Zwischen Selbstverpflichtung und Selbstaufgabe

stroke="currentColor" stroke-width="1.5" stroke-linejoin="round" stroke-linecap="round" /> 19 Kommentare

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bloggen und zweifeln

Zunehmend begegnen mir auf Blogs kleine, tapfere Bannertexte mit Aussagen wie: „Dieser Blog verzichtet auf KI-generierte Inhalte.“ Na bravo. Will man jetzt schon ein Ehrenabzeichen fürs Selberschreiben?

Ich verstehe ja, dass es bei Künstlicher Intelligenz viele offene Fragen gibt. Datenschutz, Urheberrecht, Verantwortung, gesellschaftliche Folgen. Große Themen, große Debatten. Und klar, es ist gut, sich darüber Gedanken zu machen. Aber diese selbstverpflichtenden Schildchen auf der Startseite sind… sagen wir mal: kindisch.

Als würde ich an meine Haustür ein Schild hängen: „Achtung, hier lebt ein Mensch, der noch selbst denkt!“ Was kommt als Nächstes? Handgeschriebene Tweets? Blogbeiträge mit Blutstropfen signiert?

Alles wird gesagt – aber kaum noch gehört

Ich hadere seit einer Weile mit meinem eigenen Blog. Über 20 Jahre habe ich ihn gepflegt. Getextet, gedacht, gestritten, gelacht. Doch langsam frage ich mich: Warum eigentlich noch?

Das Netz ist voll, übervoll. Die Stimmen werden lauter, schriller, zahlreicher. Und leider (alles in allem) nicht besser. Qualität geht in der Quantität unter. Das meiste ist Meinung auf Autopilot – oft dumm, selten reflektiert. Und in dieser Kakophonie soll man noch Bedeutung finden?

Vielleicht wäre weniger wirklich mehr. Weniger Posts, weniger Geltungssucht, weniger Empörung.

Vielleicht wäre ein Blogsterben nicht das Ende, sondern der Anfang von etwas Heilsamem.

Der Abschied auf Raten?

Natürlich werde ich nicht heute oder morgen aufhören. Dafür hänge ich noch zu sehr an diesem Ort, der über Jahre mein Denkraum war. Aber der Gedanke an einen Abschied liegt wie eine leise Melodie im Hintergrund. Eine, die sich nicht mehr so leicht aus dem Ohr kriegen lässt.

Ob ich wirklich genug Einsicht und Weitblick habe, mich selbst zum Schweigen zu bringen? Keine Ahnung. Vielleicht werde ich das herausfinden – vielleicht auch nicht.

Bis dahin gilt weiter:

Hier schreibt einer, der denkt und zweifelt. Nicht zuletzt an sich selbst.

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19 Gedanken zu „Zwischen Selbstverpflichtung und Selbstaufgabe“

  1. Zitat: „Bis dahin gilt weiter: Hier schreibt einer, der denkt und zweifelt. Nicht zuletzt an sich selbst.“

    Bitte nicht aufhören!

  2. „Weniger ist mehr“ würde doch auch nur funktionieren, wenn es von allem weniger gäbe. Vor allem aber von Lügen, Falschinformationen und Hass. Solange das nicht so ist, kann ich nicht damit konform gehen, dass weniger (Blogs) irgendetwas besser machen würde.

  3. @Horst Schulte: Es ist auch was anderes, wenn man u.a Medien-Analyse betreibt und über Politik schreibt 😉

  4. „Achtung, hier lebt ein Mensch, der noch selbst denkt!“
    Köstlich! Hi Horst, was du bei deinem Hadern vielleicht garnicht einrechnest: Deine „Schreibe“ ist über die Jahre immer besser geworden! Ich bewundere deine Artikel regelmäßig: Tolle Formulierungen, keine Längen, aber auch nicht zu kurz. Du bringst die Dinge auf den Punkt, zeigst auch eigene Ambivalenzen – auch deine Frequenz ist bewundernswert!
    Es mag insgesamt „viel zu viel“ geben – aber viel davon ist eben einfach Schrott, belanglos, langweilig oder dummdreist hetzerisch. Blogs wie deins gibt es keineswegs zu viele! Ich würde es wirklich sehr vermissen!

  5. Blogs sind Selbstermächtigung in Reinform, auf der eigen gestalteten Plattform das zu formulieren, was man zu sagen hat. Ohne auf Gatekeeper-Plattformen angewiesen zu sein.

    Jede Stimme im Netz ist ein Beleg für den Pluralismus, ein Zeichen für die Wirksamkeit des Internets als dezentralen Ort für Kommunikation. Was du beklagst, ist eher das, was daraus gemacht wird. Und das ist ja nicht ein Problem des Internets als Kanal, sondern ein gesellschaftliches.

    Die daraus entstehenden Widersprüche müssen wir als Gesellschaft hinnehmen, wenn kein Interesse an einer progressiven Behandlung der Herausforderungen besteht. „Besser weiß es jeder, besser machen will es keiner“ habe ich mal gelernt und das gilt im Kleinen wie im Großen. Entscheidend ist, dass der eigene Umgang damit nicht dazu führt, dass man Kopf und Herz verschließt.

  6. @ClaudiaBerlin: Das tut mir gut, Claudia. 🙂

    Tolle Formulierungen, keine Längen, aber auch nicht zu kurz. Du bringst die Dinge auf den Punkt, zeigst auch eigene Ambivalenzen – auch deine Frequenz ist bewundernswert!

    Im Grunde genommen könnte ich nur noch Artikel über meine eigene Ambivalenz schreiben. Und das nicht nur bei politischen Fragen. Ob die Zerrissenheit nicht bei allen ein Grund dafür ist, weshalb viele so sauer und unversöhnlich wirken?

  7. @Denis: Das war es jedenfalls, als wir damit angefangen haben. Heute sehe ich mich manchmal als Störenfried. Aber das wäre eigentlich schon vermessen. Die Reichweite all dieser asozialen Netzwerke ist um ein Vielfaches größer als die eines „normalen“ Blogs. So sehr man die Freiheit immerhin phasenweise genießen kann, so eingeschränkt sind die Erfolgschancen für jede gedankliche Intervention.

  8. Nein, nein, Horst, die „Eckkneipe“ hier muss bleiben. 🙂 Und die Ambivalenz ist doch gerade was, was den demokratischen Prozess ausmacht. Du bist eigentlich mit dem deinem Blog der Beweise dafür, dass Blog über Social Media siegt.

    In den guten Blogs geht’s eben nicht um Klicks und schnelle Inhalte, sondern um Reflexion und im besten Fall – wie bei dir – um Selbstreflexion.

  9. Blutsignierte Blogartikel hätte doch was 🙂

    Anscheinend bin ich nicht der Einzige, der dem Bloggen keine große Zukunft mehr einräumt. Ich behaupte mal, dass es im Jahr 2035 deutlich weniger Blogs gibt als heute. Die KI wird uns alle überrollen und in 10 Jahren so gut sein, dass kein Unterschied mehr zwischen KI- und menschengeschriebenen Texten spürbar ist.

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