Es gibt (neue) Gedanken, die lassen einen nicht mehr los. Seit Monaten quäle ich mich mit der Frage herum, warum plötzlich all diese Podcasts, YouTube-Formate und Medienprojekte entstehen, in denen Leute auftreten, die vor gar nicht allzu langer Zeit noch als politisch oder moralisch nicht satisfaktionsfähig galten.

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Die berühmte „Brandmauer“ war doch einmal mehr als bloß ein Schlagwort. Heute wirkt sie an vielen Stellen wie eine verwitterte Theaterkulisse, die noch herumsteht, obwohl das Stück längst gewechselt wurde.
Parade des Anstosses – neue Gedanken?
Plötzlich sitzen sie überall. Fleischhauer. Poschardt. Reichelt. Und viele andere. Manche werden interviewt, andere moderieren selbst, wieder andere verwandeln jede Debatte in ein Dauerfeuer aus Ironie, Gereiztheit und kalkulierter Provokation. Ich frage mich ernsthaft: Was ist passiert? Schaue ich auf die Kommentare sehe ich überwiegend Zustimmung.
Sind diese jungen Journalisten einfach Opportunisten? Spüren sie nur den Wind, der sich gedreht hat, und laufen nun dorthin, wo Klickzahlen, Aufmerksamkeit und Reichweite warten? Oder haben sie – vielleicht tatsächlich – begriffen, dass Hannah Arendt und später auch Jürgen Habermas mit ihren Er- und Bekenntnissen recht hatten, dass Gesellschaften zerbrechen, wenn sie nur noch übereinander reden statt miteinander?
Der Gedanke lässt mich nicht los.
Denn auf der anderen Seite sehe ich Formate, die mit Gespräch kaum noch etwas zu tun haben. Bei Fleischhauer etwa habe ich oft den Eindruck, dass dort weniger diskutiert als genussvoll seziert wird. Gemeinsam mit seiner Kollegin vom Focus produziert er seit Langem diese eigentümlich zynischen Videos, bei denen ich mich regelmäßig frage, wer sich davon ernsthaft angezogen fühlen soll. Vielleicht bin ich zu altmodisch. Vielleicht fehlt mir der Sinn für diese Art von öffentlichem Dauergrinsen am Abgrund.
Und dann taucht genau dieser Mann plötzlich beim ZDF auf.
Das allein ist schon bemerkenswert genug. Offenbar hielten Verantwortliche dort seine Art für geeignet, ein eigenes Format zu tragen. Menschen werden zusammengesperrt, rhetorisch aufgeladen, und dann beginnt das ritualisierte Gemetzel. Streit als Unterhaltungsware. Konflikt als Dramaturgie. Und die Tür bleibt zu! Ich habe kaum eine ganze Folge ausgehalten. Vielleicht ein Drittel von einer. Danach hatte ich das Gefühl, jemand hätte schlechte Laune in Konzentrat über mich ausgeschüttet.
Und doch ertappe ich mich dabei, wie ich auf YouTube immer wieder genau solche Sendungen anklicke.
Das ist der eigentliche Widerspruch, den ich einfach nicht aufgelöst bekomme.
Ich ahne oft schon vorher, dass mich diese Formate nicht bereichern, sondern verärgern werden. Meine Frau weiß genau, wovon ich rede. Trotzdem schaue ich hinein. Vielleicht aus Sorge? Vielleicht aus einer Art demokratischer Pflicht heraus. Vielleicht auch, weil ich wenigstens verstehen will, warum dieses Land sich so verändert (hat).
Denn der politische Wind hat sich gedreht.
Die Rechten liegen inzwischen bei fast dreißig Prozent und sind stärkste Kraft. Das ist keine Fußnote mehr. Kein vorübergehender Ausschlag. Das ist eine tektonische Verschiebung. Hoffentlich nicht von Dauer. Ich kann nicht behaupten, dass mir das keine Sorgen macht. Auf solche historischen Experimente habe ich keinen Bock!
Umso mehr irritiert mich der Ton vieler neuer Medienfiguren. Wenn ich Leuten wie Fleischhauer oder Poschardt zuhöre, habe ich selten das Gefühl, dort würden ernsthafte Ideen entwickelt, wie dieses Land aus seiner Erschöpfung herausfinden könnte. Stattdessen höre ich oft Zynismus, Dauerempörung und jene schlecht gelaunte Überlegenheit, die schon Harald Schmidt einst kultivierte – damals allerdings mit mehr Intelligenz und vor allem deutlich mehr Witz.
Vielleicht liegt genau darin das Problem unserer Zeit.
Wir reden wieder miteinander. Aber oft nicht, um einander zu verstehen. Sondern um einander vorzuführen. Der andere wird nicht mehr als politischer Gegner betrachtet, sondern als Material für Klicks, Pointen und digitale Hinrichtungen. Ist euch schon mal aufgefallen, wie viele dieser dämlichen YouTube-Videos kursieren, die irgendwen zur Sau machen? Einfallsreich sind die nicht mal beim Titel. „Zerstört“, „gedemütigt“, „zerlegt“ und wie die Adjektive alle heißen. Das passt immer irgendwie ins Bild.
Und trotzdem glaube ich, dass wir miteinander reden müssen.
Dringender denn je sogar.
Aber eben anders.








