
Tolle Filme, finde ich, kommen aus Frankreich, Italien, Spanien oder Skandinavien. Nicht aus Deutschland – meistens jedenfalls. Warum ist das eigentlich so, und stimmt das überhaupt?
Frankreich etwa behandelt den Film wie ein Kulturgut. Nicht als höfliche Beilage, sondern als Herzstück öffentlicher Debatten. Regisseure dürfen scheitern, Schauspieler wachsen, Geschichten atmen. Das Publikum wird nicht geschont, sondern ernst genommen. Kino ist dort kein Erklärraum, sondern ein Denkraum.
Italien hat aus Mangel eine Kunst gemacht. Der Neorealismus entstand aus Armut und Notwendigkeit, nicht aus Anträgen. Später kamen Fellini, Pasolini, Bertolucci – radikal unterschiedlich, aber verbunden durch den Mut, das Eigene zu zeigen. Auch das Hässliche. Auch das Politische.
Großbritannien verbindet Markt und Kunst ohne schlechtes Gewissen. Autorenkino und Mainstream stehen nebeneinander, Schauspieler werden nicht klein gehalten, sondern aufgebaut. Man darf dort größer sein als der Film – und genau das macht viele Filme größer.
Spanien wiederum erzählt ohne Scham. Emotional, politisch, oft überzeichnet. Nach der Diktatur explodierte das Kino, weil plötzlich alles gesagt werden wollte. Diese Lust am Ausdruck ist geblieben.
Selbst im Kinofilm, im TV ohnehin schon lange, werden woke Botschaften vermittelt, die richtige Sichtweise auf gesellschaftliche Tatbestände. Selbst Satire bekommt eine Konnotation verpasst, die viele Zuschauer vergrault hat. Die »ZDF-Show« und »Die Anstalt« sind für mich die Repräsentanten dieser Entwicklung. Dass es das betreute Denken selbst in manchen »Tatorten« offen zutage tritt, finde ich absolut ärgerlich. Ich weiß, dass man solche Vorwürfe überwiegend aus der rechten Ecke hört und wie diese Tatsache dazu führt, dass Links/Grün dies entschieden zurückweist.
Vielleicht ist diese von mir so empfundene Bevormundung des Zuschauers ja auch ein Grund dafür, dass deutsche Filme selten an die Qualität (übrigens nicht nur aus Sicht überstrenger Kritiker) heranreichen, die wir aus anderen europäischen Ländern geliefert bekommen?
Deutschland produziert viel. Aber es erzählt wenig, das hängen bleibt. Der deutsche Film denkt zu oft vom Antrag her. Förderlogik ersetzt Dramaturgie. Was genehmigungsfähig ist, wird verfilmt. Was aneckt, gilt als Risiko. Ob genau das nicht ein Beleg dafür ist, dass die von mir angeprangerten woken Denkhilfen dort mit hineinspielen? Ich kann das nicht belegen, aber werden Filme, die ohne größere Fördermittel ausgekommen sind, nicht mehr geschätzt als größere Produktionen, deren Inhalte und Thematiken nicht durch Rücksichten auf öffentliche Geldgeber eingeengt wurden?
Hinzu kommt eine Angst vor dem Publikum. Man möchte gefallen, niemanden verstören, niemanden verlieren. Heraus kommt ein Kino der Mitte. Betroffen, korrekt, oft sauber gemeint. Filme, die niemand hasst – aber auch niemand liebt.
Der Einfluss des Fernsehens ist allgegenwärtig. Dialoge erklären, Bilder illustrieren. Konflikte werden ausformuliert, statt zugespitzt. Kino wird zur bebilderten These und manchmal zur Handlungsanweisung. Die Provokation, der offene Blick, der Mut zur Lücke fehlen dem deutschen Film.
Bei der Anzahl der von »globalen Streamern« (Netflix, Prime, Disney etc.) produzierten fiktionalen Titel 2015–2022 liegt Deutschland mit 63 Titeln hinter UK (129), Spanien (113) und den Nordics (75); Italien (62) liegt fast gleichauf.
