
Vielleicht ist meine Ambivalenz auch Feigheit
Ich schreibe seit Jahren über Antisemitismus. Mich macht es wütend, dass in Deutschland Synagogen, jüdische Schulen und andere jüdische Einrichtungen von Polizisten bewacht werden müssen. Ich empfinde es als unerträglich, dass Menschen sich überlegen müssen, ob sie auf der Straße beispielsweise eine Kippa tragen können.
Und ich finde es ebenso unerträglich, dass Menschen wie Ahmad Mansour wegen ihrer Kritik an Islamismus und religiösem Fanatismus geschützt werden müssen. Das alles findet nicht irgendwo statt. Es geschieht bei uns.
An dieser Zustandsbeschreibung kann ich keinen Millimeter Abstriche machen.
Und trotzdem merke ich seit Langem, wie schwer mir die andere Seite dieses Konflikts fällt. Ich habe häufig über Deutschlands historische Verantwortung gegenüber Israel und über mein Unbehagen an den daraus entstehenden Widersprüchen geschrieben. Vielleicht habe ich mich dabei manchmal hinter meiner Ambivalenz versteckt.
Denn irgendwann wird aus Vorsicht Schweigen. Und aus Schweigen kann Feigheit werden.
Was ist mit den Palästinensern?
Das Grauen des 7. Oktober 2023 wird nicht kleiner, wenn ich über Gaza schreibe. Die Ermordeten werden nicht weniger tot. Die Vergewaltigten nicht weniger geschändet. Die verschleppten Menschen nicht weniger Opfer eines barbarischen Terrorangriffs.
Warum sollte umgekehrt das Leiden der Palästinenser kleiner werden, wenn ich daran erinnere?
Fast ein Jahr nach dem im Oktober 2025 verkündeten Waffenstillstand beschreibt die UNO die Lage in Gaza weiterhin als lebensbedrohlich. Menschen leben zwischen Ruinen, in beschädigten Häusern und provisorischen Unterkünften. Es fehlt an Material, Ersatzteilen, Treibstoff und Geld. Im September 2026 starben 21 Menschen, darunter zwölf Kinder, beim Einsturz eines kriegsbeschädigten Wohnhauses in Gaza-Stadt.
Der Krieg mag seine Form verändert haben. Das Elend hat keinen Waffenstillstand unterschrieben.
Vielleicht ist genau das eines unserer Probleme. Solange Bomben fallen, gibt es Bilder. Brennende Häuser, Rauchwolken, Explosionen. Wenn der Krieg aus den Hauptnachrichten verschwindet, verschwindet irgendwann auch das Interesse an denen, die zwischen seinen Trümmern weiterleben.
Ich habe schon früher über Gazas Zerstörung und unseren verstörenden Umgang mit den Bildern dieses Krieges geschrieben. Heute frage ich mich, ob wir uns an etwas gewöhnt haben, woran man sich niemals gewöhnen dürfte.
Und dann ist da noch das Westjordanland
Dort geschieht vieles tatsächlich unterhalb unserer täglichen Aufmerksamkeit.
Nach Angaben des UN-Nothilfebüros wurden allein seit Jahresbeginn 2026 mehr als 1.600 Angriffe israelischer Siedler registriert, bei denen Palästinenser verletzt oder Eigentum beschädigt wurde. Betroffen waren 275 palästinensische Gemeinden. Mehr als 4.300 Palästinenser wurden in diesem Jahr durch Abrisse, Vertreibungen, Siedlerangriffe und damit verbundene Zugangsbeschränkungen vertrieben.
Das sind keine Randnotizen eines längst beruhigten Konflikts.
Häuser werden abgerissen. Menschen verlieren den Zugang zu ihrem Land. Straßen werden blockiert. Wasserinfrastruktur wird beschädigt. Familien werden eingeschüchtert. Hinzu kommen Operationen der israelischen Armee, Tote und Verletzte.
Wer darüber spricht, muss nicht Israel hassen. Man muss zunächst einmal nur hinsehen.
Genau das hat Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen getan, als er in New York von Verletzungen des Völkerrechts und von Kriegsverbrechen sprach. Emmanuel Macron hat vor den Vereinten Nationen ebenfalls ungewöhnlich scharfe Worte für Gaza und das Westjordanland gefunden.
