Von Übertreibungen wird nichts besser.

Immer mehr Leute zweifeln an der Effizienz unserer Demokratie. Sie merken leider nicht, dass ihre Äußerungen es nur schlimmer, nie besser machen.

Die RTL-Gesprächsrunde mit Merz habe ich mir ange­se­hen, um zu ver­ste­hen, wel­che Reaktionen sie aus­ge­löst hat. Und wel­che Falschbehauptungen man­che dazu in die Welt gesetzt haben. Man soll­te als Bürger ein­fach nur ent­setzt sein. Nicht bloß wegen des lei­der etwas unsou­ve­rä­nen Auftritts unse­res Kanzlers. Für den habe ich ange­sichts des Drucks, unter den der Mann nicht schuld­los gera­ten ist, irgend­wie auch Verständnis. Ihm wird nicht zuge­stan­den, sich gegen extre­me Vorwürfe (u.a. Verletzung des Amtseids) zu weh­ren, ohne ihm gleich­zei­tig und erfun­dener­wei­se Dinge zu unter­stel­len, die kom­plett gelo­gen sind. 

Kurz gesagt: Ich wür­de all die tum­ben Nüsse gern mal in einer ver­ant­wort­li­chen Position erle­ben und wie unsou­ve­rän sie dabei am Ende her­aus­kä­men. Keiner muss die Arbeit des Kanzlers loben. Dafür besteht über­haupt kein Anlass. Aber das Wort „Menschbleiben“ müs­sen vie­le kom­plett ver­ges­sen haben.

Dann habe ich mir das selbst- und schlecht­ge­mach­te Video ange­se­hen, bei dem Ulf Poschardt sich um die Zukunft des Landes sorgt. Ich neh­me ihm die Sorge ab. Nein, ich tei­le sie! Dass an der mie­sen Lage nicht etwa die AfD oder beklopp­ten Unterstützer und WählerInnen schuld sind, son­dern natür­lich aus­schließ­lich die Linken (einschl. der Grünen), ver­steht sich bei ihm qua­si von selbst. Aber das kommt Poschardt nicht in den Sinn. 

Dass wir nicht mit­ein­an­der ins Gespräch kom­men (was lei­der ein äußerst ernst­zu­neh­men­der Tatbestand ist), muss man bekla­gen und man kann das nicht laut genug tun. Aber was Poschardt hier wie­der ein­mal los­lässt – ver­mut­lich ange­sichts eines Textes oder eines Podcasts, den er irgend­wo mit­be­kom­men hat – über­for­dert mich als jeman­den, der doch ohne Bedingungen zu stel­len bereit ist, ihm und ande­ren, mit denen ich poli­tisch ganz und gar nicht über­ein­stim­me, zuzu­hö­ren. Ein ech­tes Problem ist unse­re Dünnhäutigkeit und unser damit ver­bun­de­nes und noch wach­sen­des Unvermögen, über­haupt mit­ein­an­der in Kontakt zu tre­ten. Schaut euch an, wie bei Mastodon und Bluesky mit Leuten umge­gan­gen wird, die auch nur im Ansatz in eine „fal­sche Richtung” argu­men­tie­ren. Und das damit abzu­tun, dass man nicht erwar­ten kön­ne, dass die­je­ni­gen, die „böse” Dinge sagen, kei­nen Widerspruch erhal­ten, ist ein­fach nur schlimm. Und durch­sich­tig. Es ist eine Schwäche der Linken, die ich nie kom­men gese­hen hät­te. Ja! Das war frü­her ganz anders. Die Debattenkultur ist in irgend­ei­nem der vie­len intel­lek­tu­el­len lin­ken Zirkel wohl heiß­ge­lau­fen und verbrannt.

Ich weiß auch, dass vie­le Linke und Grüne am liebs­ten hät­ten, dass man Leuten wie ihm (und davon gibt’s einen Haufen) am bes­ten gar kein Podium bie­ten soll­te. Ich fra­ge mich nur, wel­ches Demokratieverständnis die­se, ins­be­son­de­re bei BlueSky vor­kom­men­den Heile-Welt-Befürworter wohl haben, wenn sie die Grundlagen einer Demokratie mit ihren hyper­mo­ra­li­schen Ansichten mit Füßen treten. 

Es wird nichts dar­an ändern, wenn irgend­ein klei­ner Blogger über sol­che Dinge schreibt. Wie Poschardt, den­ke ich, könn­te die­se gera­de im Moment wie­der rasant zuneh­men­de Polarisierung zwi­schen rechts und links (waren wir nicht schon über die­sen Punkt hin­aus?) ein böses Ende neh­men. Dazu müs­sen wir nicht in die USA schau­en, son­dern könn­ten unse­re Fantasie ein­set­zen, um das vor unse­rem geis­ti­gen Auge zu sehen, was nach dem kom­men­den Wahlsonntag in Deutschland los sein wird. 

Wie will sich in einer sol­chen Lage eine der­art schwa­che Regierung, die sich sogar eine knap­pe Woche vor die­sem Ereignis wie­der wegen irgend­wel­cher Fürze, die Beteiligte quer­sit­zen haben, an die Gurgel geht, behaup­ten? Und was macht das mit unse­rer Demokratie?

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4 Kommentare

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  1. Spricht mir aus der Seele, dein Beitrag! Habe mich gera­de am the­ra­peu­ti­schen Schreiben ver­sucht, es hilft aber nur ein bisschen.
    Was die Wähler und die auf sie reagie­ren­de Politik angeht, hat Thomas Schmid groß­for­ma­tig ana­ly­siert. Mir fällt es nicht leicht, hier einem Welt-Herausgeber groß­teils zuzu­stim­men, der als sol­cher doch immer­hin dar­an mit­wirkt, was für „Zustände” wir haben!

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