Aus dem Transkript habe ich die Schlussbemerkung von Renate Künast herauskopiert:
Kriegen die eigentlich mit, was in dieser Gesellschaft los ist und dass sich irgendwann niemand mehr engagieren wird?
Also wer soll ehrenamtlicher Bürgermeister werden, oder Bundestagsabgeordneter oder sich mit Geflüchteten, mit Obdachlosen, mit Kindern, die irgendwie Hilfe bei Schularbeiten brauchen, dafür engagieren, wenn du dafür derartig nicht nur angepampt, sondern richtig gehasst wirst?
Das sind die Grundlagen unserer Demokratie, dass Menschen sich engagieren, das darf man gar nicht zulassen, dass man dafür so massiv runtergemacht wird.
Warum haben wir es jahrzehntelange hingenommen, dass Politiker zwar viel reden aber nur selten etwas sagen? Waren uns die Fragen zu unwichtig, waren wir zu sehr mit uns selbst beschäftigt? Noch während wir vielleicht darüber nachdachten, lernten wir, dass auch die Fragen von Journalisten, sogar solche, die schriftlich an Minister gestellt wurden, folgenlos einfach unbeantwortet blieben.
Klare Antworten auf wichtige Fragen sind zu Raritäten geworden. Wir bekommen sie nicht, weil diejenigen, die sie geben müssten, Angst vor unserem „Liebesentzug“ haben. 709 Abgeordnete hat der Bundestag aktuell und es könnten noch viel mehr werden, wenn sich die Fraktionen nicht endlich auf eine vernünftige Regelung verständigen. Masse hat mit Klasse nichts zu tun.
Verhindert die angeblich grassierende politische Korrektheit den Diskurs oder liegt es nicht eher unsere Gleichgültigkeit am Zustand einer Gesellschaft, in der es vielen richtig gut und anderen richtig schlecht geht?
Es gibt keine Daten, keine Statistiken, die nicht für das eine wie auch für das andere Argument verwendet werden können. Alles reine Glaubenssache.
Eine Erde, ein Leben
Angela Merkel und Emmanuel Macron loben Greta Thunbergs emotionale Rede vor der UN, kritisieren sie jedoch dafür, dass sie nicht konstruktiv sei bzw. nicht denjenigen Vorhaltungen macht, die das verdient hätten. Merkel und Macron meinen also, ihre Länder hätten mit ihrer Politik zum Klimawandel Lob und nicht Kritik verdient.
Ihr häutet die Welt und hinterlasst nichts als Narben
(Steven King – allerdings in anderem Zusammenhang)
Welche Chance haben wir, die Güte der Arbeit unserer Regierungen und Parlamente nicht bloß an dem zu messen, was uns die Berichte unserer Medien „soufflieren“?
„Es“ geht nie weit genug
Die Opposition findet grundsätzlich alles falsch. Bestenfalls ist eine Entscheidung im Grundsatz richtig, geht aber nicht weit genug. Über dieses merkwürdige Maß an Zustimmung geht es meistens nicht hinaus. Auch diese Form von ritualisierter Opposition wird etwas sein, worüber die sich viele bestimmt schon geärgert haben.
Manche meinen, unsere Medien seien regierungsfreundlich, manche sogar, sie seien systemtreu. Die Überschwänglichkeit der Berichterstattung zu Beginn der Migrationskrise und die späte Selbstkritik bietet für solche Behauptungen genug Raum. Das ist in den Debatten zum Klimawandel kaum anders. In diesem Fall stehen die Medien mit wenigen Ausnahmen nicht auf Seiten der Regierung.
Das Phänomen Greta Thunberg zeigt, wie machtvoll sich der Protest gegen ein hartleibiges gesellschaftliches Establishment entwickeln kann.
Nicht ins Auge sehen wollen
Ich finde es gut, das Scheitern derer mitzuerleben, die versuchen, Greta und die FFF-Bewegung und ihre Unterstützer zu diskreditieren.
Leider geht davon aber meine Unsicherheit nicht vorüber, ob ich die unglaublich hart kritisierten Klimaschutz-Maßnahmen unserer Regierung nicht im Interesse des Zusammenhalts unserer sowieso stark polarisierten Gesellschaft positiver beurteilen sollte, als das in der Öffentlichkeit mehrheitlich der Fall ist.