Natürlich kam der Widerspruch sofort. Israels Außenminister Gideon Sa’ar hielt Van der Bellen entgegen, Israel kämpfe gegen Dschihadisten, die das Land vernichten wollten. Auch diese Realität existiert. Israel hat Feinde, die nicht irgendeine andere Regierung wünschen, sondern diesen Staat beseitigen wollen.
Aber ist das die Antwort auf alles?
Wann wird Israelkritik zu Antisemitismus?
Das ist die Frage, vor der wir Deutschen uns gern drücken, indem wir entweder die eine oder die andere Seite wählen.
Natürlich gibt es Antisemitismus, der sich als Israelkritik verkleidet. Wer Juden in Deutschland für die Politik Netanjahus verantwortlich macht, ist kein Israelkritiker. Wer den Terror der Hamas feiert oder den 7. Oktober relativiert, betreibt keine Menschenrechtsarbeit. Und wer Israel das Existenzrecht abspricht, redet über etwas anderes als über die Politik einer Regierung.
Das muss man deutlich sagen.
Aber ebenso deutlich muss inzwischen der andere Satz ausgesprochen werden dürfen:
Nicht jede scharfe Kritik an Israel ist antisemitisch.
Wenn das anders wäre, müssten wir inzwischen Emmanuel Macron und Alexander Van der Bellen unter Antisemitismusverdacht stellen. Das wäre absurd.
Vielleicht zeigt sich daran, wie sehr unsere deutsche Debatte aus dem Gleichgewicht geraten ist. Wir haben aus sehr guten historischen Gründen empfindliche Antennen für Antisemitismus entwickelt. Die dürfen wir niemals wieder abschalten. Aber diese Antennen dürfen uns nicht blind machen für das Leid anderer Menschen.
Ich habe mich schon bei der Debatte um Berlinale, BDS und den Hass auf beiden Seiten gefragt, warum uns ein differenzierter Blick so verdammt schwerfällt.
Heute beschäftigt mich diese Frage noch mehr.
Berlin wird zum Testfall
Deshalb finde ich die Diskussion über die Berliner Linkspartei so interessant – und gleichzeitig so schwierig.
Wenn Politiker oder Aktivisten Terror verherrlichen, antisemitische Stereotype bedienen oder Juden kollektiv für israelische Politik verantwortlich machen, gibt es nichts zu relativieren. Eine Partei, die möglicherweise künftig die Regierende Bürgermeisterin stellt, muss damit fertigwerden. Nicht irgendwann und nicht nur auf Nachfrage.
Aber auch der umgekehrte Kurzschluss wäre fatal.
Wenn Elif Eralp oder andere Politiker der Linken israelische Menschenrechtsverletzungen, das Vorgehen in Gaza oder die Siedlungspolitik im Westjordanland scharf kritisieren, kann die Antwort nicht automatisch „Antisemitismus“ heißen. Entscheidend ist, was gesagt wird.
Eine Regierende Bürgermeisterin von Berlin hätte dabei eine besondere Verantwortung. In dieser Stadt leben Juden, die Angst vor antisemitischer Gewalt haben. Dort leben aber auch Palästinenser und andere Muslime, die erleben, wie schnell ihre Empörung über Gaza unter Generalverdacht gerät.
Beide müssen darauf vertrauen können, dass ihr Staat sie schützt.
Nicht ihre politischen Ansichten. Sie.
Muss ich mich entscheiden?
Vielleicht liegt hier der eigentliche Grund meiner eigenen Ambivalenz.
Ich hatte lange das Gefühl, mich entscheiden zu müssen.
Wenn ich über Antisemitismus schreibe, müsse ich mich auf die Seite Israels stellen. Wenn ich über Gaza schreibe, müsse ich mich gewissermaßen von Israel entfernen. Und wenn ich über die Verbrechen des 7. Oktober spreche, dürfe ich nicht im nächsten Atemzug über palästinensische Opfer reden, weil schon dieses „Ja, aber“ wie eine Relativierung wirken könnte.
Was für ein Irrsinn.
Ein ermordetes jüdisches Kind und ein getötetes palästinensisches Kind stehen nicht miteinander im Wettbewerb.
Vielleicht besteht die eigentliche Feigheit darin, diese einfache Wahrheit nicht deutlich genug auszusprechen.
Zwei Wahrheiten sind auszuhalten
Ich möchte in einem Deutschland leben, in dem keine Synagoge Polizeischutz braucht. In dem niemand wegen einer Kippa Angst haben muss. In dem Ahmad Mansour ohne Personenschützer durch Berlin gehen kann. In dem Islamisten und Antisemiten wissen, dass dieser Staat ihre Drohungen nicht duldet.
