Es gibt kaum ein Thema, bei dem bis heute die Fronten so schnell verhärten wie beim Streit über Israel und Gaza. Ach, das war ja „gestern“. Heute ist es Iran. Die USA und Israel zeigen, wie Geopolitik heutzutage funktioniert. Mit brachialer militärischer Gewalt. Putins Russland wurde einhellig kritisiert, im Falle Israels und den USA betrachtet man die von beiden ausgehende völkerrechtswidrige Gewalt „differenzierter“.
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Und doch haben die Verbrechen der israelischen Streitkräfte in Gaza, also das, was nicht wenige einen Völkermord nennen, der Menschheit, dem Teil der westlichen Hemisphäre allemal, ein Mehr an Hilflosigkeit aufgebürdet, mit der sie – auch einmal mehr – nicht wirklich zurechtkommt.

Ein einziger Satz genügt oft, und man wird einem Lager zugeordnet. Wer die Verbrechen der Hamas vom 7. Oktober in den Mittelpunkt stellt, gilt vielen automatisch als Verteidiger der israelischen Regierungspolitik. Wer das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung hervorhebt, gerät dagegen rasch unter Verdacht, antisemitische Ressentiments zu bedienen oder die deutsche Geschichte relativieren zu wollen.
Diese Form der Debatte macht Verständigung beinahe unmöglich. Sie lebt nicht mehr von Argumenten, sondern von moralischen Reflexen.
Dabei ist die historische Ausgangslage eindeutig. Deutschland trägt wegen des Holocausts eine besondere Verantwortung gegenüber jüdischem Leben und gegenüber Israel. Mir hätte es gefallen, uns wäre mehr eingefallen, um jüdisches Leben auch in unserem Land zu schützen. Stattdessen ist es seit Jahren notwendig, jüdische Einrichtungen polizeilich bewachen zu lassen. Diese Verantwortung, von der dennoch alle sprechen, ergibt sich aus einem beispiellosen Zivilisationsbruch, aus industriell organisiertem Massenmord, begangen von Deutschen. Wer das relativiert oder daraus eine bloße historische Fußnote macht, hat den Kern dieser Geschichte nicht verstanden.
Aber genau aus dieser Verantwortung ergibt sich auch eine andere Verpflichtung: die Pflicht, menschliches Leid nicht nach Herkunft, Religion oder geopolitischer Zugehörigkeit unterschiedlich zu bewerten.
Wenn wir aus der Geschichte tatsächlich etwas gelernt haben wollen, dann doch dies: die Entwertung menschlichen Lebens darf niemals zur politischen Routine werden!
Der 7. Oktober und seine Folgen
Der 7. Oktober war ein barbarischer Terrorakt. Die Hamas ermordete gezielt Zivilisten, Familien, Kinder und Festivalbesucher. Diese Gewalt war nicht nur militärisch motiviert, sondern zutiefst menschenverachtend. Dass dieses Ereignis in Israel Angst, Wut und den Wunsch nach Sicherheit ausgelöst hat, ist nachvollziehbar.
Doch selbst schwerstes Leid kann keinen grenzenlosen moralischen Kredit erzeugen.
Genau hier beginnt die schwierige, aber notwendige Diskussion. Ich habe Zweifel daran, dass wir das gegenwärtig hinbekommen. Denn wenn jede Handlung der israelischen Regierung mit dem Verweis auf den 7. Oktober gerechtfertigt wird, entsteht ein gefährlicher Mechanismus. Gewalt wird dann nicht mehr kritisch geprüft, sondern moralisch immunisiert.
Das aber führt zwangsläufig in eine Sackgasse.
Denn wer für sich das Recht beansprucht, auf Terror mit unbegrenzter Härte zu reagieren, produziert neues Leid, neuen Hass und am Ende genau jene Radikalisierung, die man angeblich bekämpfen will. Geschichte endet nicht dort, wo Bomben fallen. Sie setzt sich fort – in Traumata, in zerstörten Familien, in Kindern, die mit Bildern von Tod und Demütigung aufwachsen.
Wer diesen Zusammenhang ignoriert, denkt Konflikte nicht zu Ende.
Die deutsche Debatte krankt an ihren Lagern
Besonders unerquicklich wirkt dabei die deutsche Diskussion. Teile der politischen Linken begegnen Israel inzwischen mit einer Schärfe, die jüdische Ängste kaum noch wahrnimmt. Manche scheinen jedes Handeln Israels ausschließlich durch das Raster von Kolonialismus, Unterdrückung und westlicher Machtpolitik zu betrachten.
Auf der anderen Seite reagieren konservative Stimmen oft mit einer nahezu reflexhaften Verteidigung israelischer Regierungspolitik. Publizisten wie Ulf Poschardt (Herausgeber Welt, Welt am Sonntag und Politico) werfen der Linken regelmäßig vor, antisemitische Denkmuster hinter moralischen Phrasen zu verstecken. Nicht selten klingt dabei der Vorwurf mit, jede scharfe Kritik an Israel bewege sich bereits gefährlich nah am Antisemitismus.
Beide Seiten tragen zur Vergiftung der Debatte bei.
Denn eine Gesellschaft verliert ihre demokratische Reife, wenn sie nur noch zwischen Loyalität und Verrat unterscheiden kann. Dann verschwindet der Raum für Differenzierung. Wer aber Differenzierung zerstört, zerstört am Ende auch die Möglichkeit von Erkenntnis.
Kritik ist nicht automatisch Feindschaft
Es muss möglich bleiben, die Politik der Regierung von Israel scharf zu kritisieren, ohne deshalb als Feind Israels zu gelten.
Denn Staaten handeln politisch. Regierungen treffen Entscheidungen. Und politische Entscheidungen dürfen hinterfragt werden – gerade dann, wenn sie massive humanitäre Folgen haben.
Wer zivile Opfer beklagt, relativiert nicht automatisch den Terror der Hamas. Wer auf die katastrophale Lage in Gaza hinweist, leugnet nicht jüdisches Leid. Und wer auf die Einhaltung des Völkerrechts pocht, betreibt nicht zwangsläufig antisemitische Propaganda.
Die Weigerung, solche Unterschiede noch wahrzunehmen, führt in einen moralischen Absolutismus, der jede Debatte erstickt.
Die eigentliche Herausforderung
Vielleicht liegt das eigentliche Problem darin, dass viele Menschen Ambivalenz kaum noch ertragen.
Dabei wäre genau das notwendig. Man kann den antisemitischen Terror der Hamas verabscheuen und gleichzeitig die Zerstörung in Gaza für unerträglich halten. Man kann Israels Existenzrecht kompromisslos verteidigen und dennoch die Politik seiner Regierung kritisieren. Man kann die deutsche Schuldgeschichte ernst nehmen, ohne daraus eine moralische Sprachlosigkeit für die Gegenwart abzuleiten.
Demokratische Gesellschaften müssen Widersprüche aushalten können. Tun sie das nicht mehr, verfallen sie in Lagerdenken, moralische Erpressung und ideologische Erstarrung.
Und vielleicht ist genau das die bitterste Erkenntnis dieser Debatte: dass viele nicht mehr verstehen wollen, sondern nur noch siegen.
Dabei verlieren am Ende alle. Besonders jene Menschen, die zwischen den Fronten leben und sterben.
Wir scheinen weniger denn je aus diesem unheilvollen Prozess herauszukommen. Das zeigen der Überfall der USA und Israels auf den Iran und die danach stattgefundenen Diskussionen.

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