Ich muss nicht jedes dumme Argument irgendeines Aktivisten auf die Goldwaage legen, der gewaltige Arbeitsplatzverluste und gesellschaftliche Verwerfungen einem einzigen Ziel unterzuordnen bereit ist. Es heißt: wir hätten keine Zeit mehr. Wir müssten deshalb zu viel umfassenderen Maßnahmen gegen den Klimawandel kommen. Abgesehen davon, dass solche Räder nie in der Geschichte der Menschheit gedreht worden sind, eine Garantie für die Wirksamkeit aller infrage stehenden Maßnahmen gibt uns niemand. Da darf, da muss jeder der Verantwortung in einer Gesellschaft trägt, auf der Hut sein vor riesigen, gesellschaftsverändernden Maßnahmen.
Arbeitsteilung ist gut und vor allem sinnvoll
Es gibt die bewährte Methode der Arbeitsteilung. Lassen wir diejenigen ihren Job machen, die von uns dafür bestimmt wurden. Wenn wir das Grundvertrauen in diese Leute nicht mehr aufbringen können, sind wir sowieso am Ende. Jedenfalls mit dem Gesellschaftssystem, das uns in diesem Fall nämlich um die Ohren fliegen wird. Und das heißt verdammt noch mal nicht, dass man die Regierung nicht kritisieren dürfe.
Greta Thunbergs Kritik, die sich gleichermaßen an die älteren Generationen wie an die Politiker der Gegenwart richtet, ist angesichts des von der Wissenschaft beschriebenen Ausmaßes der Folgen des Klimawandels nachvollziehbar. Die Versäumnisse verweisen vor allem auf eine besonders ausgeprägte Eigenschaft der menschlichen Spezies: den Egoismus.
Wir führen uns gern gegenseitig vor. Ob wir die sich bietenden Chancen mit Augenzwinkern, krasser Ablehnung oder übertriebener Zustimmung nutzen, häufig bleiben „Verletzte“ zurück. Das ist uns egal, scheint es. Hauptsache, wir kriegen es hin, wesentliche Facts zwischen Popcorn und Mischgetränk nicht zu verpassen.
Ob es tatsächlich Fakten sind, liegt allein im Auge des Betrachters und/oder der eigenen Peergroup. Das nehmen wir nicht so eng. Wir sind aufnahmefähig, solange die Richtigen es sagen.
Besteht unser vorgeblicher Wunsch nach mehr Partizipation an politischen Entscheidungen wirklich oder überwiegt nicht ein Hang zur Dekonstruktion?
Das Internet ist für viele von uns ein sakrosanktes Vehikel für alles mögliche – vor allem natürlich die eigene Meinung. Ich sage das, obwohl ich mich als langjähriger Blogger mit Kontakt zu den sozialen Medien der „Netzgemeinde“ zugehörig fühlen sollte. Stattdessen fühle ich mich zunehmend fremd und bin ein übers andere Mal verstört. Wahrscheinlich bin ich zu alt und zu blöd, um stets nur die guten Seiten des Netzes zu betonen und vor allem zu reflektieren.
Menschen ohne Netzaffinität und Erfahrungen mit sozialen Netzwerken scheinen für politische Ämter der Gegenwart ungeeignet. So tönt es aus dem Netz. Nico Lumma fordert folgerichtig: „Es müssen andere Leute her, Leute, die das Digitale wirklich verstehen. Das ist ein langsamer, mühseliger Prozess. Aber ein notwendiger!“
Demokratie
Das Internet könnte der Katalysator für Demokratie sein. Leider fördert es aber vor allem den Frust vieler Menschen, weil sie – wie ich vermute – nicht im Stande sind, der Menge an Information und Desinformation Herr zu werden bzw. die gravierenden Unterschiede zu sehen. Nicht, dass sie ihn per se nicht kennen würden, sie sehen ihn nicht, weil sie vielleicht nicht die Zeit haben, den Dingen auf den Grund zu gehen. Friss oder stirb. So lautet demnach die Devise. Einordnungen von Journalisten existieren zwar weiterhin, sie werden aber nicht mehr unvoreingenommen akzeptiert. Das ist an sich eine gute Entwicklung. Scheinbar ist unsere Lernkurve aber längst nicht so steil, wie wir es uns wünschten. Was bis zur Erreichung einer neuen Ebene mit unserer Gesellschaft und der Demokratie geschehen könnte, macht wahrscheinlich vielen Leuten Sorgen.
Die provokante These ist Trumpf. Darauf ein „falsches“ Wort vom Falschen (AfD, alter weißer Mann, Fleischesser, Klimaleugner, CDU-Vorsitzende) zieht – mit etwas Pech – ein virtuelles Todesurteil nach sich.
