Weil ich es eben so mit der untergegangenen Bürowelt hatte… Hier eine kleine Glosse mit vielen lang verglühten Worten:
Es ist ein rechter Jammer mit der Gegenwart. Kaum hat man des Morgens die Bettstatt verlassen und sich, noch etwas schlaftrunken, an den Frühstückstisch verfügt, beginnt bereits das allgemeine Geraune, Gezeter und Gewese. Aus dem Rundfunk dräut Unheil, im Weltnetz herrscht Hader, und auf dem Fernsprecher blinkt eine Botschaft, deren Urheber offenbar vermeint, seine neuesten Befindlichkeiten seien von solcher Weltläufigkeit, dass jedermann ihrer unverzüglich teilhaftig werden müsse.
Ei der Daus.
Früher – und mit „früher“ ist selbstverständlich jene sagenhafte Zeit gemeint, in der ohnehin alles besser, die Butter wohlschmeckender und selbst das schlechte Wetter charakterfester war – hätte man dergleichen schlicht Mumpitz geheißen. Vielleicht auch Firlefanz, Larifari, Kokolores, Tinnef, Kinkerlitzchen oder, bei besonderer Verdrießlichkeit, Humbug.
Heute hingegen heißt es „Content“.
Das ist schade.

Denn wo der Content Einzug hält, nimmt der Schabernack seinen Hut. Der Tausendsassa wird zum „High Performer“, der Hagestolz zum „Single“, der Tunichtgut zum „Low Performer“ und der altehrwürdige Hansdampf in allen Gassen vermutlich zum „agilen Generalisten mit hoher Schnittstellenkompetenz“.
Was für ein sprachlicher Kehraus!
Man möchte sich darob in einen Ohrensessel zurückziehen, die Pantoffeln überstreifen und bei einem Muckefuck der Welt entsagen. Doch selbst dort ist keine Ruhstatt mehr. Das Mobiltelefon bimmelt, der Nachbar hantiert mit einem Laubbläser, und irgendein Windbeutel erklärt im Fernsehen mit wichtiger Miene die Weltlage.
Dagegen hilft nur Contenance.
Oder ein kräftiges „Potzblitz!“.
Wobei auch „Donnerlüttchen“ nicht zu verachten wäre.
Überhaupt verfügten unsere Altvorderen über ein bemerkenswertes Arsenal zur Bewältigung menschlicher Unzulänglichkeiten. Wo wir heute jemanden etwas einfallslos einen „Idioten“ oder ein „Arschloch“ nennen, konnte man früher aus dem Vollen schöpfen.
Da gab es den Döskopp, den Dummrian, den Tölpel, den Toren, den Laffen, den Fatzke, den Gecken, den Stutzer, den Wichtigtuer, den Prahlhans, den Maulaffen und natürlich den Haderlump.
Ein Haderlump!
Man muss dieses Wort einmal laut aussprechen.
Haderlump. Das reimt sich auf T…. Zufall oder Voraussicht?
Sogleich sieht man einen Menschen vor sich, dem man keinesfalls seinen Haustürschlüssel anvertrauen würde.
Auch der Hallodri ist nahezu verschwunden. Dabei mangelt es unserer Zeit wahrlich nicht an Hallodris. Sie tragen inzwischen bloß Maßanzüge und heißen Unternehmensberater.
Nicht minder schmerzlich ist das Hinscheiden des Schwerenöters. Welch herrliches Wort! Ein Schwerenöter konnte ein Schürzenjäger sein, ein windiger Geselle oder überhaupt jemand, bei dem Vorsicht ratsam war. Heute würde man vermutlich sagen: „Der Mann polarisiert.“
Nein.
Er ist ein Schwerenöter.
Damit ist alles gesagt.
Auch Tätigkeiten besaßen einst mehr Klang. Man flanierte, lustwandelte, schäkerte, frohlockte, zauderte, darben musste man bisweilen ebenfalls, und wer sich besonders ungeschickt anstellte, der wurstete oder murkste herum.
Heute wird „performt“.
Selbst das Scheitern heißt inzwischen „Learning“.
Der Mensch fällt nicht mehr auf die Nase. Er sammelt Erfahrungen.
Welch ein Verlust an Dramatik!