Und ich möchte, dass derselbe Staat den Mut besitzt, einer israelischen Regierung zu widersprechen, wenn sie internationales Recht verletzt oder Menschenrechte missachtet.
Nicht trotz unserer Geschichte.
Vielleicht gerade wegen unserer Geschichte.
Deutschlands Verantwortung kann doch nicht bedeuten, dass wir Menschenrechte nach Nationalität sortieren. Sie müsste bedeuten, besonders empfindlich zu werden, sobald Menschen entrechtet, vertrieben, gedemütigt oder kollektiv für die Verbrechen anderer verantwortlich gemacht werden.
Juden sind nicht Netanjahu.
Palästinenser sind nicht Hamas.
Eigentlich müsste dieser Satz selbstverständlich sein.
Ist er aber offenbar nicht.
Die Weltgemeinschaft müsste endlich Konsequenzen ziehen
Auch die internationale Gemeinschaft macht es sich zu einfach, wenn sie ständig von der Zweistaatenlösung spricht und gleichzeitig zusieht, wie im Westjordanland Fakten geschaffen werden, die diese Lösung immer unrealistischer machen.
Wer Frieden will, müsste gegenüber beiden Seiten rote Linien ziehen.
Terror gegen Israelis darf niemals politisch legitimiert werden. Die Hamas darf keine Zukunft als bewaffnete Macht in Gaza haben. Israel braucht belastbare Sicherheitsgarantien.
Aber ebenso wenig dürfen Vertreibung, Siedlergewalt und rechtswidrige Landnahme folgenlos bleiben. Gewalttätige Siedler und ihre Unterstützer können sanktioniert werden. Waffenlieferungen und politische Zusammenarbeit können an die Einhaltung des Völkerrechts geknüpft werden. Humanitäre Hilfe für Gaza muss zuverlässig und in ausreichendem Umfang hineingelangen. Und eine politische Perspektive für die Palästinenser darf nicht weiterhin die berühmte Möhre bleiben, die seit Jahrzehnten vor ihnen hergetragen wird und die sie niemals erreichen.
Das wäre keine Politik gegen Israel.
Es wäre Politik gegen die Vorstellung, Sicherheit lasse sich dauerhaft durch die Entrechtung eines anderen Volkes herstellen.
Vielleicht muss man sich doch entscheiden
Nur eben anders, als ich lange dachte.
Ich muss mich nicht zwischen Israelis und Palästinensern entscheiden. Nicht zwischen dem Kampf gegen Antisemitismus und dem Eintreten für palästinensische Menschenrechte. Nicht zwischen meiner Abscheu vor der Hamas und meinem Entsetzen über das Handeln der israelischen Regierung.
Ich muss mich entscheiden, ob Menschenrechte für mich teilbar sind.
Wenn sie es nicht sind, muss ich aushalten, dass mir die einen vorwerfen werden, Israel zu verraten, während die anderen behaupten, ich verteidigte es.
Damit kann ich leben.
Schwieriger wäre für mich inzwischen, aus Angst vor solchen Vorwürfen über das zu schweigen, was in Gaza und im Westjordanland geschieht.
Vielleicht war ich da tatsächlich manchmal zu vorsichtig.
Das werde ich nicht mehr sein.
Antisemitismus an Hochschulen seit dem 7. Oktober 2023 | CeMAS
Danke! Ein guter, differenzierter Beitrag!
@Fabian: Freut mich zu lesen.
Seit Tagen bewegt mich die Art, wie über die LINKE in Berlin berichtet wird, aber ich fand und finde es schwierig, dazu zu bloggen. Man müsste weit ausufern („was ist Antisemitismus“), um nicht falsch verstanden zu werden, deshalb bin ich es (noch) nicht angegangen! Du hast das nun mit diesem großartigen Artikel geschafft: differenziert, mutig, richtig! Sollte ich noch zum Thema schreiben – weil mich die Kampagne der Springer-Presse et al wirklich ärgert, schließlich ist die LINKE kein Novum in der Regierung von Berlin, ganz im Gegenteil – kann ich nun darauf verweisen und muss nicht selbst einen langen Aufsatz schreiben, bevor ich zum eigentlichen Thema kommen kann!
@ClaudiaBerlin: Danke. Mir war das ein Bedürfnis. Das Thema kann eigentlich auch keinen kalt lassen.