Authentizität
Wir wünschen uns authentische Politiker, die die Dinge beim Namen nennen und uns nicht mit geübtem Politikersprech langweilen. Solange es dem Mainstream gefällt, ist das prima und es funktioniert (manchmal). Aber nie sehr lange. Popularität hat ihre Tücken. Beispiele für den tiefen Fall nach einer Hochphase gibt es schließlich genug.
Vom Klimakabinett hören wir, dass im September konkrete Maßnahmenpläne zu erwarten sind. Egal, was wir von dieser Einrichtung halten mögen, seine Implementation erklärt in der Bräsigkeit des Berliner Politikbetriebs, dass meines Erachtens das Stop – Signal verstanden wurde.
Statt einer Timeline mit Meilensteinen gab es gestern wieder „nur“ ein Statement. Das ist viel zu wenig für die Klimaaktivisten und für all diejenigen, die zum Beispiel nicht schnell genug von der Kohleverstromung wegkommen. Als ob es die Widerstände in anderen Ländern (neuerdings z.B. Polen, dessen nationalistische Regierung bei den EU-Wahlen deutlich gestärkt wurde) gar nicht gäbe.
FridayForFuture, den Grünen und ihrer Anhängerschaft geht alles nicht fix genug. Dabei sind sie es als die selbstverständlichen Nutzer (Natives) des Internets doch gerade, die – anders als nationale Politiker und vorrangig national agierende Parteien – einen offenen Blick für die Interdependenzen haben sollten, die die Globalisierung im Guten wie im Schlechten mit sich bringt.
Das weltweite Internet bietet alle Voraussetzungen, um die in den ersten zehn Artikeln unserer Verfassung verankerten Grundrechte aller Bürger in diesem Land auszuhöhlen. Dies gilt insbesondere für das Recht auf freie Meinungsäußerung und Pressefreiheit in Artikel Fünf – eine wesentliche Grundlage unserer funktionierenden Demokratie – und es gilt letztlich auch für den Kernsatz unserer Verfassung, den Artikel Eins des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Um solche Gefahren für unser aller Freiheit künftig richtig einschätzen und Vertrauen in das Medium fördern zu können, müssen wir dem Internet und seinen Nutzern mehr Sensibilität, mehr Aufmerksamkeit und Forschung widmen.
Daran, wie diese Sätze damals aufgenommen wurden, erinnere ich mich noch gut. Die Reaktionen im Netz waren typisch und sind es bis heute. Wir meinen, wir hätten mehr Durchblick als „die Politiker“. Aber wenn es um die Risiken geht, die das Internet für unsere Freiheit darstellt, verschließen mir zu viele die Augen. Es klingt oft ein bisschen wie: „Dieses Spielzeug lass ich mir doch von dir nicht wegnehmen!“ Als ob es darum ginge.
Wir diskutieren aktuell über den UN-Migrationspakt. Manche fragen sich, wie unverbindlich dieser Pakt tatsächlich ist und warum er überhaupt unterzeichnet werden soll, wenn er doch keine bindende Wirkung hat.
Das Pariser Klimaabkommen ist im Gegensatz zum Migrationspakt völkerrechtlich verbindlich. Dennoch sind die Auswirkungen des Abkommens (Deutschland hat es 2016 ratifiziert) bisher nicht klar.
Die Wikipedia gibt dazu folgende Information:
Menschenrechte und Klimaklagen
Welche Bedeutung das Übereinkommen von Paris für die Frage der Menschenrechte hat und welche Klagemöglichkeiten aus den Klimaschutzverpflichtungen ableitbar sind, ist noch nicht abschließend abschätzbar.
Ein Gutachten der Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik (Leipzig / Berlin) unter Leitung von Felix Ekardt befasst sich in diesem Zusammenhang mit den völkerrechtlich verbindlichen Zielstellungen des Übereinkommens und den Möglichkeiten, die avisierten Klimaschutzziele einzufordern.
Auseinandersetzung um Klimafragen werden zunehmend gerichtlich ausgehandelt. So waren 2017 weltweit 884 Prozesse in 24 Ländern anhängig, in denen Klimafragen eine Rolle spielen.
Umso erstaunlicher finde ich, dass den Tageszeitungen von heute zu entnehmen ist, dass der BUND und der Solarenergie-Förderverein (SFV) gemeinsam mit elf Einzelpersonen eine Verfassungsbeschwerde eingelegt. In Deutschland ist dies die erste Klage dieser Art!