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Großbritannien und Spanien lagen in den Daten der EAO deutlich vor dem nächstplatzierten Land, Frankreich, das 28 Titel produzierte. Die weiteren Plätze in den Top 5 belegten Italien (26) und Polen (21). Deutschland lag mit 17 Titeln auf Platz sieben.
Quelle
Ich bin kein Fachmann, nur aufmerksamer Zuschauer. Aber genau deshalb frage ich mich, warum deutsche Produktionen – selbst im Streaming-Zeitalter – eher selten in den Hitlisten auftauchen. Mag sein, dass meine Überlegungen nicht in allen Punkten tragen. Ganz falsch sind sie wohl auch nicht. Vielleicht läge der Schlüssel weniger in immer aufwendigeren, überdrehten Konstruktionen – wie zuletzt in der ARD mit »Mozart, Mozart« – und mehr in der Bereitschaft, einfache Geschichten gut zu erzählen.
Kunst, natürlich auch die Filmkunst, verstehe ich als Raum für Interpretation, freies Denken und nicht zuletzt als Ausdrucksform eigener Kreativität, der man folgt oder nicht. Wenn uns dieser Platz genommen wird, könnte man auf die Idee kommen, das Genre nicht mehr als Kunst zu verstehen.


Zwar würde ich den Kampfbegriff »woke« nicht nutzen, aber wenn ich so manche TV-Produktionen sehe, kann ich gut nachvollziehen, was du meinst. Häufig wird auch in Dialogen extrem ausführlich erklärt, was jetzt das Problem bzw. die richtige Sichtweise ist – als ob die Zuschauer zu begriffstutzig wären, das auch ohne diesen Overload mitzubekommen.
Was das Kabarett angeht: Ist es wirklich ein Fehler, dass die jeweiligen Sendungen einen klaren Bias haben? Neben den von dir Erwähnten gibt es doch auch den hoch erfolgreichen Nuhr und Lisa Eckhart, da hast du das Ganze andersrum – auch öffentlich-rechtlich.
Weil ich fast nie ins Kino gehe und mir auf Netflix keine deutschen Filme begegnen, hab ich im Web mal nach den »Best of« 2025 und 2024 geschaut: Außer »Das Kanu des Manitu« kannte ich keinen einzigen Titel. Sic!
@ClaudiaBerlin: So empfinde ich es auch. Und ich frage mich dann immer, woher das kommt. Inwieweit die Woke-Ideologie (schon wieder so ein blöder Kampfbegriff) tatsächlich dafür verantwortlich ist, weiß ich gar nicht. Jedenfalls steckt eine neue und ziemlich blöde Eigenart dahinter. Schön, dass wir diese Schwingungen beide empfinden, obwohl wir die Urheberschaft vielleicht unterschiedlich verorten.
Nein, ein Bias eher linker oder eher rechter Denkschulen darf erkennbar sein. Obwohls mir langsam anstrengend und oft zu bemüht wirkt. Wie auch immer: Früher war mehr Lametta, vor allem viel mehr Toleranz. Die scheint als Schimpfwort Karriere gemacht zu haben. Jedenfalls lebt es sich offenbar gut so ganz ohne. Das Schlimme ist, dass ich voll drauf eingestiegen bin und meine Toleranz irgendwo in der 2. Hälfte meines Lebens verbummelt habe.
Ich sehe mir viele Serien und Filme an. Mein Schwager meint schon mal, dass meine kritische Sicht auf das Angebot vielleicht die Folge einer gewissen Übersättigung sein könnte. Ich wills nicht ausschließen. Der Schuh des Manitu… Wow. Ein kultureller Hochgenuss. Fast die gleiche Klasse wie Mozart, Mozart.
Danke für die Erwähnung, liebe Claudia. Zur E-Mail komme ich noch.