Dabei hält gerade das Deutsche wunderbare Wörter für jene kleinen Katastrophen bereit, aus denen unser Dasein hauptsächlich besteht. Man kann verdattert, verdutzt, verblüfft, baff, betreten, zerknirscht, missmutig, verdrießlich, griesgrämig, unwirsch, grantig oder schlicht ungehalten sein.
Ich selbst bin gern verdrießlich.
„Verdrießlich“ besitzt eine Würde, die „schlecht drauf“ niemals erreichen wird.
Ein verdrießlicher Mensch hat Gründe.
Wer schlecht drauf ist, braucht Magnesium.
Auch das schöne Unbill fristet ein Schattendasein. Dabei widerfährt uns täglich Unbill. Die Bahn verspätet sich: Unbill. Der Drucker erkennt die Patrone nicht: Unbill. Das Passwort muss mindestens zwölf Zeichen, eine Hieroglyphe und den Mädchennamen eines mesopotamischen Herrschers enthalten: schwere Unbill.
Und dann die Fährnisse!
Niemand spricht mehr von Fährnissen. Wir haben „Challenges“.
„Die Digitalisierung bringt gewisse Fährnisse mit sich.“
Wie viel schöner klingt das als „Wir stehen vor Challenges“!
Bei „Fährnissen“ möchte man wenigstens noch Mantel und Hut anziehen, bevor man ihnen entgegentritt.
Bei Challenges soll man einen Workshop buchen.
So sind wir sprachlich vom Wagnis über die Herausforderung zur Challenge gelangt und werden vermutlich demnächst nur noch sagen:
„Issue.“
Dann ist endgültig Feierabend.
Wobei auch dieser Ausdruck schon verdächtig altmodisch ist. Der Feierabend selbst scheint nämlich ebenfalls aus der Mode zu geraten. Früher ließ man nach getaner Arbeit den Griffel fallen und begab sich heimwärts. Heute ist man „noch kurz erreichbar“.
Das „kurz“ dauert bis 22.17 Uhr.
Danach fällt man hundemüde ins Bett, nicht ohne zuvor noch ein wenig durch die Nachrichten zu scrollen, wo Schlauberger, Neunmalkluge, Klugscheißer, Wortklauber, Erbsenzähler und Krakeeler einander erklären, warum jeweils der andere ein ausgemachter Hornochse sei.
Das Internet hat den Stammtisch nicht abgeschafft.
Es hat ihm lediglich Glasfaser verlegt.
Vielleicht sollten wir deshalb einige dieser alten Wörter wieder hervorholen. Nicht aus Nostalgie. Sondern weil sie erstaunlich präzise sind.
Ein Dünkel ist eben mehr als Arroganz. Misshelligkeiten sind interessanter als Konflikte. Ein Zankapfel ist anschaulicher als ein „strittiger Punkt“. Gepflogenheiten besitzen mehr Leben als Prozesse. Und wer aufbegehrt, tut etwas anderes, als wenn er „kritisches Feedback gibt“.
Vor allem aber brauchen wir dringend den Müßiggang zurück.
Dieses wunderbare, verdächtig gewordene Nichtstun.
Der Müßiggänger optimiert nichts. Er trackt nichts. Er absolviert keine zehntausend Schritte, verbessert keine Morgenroutine und hört beim Spaziergang keinen Podcast darüber, wie man Spaziergänge effizienter gestaltet.
Er geht einfach.
Vielleicht bleibt er stehen.
Vielleicht schaut er einem Vogel nach.
Vielleicht denkt er sogar nichts.
Ein solcher Mensch wäre heute beinahe ein Staatsfeind.
Ich plädiere daher für eine sprachliche Gegenrevolution.
Mehr Muße, weniger Mindset.
Mehr Schabernack, weniger Content.
Mehr Fisimatenten, weniger Features.
Mehr Gemach, weniger Tempo.
Mehr Labsal, weniger Wellness.
Mehr Holdseligkeit, weniger Sex-Appeal.
Mehr Mumpitz, wo Mumpitz ist.
Und wenn uns jemand fragt, was dieser ganze rückwärtsgewandte Firlefanz eigentlich soll, setzen wir den Zwicker auf, streichen bedächtig über den nicht vorhandenen Backenbart und antworten:
„Mein lieber Freund, erdreisten Sie sich nicht.“
Dann wenden wir uns ab.
Gemessenen Schrittes.
Und frohlocken insgeheim.
Potztausend. Bin gespannt, was das Jugendwort des Jahres wird.
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