Das Anliegen
Deutschland habe sich innerhalb der EU dazu verpflichtet, in wichtigen Bereichen die Treibhausgas-Emissionen mindestens um 14% im Vergleich zu 2015 zu reduzieren. Die Kläger monieren, dass die Bundesregierung in den Bereichen Energie, Gebäude, Mobilität, Industrie, Landwirtschaft und Forstwirtschaft keine kurzfristig wirksamen Maßnahmen beschlossen hätte. Das 1,5-Grad-Ziel würde – so die Kläger – von der Bundesregierung nicht einmal verfolgt.
Viele mögen die Klage begrüßen, ich tue es nicht! Die zur Begründung angeführten Argumente teile ich nicht. Entscheidungen dieser Art sollen bei der Regierung liegen und nicht durch die Anrufung des Bundesverfassungsgerichtes durch NGO’s beeinflusst werden. Aber leider sind solche Sitten in unserem Land eingerissen. Gerichte kassieren politische und demokratisch herbeigeführte Entscheidungen. Wir geben uns mit der deprimierenden Aussage zufrieden, dass die Politik ihren Job mal wieder nicht richtig gemacht hat. Das mag ausnahmsweise der Fall sein, zur Regel darf es nicht werden. Dass Gerichte angerufen werden, liegt oft am Zaudern oder an mangelhaft ausformulierten Gesetzestexten. Diese Kritik müssen sich Politiker gefallen lassen. Wir erleben, dass Gesetze kassiert durch höchstrichterliche Entscheidungen infrage gestellt oder einkassiert werden. Das muss anders sein!
UN-Migrationspakt
Ich finde diese Entwicklung vor dem Hintergrund der Diskussionen um den UN-Migrationspakt deshalb interessant, weil die Skeptiker (angeblich ja alles Rechte) ganz ähnliche Szenarien (also Klagen durch NGO’s) für den Fall vorhersagen, das Deutschland ihn mitunterzeichnet.
Dabei ist aus der Erfahrungen mit Soft Law die Schlussfolgerung zu ziehen, dass sich aus den daraus resultierenden Diskussionen keine juristische Handhabung ableiten ließen, dass die klagenden Instanzen sich jedoch moralisch normative Wirkungen zunutze machen können. Durch Soft Law werden nach Ansicht von Experten internationale Standards gesetzt, die sich früher oder später zu Völkergewohnheitsrecht entwickeln.
Diese Vereinbarungen haben einen darüber hinausgehenden Nachteil. Sie sind demokratisch nicht legitimiert, weil sie weder Gesetzgebungsverfahren durchlaufen, noch in den Parlamenten diskutiert und verabschiedet werden. Stichwort: Demokratie von oben nach unten.
Es ist vorstellbar, dass Abschiebungen oder Grundsatzentscheidungen zur Migration durch die Öffentlichkeitsarbeit der klageführenden NGO’s und ihrer Anwälte, die wiederum auf den Aussagen eines solchen Paktes beruhen, massiv zu ihren Gunsten beeinflusst wird. Wir kennen das aus allen möglichen Bereichen (Gender-Mainstreaming, Klimaabkommen etc.)
Beeinflussung mit demokratischer Legitimierung
Der Verweis auf den UN-Migrationspakt beeinflusst die Öffentlichkeit, obwohl der Pakt eigentlich keine völkerrechtliche Bindung hat. Medien werden Paket dazu angehalten, migrationsfreundlich zu berichten (wo liegen die Grenzen einer negativen Berichterstattung s. Pakt) würden nach unseren Erfahrungen, zu den Klagen die Begleitmusik spielen, also die Klagen vor deutschen Gerichten unterstützen.
Es kann uns kein anderer Staat verklagen. Das ist aufgrund der rechtlichen Unverbindlichkeit schon der Fall. Aber der Einfluss, den solche Vereinbarungen (Verpflichtungen) für die einzelnen Unterzeichnerstaaten (im Inland) haben, ist nicht zu bestreiten. Dafür gibt es, wie gesagt, einige Beispiele.
Mir ist klar, dass viele den UN-Migrationspakt positiv sehen. Aber ein wichtiges Argument, dass er eben nicht verbindlich sei, ist IMHO widerlegt.
Und was macht unsere Regierung jetzt? Die Debatte im Bundestag hat gezeigt, dass es ernstzunehmende Einwände gibt – auch in der Union und nicht nur bei der AfD. Trotzdem wird der Pakt unterzeichnet. Einfluss nehmen weder das Parlament noch die BürgerInnen.
