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Erst vor ein paar Tagen habe ich die Frage gestellt, warum wir beim Wohnungsbau und den hohen Mieten, die wiederum aus dem Versagen im Bereich Wohnungsbau resultieren, so schlecht aufgestellt sind. Antworten darauf habe ich nicht wirklich gefunden, außer, dass ich mir wünschte, die Politik würde dieser Frage Priorität geben. Nun kommt gleich das nächste gesellschaftspolitisch sehr heikle Thema dazu.
Schulversagen auf Rekordniveau – und die Politik schaut weg
Mehr als 64.000 Jugendliche haben 2025 die Schule ohne Abschluss verlassen – das ist ein Anstieg von über einem Drittel innerhalb von nur drei Jahren. In fünf Bundesländern liegt die Quote inzwischen über zehn Prozent. Man könnte sagen: Jedes Jahr füllt sich ein großes Fußballstadion mit jungen Menschen, deren Bildungsweg schon vor dem Start in den Beruf gescheitert ist. Und das mitten in einem Land, das gleichzeitig lautstark über Fachkräftemangel klagt.

Warum das passiert
Die Gründe für den Schulabbruch sind vielschichtig – aber keineswegs unbekannt. Ein zentrales Problem ist das Fehlen von Basiskompetenzen: Wer in der Grundschule Lesen, Schreiben und Rechnen nicht sauber gelernt hat, verliert in der weiterführenden Schule schnell den Anschluss. Hinzu kommen Schülerinnen und Schüler aus geflüchteten Familien, die erst spät ins deutsche Schulsystem eingestiegen sind und dort nie wirklich ankamen. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Stefan Düll, nennt darüber hinaus fehlende Motivation als gewichtigen Faktor: Ein Teil der Jugendlichen sehe schlicht keine zwingende Notwendigkeit für einen Abschluss – weil es auch ohne ihn Optionen gebe, sei es durch Sozialleistungen oder Gelegenheitsjobs.
Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) hatte zu Beginn ihrer Amtszeit gegenüber der Funke-Mediengruppe das Ziel ausgegeben, die Schulabbrecherquote bis 2035 zu halbieren. Dass der Trend bislang weiter in die gegenteilige Richtung geht, findet Bildungsforscher Kai Maaz „angesichts der Bedingungen, unter denen Schulen teilweise arbeiten, überhaupt nicht verwunderlich”.
Quelle
Die Bertelsmann-Stiftung hat bereits 2023 festgestellt, dass die Schulabbruchquote seit über zehn Jahren auf hohem Niveau stagniert – mit Tendenz nach oben. Ohne Abschluss kein Ausbildungsplatz, ohne Ausbildungsplatz kein stabiler Job: Zwei Drittel der jungen Erwachsenen zwischen 20 und 34 Jahren ohne Schulabschluss haben auch keine Berufsausbildung. Die Arbeitslosenquote dieser Gruppe ist fast sechsmal so hoch wie bei Menschen mit Berufsausbildung. Das sind keine abstrakten Statistiken – das sind Lebensläufe, die in einer Sackgasse enden.
Was politisch möglich wäre
Die Antworten auf das Problem liegen nicht in der Schublade, sie liegen auf dem Tisch. Frühkindliche Förderung vor der Schule, mehr Sozialarbeit an Brennpunktschulen, konsequente Sprachförderung vom ersten Schultag an, kleinere Klassen, mehr Lehrkräfte – das alles ist Konsens unter Bildungsforschern. Niedersachsen hat immerhin ein Maßnahmenpaket auf den Weg gebracht: mit zusätzlicher Lernzeit für Basiskompetenzen, individuellen Förderplänen und dem Ausbau schulischer Sozialarbeit. Das ist ein Anfang. Aber eben nur ein Anfang in einem Bundesland.
Die eigentliche Frage: Warum passiert so wenig?
Und hier wird es unangenehm. Schulpolitik ist Ländersache – das bedeutet: 16 zuständige Kultusministerien, 16 unterschiedliche Prioritäten, kaum koordiniertes Handeln. Bildungsinvestitionen wirken erst nach Jahren oder Jahrzehnten – für Politiker, die im Vier-Jahres-Rhythmus denken, ein denkbar unattraktives Betätigungsfeld. Wer heute in Kita-Qualität investiert, erntet die Früchte vielleicht in der nächsten Legislaturperiode – oder gar nicht mehr in seiner eigenen Amtszeit.
Ein Vergleich mit dem Wohnungsbau trifft: Auch dort ist das Problem seit Jahren bekannt, auch dort fehlt es an konsequentem Handeln. Beide Themen haben gemeinsam, dass ihre Lösungen teuer, langsam und politisch wenig glamourös sind. Ein Milliardenprogramm für Schulen macht weniger Schlagzeilen als eine Steuerreform (für Unternehmen!) oder ein Sicherheitspaket. Und so bleibt der Schulabbruch das, was er schon viel zu lange ist: ein bekanntes, benanntes, weitgehend ignoriertes Problem.
Was auf dem Spiel steht
Dabei ist die Rechnung einfach. Wer zulässt, dass jedes Jahr Zehntausende Jugendliche ohne Schulabschluss ins Leben entlassen werden, produziert nicht nur individuelles Scheitern – er produziert dauerhaft Kosten: für Sozialsysteme, für den Arbeitsmarkt, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Bildungsforscher Klaus Klemm nennt das „eine mehr als beunruhigende Vergeudung“ – und hat damit recht. Der neue Höchststand beim Schulabbruch ist kein Naturereignis. Er ist das Ergebnis politischer Entscheidungen – und politischer Unterlassungen.
Wer mehr über den aktuellen Höchststand erfahren möchte, findet die Zahlen bei Correctiv.
Es ist doch immer gut gegangen. Dann kann man es auch weiter so machen.
@juri nello: Unberechtigt ist dein Vorwurf nicht. Helfen tut es auch nicht. Allerdings hilft mein Text ebenso wenig. Das ist mir schon bewusst.
Das ist bedauerlich. Kenne aber auch den Fall das nach Abitur direkt gegründet wird, weil die Ausbildung nicht das richtige für einen ist. Es gibt viele Lebensmodelle und erst im Nachhinein betrachtet sieht man ob etwas gut oder schlecht für einen persönlich war. Schule ohne Abschluss zu verlassen ist auf den ersten Blick betrachtet schlimm aber man kann nie vorhersehen was daraus wird…..
@Willi: Meine Frau hat damals ihre Lehre abgebrochen und was anderes gesucht. So selten war es also nicht, dass Leute sich umorientierten. Sie hatte die Unterstützung ihrer Eltern und sie fand ganz schnell eine neue Lehrstelle. Ich selbst war ein fauler Hund und das änderte sich erst, nachdem ich die Schule durch hatte. Aus mir ist doch noch was geworden 🙂