern.
In der Praxis sieht es für mich so aus: Die Telekom mietet bei NetCologne die Leitungen, um mir DSL zu liefern. Das funktioniert. Gleichzeitig baut die Deutsche Glasfaser ihr eigenes Netz, reißt Straßen auf, kündigt Hausanschlüsse an – und hinterlässt bei uns im Ort ein Bild, das irgendwo zwischen Chaos und Improvisation schwankt. Wer auf einen Glasfaser-Termin wartet, wartet schon mal lange. Wer eine klare Auskunft erwartet, steht nicht selten im Regen. Die schöne neue Glasfaserwelt hat bei uns eine ziemlich holprige Anfahrt.
Wenn das Auslaufmodell verlässlicher ist als die Zukunft
Und genau hier wird es spannend: Politisch und wirtschaftlich wird seit Jahren erzählt, DSL sei nur noch eine Brückentechnologie, Kupfer müsse weg, Glasfaser sei Pflicht, wenn wir als Land nicht „abgehängt“ werden wollen. Soweit gehe ich sogar mit. Aber warum fühlt es sich dann so an, als würde die Telekom vor Ort ihre Kunden mehr oder weniger stillschweigend einem Anbieter überlassen, der ihnen nicht das Wasser reichen kann – jedenfalls nicht, was Verlässlichkeit und Organisation angeht?
Aus Sicht der Telekom ergibt das alles vermutlich Sinn. Glasfaserausbau ist teuer, jede Straße, die aufgerissen wird, kostet Millionen. Kein Unternehmen kann ganz Deutschland alleine in Rekordzeit verkabeln. Also lässt man in manchen Regionen andere ran: Stadtwerke, regionale Carrier, Deutsche Glasfaser. Langfristig hofft man darauf, über Kooperationen und Open-Access-Modelle die eigenen Tarife auch auf fremden Netzen anbieten zu können. Einer baut, alle verkaufen. Auf der Landkarte im Konzernbüro mag das klug aussehen.
Aber als Kunde vor Ort nehme ich diese Strategie ganz anders wahr. Ich sitze vor meinem stabilen DSL-Anschluss und lese überall, dass DSL bald Geschichte sein wird. Gleichzeitig steht ein Unternehmen vor der Tür, das mit großen Versprechen lockt – und dann schon daran scheitert, halbwegs verlässlich einen Techniker vorbeizuschicken. Der Widerspruch ist schwer zu übersehen: Hier soll ein funktionierendes, vertrautes Produkt durch ein Angebot ersetzt werden, das in der Realität noch gar nicht bewiesen hat, dass es den Alltag bestehen kann.
Vertrauen misst man nicht in Mbit/s
Dazu kommt ein psychologischer Punkt, den man in den Vorstandsetagen gern übersieht: Vertrauen hängt nicht nur an Bandbreite, sondern an Erfahrung. Wenn ich seit Jahren mit einem Anbieter im Großen und Ganzen zufrieden bin, muss der „Neue“ nicht nur schneller sein – er muss auch verlässlicher wirken. Stattdessen beobachte ich: Ankündigungen, die wie Seifenblasen platzen, wechselnde Ansprechpartner, widersprüchliche Informationen. So baut man kein Vertrauen auf, sondern Skepsis.
Man kann natürlich argumentieren: Wenn die Deutsche Glasfaser erst einmal alles fertiggebaut hat, läuft es schon. Anfangsschwierigkeiten, Wachstumsschmerzen, das übliche Programm. Das mag sein. Aber warum soll ich freiwillig von einer stabilen 100-Mbit-Leitung auf ein Konstrukt umbauen, dessen Seriosität ich mir erst mühsam erhoffen muss? Ich habe nichts dagegen, Versuchskaninchen der Medizin zu sein, wenn es um eine lebenswichtige Therapie geht. Aber beim Internetanschluss? Eher nicht.
Vielleicht ist es genau diese Kluft, die die Merkwürdigkeit erklärt: Die große Erzählung vom Glasfaserausbau als nationale Aufgabe – und die kleine Realität auf kommunaler Ebene, in der sich Anwohner mit provisorisch abgesperrten Gehwegen, unklaren Zeitplänen und nicht eingehaltenen Versprechen herumschlagen. Die Telekom wirkt in diesem Stück seltsam passiv: Sie hält die DSL-Leitung stabil am Laufen, während sie gleichzeitig politisch darauf hinarbeitet, dass diese Technologie irgendwann verschwindet – ohne dass für mich klar ist, ob ich dann bei ihr bleibe oder letztlich bei einem Anbieter lande, dem ich heute nicht über den Weg traue.
Zwischen zwei Welten
Am Ende stehe ich als Kunde zwischen zwei Welten: Hier das solide, wenn auch technisch veraltende DSL der Telekom, dort die verheißungsvolle, aber organisatorisch holprige Glasfaser der Deutschen Glasfaser. Und zwischen beiden steht die Frage: Muss ich mir wirklich von einem fragwürdigen Ausbauanbieter erklären lassen, dass meine funktionierende Leitung von gestern ist?
Und vielleicht ist es das, was mich an der ganzen Geschichte so irritiert: Nicht, dass wir Glasfaser bekommen – die brauchen wir. Sondern, dass ein gut funktionierendes Produkt faktisch entwertet wird, während die angebliche Zukunft noch damit beschäftigt ist, ihre Termine zu sortieren. Digitalisierung mag aus Glas bestehen. Vertrauen besteht aus etwas anderem.
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