UN-Migrationspakt: Bundestag veröffentlicht doch Petition gegen Abkommen – WELT LINK
Warum wurde ich schon als 14jähriger Lehrling als Sozi bezeichnet? Das interessiert außer mir keinen, für mich wird die Antwort langsam wichtig.
Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn.
georges clemenceau
Den Spruch finde ich zwar doof, trotzdem muss ich immer wieder einmal an ihn denken… Es ist halt immer auch etwas Wahres daran. Auch wer Bonmots dieser Art ablehnt, wird er das nicht ganz abstreiten können. 🙂
Hat mein Vater mich so beeinflusst? Schließlich hat er nach seiner Rückkehr aus je fünf Jahren Krieg und russischer Kriegsgefangenschaft immer SPD gewählt. Oder war es meine Mutter, der es wichtig war, dass wir Kinder wussten, was richtig oder falsch ist?
Ist da etwas daran, wenn behauptet wird, dass Linke sich selbst immer für die Guten halten? So’n Quatsch! Ist das die Erklärung dafür, warum der Begriff Gutmenschen eine Weile so inflationär verwendet wurde und zwar hauptsächlich für Linke?
Schließlich will doch jeder auf der richtigen Seite stehen! Wieso unterstellt man das nur Linken?
Apropos: Wo stehen eigentlich die Grünen von heute? Linke sollen sie angeblich ja keine mehr sein. Aber Rechte sind sie natürlich ebenso wenig. Das ist wohl eine zeitgemäße Einordnung. Immer schön in der „neuen“ Mitte bleiben. Hatte das nicht Gerhard Schröder „erfunden“ oder jedenfalls von sich behauptet?
Auch das ist mir egal. Ich will viel lieber wissen, warum ich gegenüber anderen Meinungen immer unduldsamer werde und mich heute wesentlich schwerer damit tue, sie zu respektieren. Das gilt auch für die Exponenten dieser Meinungen. Ich spreche übrigens bewusst nicht von Argumenten.
Soziale Netzwerke
Irgendeiner hat dieser Tage behauptet, die Sozialen Netzwerke würden inzwischen die politische Meinungsbildung maßgeblich prägen. Dass dies nicht positiv gemeint war, wird jede/r LeserIn unterstellen, denke ich. Ich habe mich sehr für den Streit interessiert, der seit Monaten um Hambach vor allem in den sozialen Netzwerken geführt wird. Mich erinnert die Art der Auseinandersetzung sehr an die nach 2015 entstandenen erbitterten Kämpfe um die Deutungshoheit zwischen „Linken und Rechten“. Das einige der Protagonisten trotz unterschiedlicher Themen problemlos ausgetauscht werden konnten, ist gleichermaßen irritierend wie besorgniserregend. Die Grünen spielen den Buhmann für die einen, die bösen Kapitalisten und ihre politischen Unterstützer den für die anderen. Sogar die Art der gegenseitigen Beleidigungen waren im Detail austauschbar. Da war in ganz anderen Zusammenhängen von Nazis die Rede, von rücksichtslosen Egoisten oder von Öko-Jakobinern und Öko-Faschisten.
Dieser Entwicklung, die sich spätestens seit 2015 mit der angeblichen Öffnung unserer Grenzen bzw. dem Erstarken der AfD dramatisch verschärft hat, dürften wir nicht länger zusehen. Allerdings bitte nicht, in dem wir versuchen, die jeweils andere Seite „totzumachen“.
Vermittler / Brückenbauer
Wir müssen wieder in ein wirkliches Gespräch zurückfinden. Nur – wie macht man das, wenn man sich so in einander verbissen hat? Schließlich gibt es keine Partnerschafts- oder Eheberatung für diese Art von Konflikten. Uns fehlen Moderatoren, die auf der gesellschaftlichen Ebene als Brückenbauer fungieren könnten.
Genau hier stoßen wir auf das nächste Problem, das neben den Sozialen Netzwerken und dem Internet seinen Teil dazu beigetragen hat, die harten Konfliktlinien in unseren Gesellschaften entstehen zu lassen. Ich meine unsere Einstellung zu Personen des öffentlichen Lebens (Politiker, Journalisten, Künstler, herausgehobene andere Persönlichkeiten wie Firmenchefs, Bischöfe, Kirchenvertreter, Mitglieder der so genannten Elite ganz allgemein).
Auch die Einstellung zu den Institutionen haben sich negativ verändert. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist umstritten, der DFB (DIE MANNSCHAFT sei nicht die Nationalmannschaft, hören wir häufig) Gerichtsurteile werden viel kritischer hinterfragt als jemals zuvor, Gutachter und die Kompetenz ihrer Ersteller werden infrage gestellt, politische Parteien und Gewerkschaften verlieren nicht nur den Rückhalt, sondern auch ihre Mitglieder.
Unsere Maßstäbe legen sich inzwischen oft seltsam quer zum Verstand. Kann man das auf Dauer ausblenden? Rechte monieren, dass bei politisch geförderten Anti-Rechts-Demos linke Punkbands auftreten. Auf der anderen Seite beanstanden Linke beispielsweise Texte von Xavier Naidoo oder irgendwelchen Rappern, weil die Texte gewaltverherrlichend, frauenverachtend sind oder antisemitische Inhalte haben. Diese Auswüchse von politischer Korrektheit findet man also sowohl rechts wie links, obwohl die Rechte seit Jahren einen (in Teilen leider auch erfolgreichen) Kreuzzug gegen die PC führt.
Sarrazin, Buschkowski und Köppel
Sarrazin legt sein neues Buch vor (Spiegel Bestseller) und die Reihen schließen sich unverzüglich. Hier „das“ deutsche Feuilleton, das den Inhalt in Bausch und Bogen heruntermacht und dort die Unterstützer, die vom SPD-Kollegen Buschkowski bis hin zum SVP-Verleger Köppel in der Schweiz reicht. Das dieses Buch trotz aller Relativierungsversuche vor allem dazu beiträgt, die Spaltung unserer Gesellschaft voranzubringen und zwar nicht (nur) zwischen links und rechts bzw. national und liberal, sondern vor allem zwischen Muslimen und der Mehrheitsbevölkerung scheint im Diskurs eine nebensächliche Rolle zu spielen. Sofern er überhaupt noch geführt wird.
Engagement
Vielleicht steckt ein Trend zur Individualisierung unserer westlichen Gesellschaften hinter alldem? Nicht nur die Parteien verlieren ihre Bindekraft, die Gewerkschaften und die meisten anderen Institutionen (Kirche, sogar die freiwillige Feuerwehr) klagt über Austritte und große Nachwuchssorgen. Auf der anderen Seite war die Bereitschaft unglaublich hoch, sich 2015 und bis heute in der Flüchtlingshilfe ehrenamtlich zu engagieren.
Nicht links oder rechts, sondern richtig oder falsch
Es gibt Gott sei Dank ganz verwegene Sichtweisen, die unserem Hang zum Schubladendenken auf die Sprünge helfen können. Selbst, wenn sich das in einem einfachen Satz wie: „Nicht links sondern logisch“ oder „Nicht links sondern normal“ äußert, zeigt sich darin ein Lichtblick. Es ist nicht immer das Dogma, das uns wütend macht oder die geistige Beweglichkeit einschränkt. Es geht immer darum, überzeugt davon zu sein, was richtig und was falsch ist. Mit links und rechts hat das oft überhaupt nichts zu tun. Lassen wir uns also nicht kirre machen, sondern kämpfen wir weiter für unsere Überzeugungen. Wir müssen weiter im Gespräch bleiben. Das ist oft hart und führt uns manchmal bis an die Grenze eines noch vertretbaren Blutdrucks. Das Risiko lohnt sich.
Auftritt Petitionsausschuss des Bundestages
Henryk M. Broder und Vera Lengsfeld (Nicht gerade in Topform)
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Die Petition, die unter dem Namen „Gemeinsame Erklärung 2018“ bekannt ist, hat über 165.000 Unterzeichner.
Broders Reaktionen im Verfahren (siehe verlinktes Video) halte ich für erwähnenswert, weil er das ausspricht, was viele seiner Gesinnungsgenossen und Fans in dieser Lage von ihm erwartet haben dürften. Er stellt demokratische Regeln infrage, weil sie ihm schlichtweg nicht in den Kram passen. Das ist entlarvend. Broder zeigt in all seinen Vorträgen und eitlen Videos, welche Stimmen in unserem Land noch Chancen haben, gehört zu werden. Es sind jedenfalls nicht die, die konstruktive oder verbindende Ansätze verfolgen.
Wie diskutieren, wie im Gespräch bleiben, ohne Türenknallen und unversöhnlichem Abschied?