Vor zwanzig Jahren galten Blogs manchen als neue Gegenmacht zum Journalismus. Heute wirkt diese Vorstellung fast nostalgisch. Während sich Medienstrukturen verändern und Sender verschwinden, kreist ein großer Teil der Blogosphäre vor allem um sich selbst.

Als Jean-Remy von Matt im Jahr 2006 Blogs als „Klowände des Internets“ beschimpfte, fragte ich mich damals, woher er dieses Bild eigentlich hatte. Der Spiegel wertete die heftigen Reaktionen darauf als Beleg für eine wachsende Macht der Online-Community. Die Blogosphäre erschien plötzlich wie ein neuer Ort der Öffentlichkeit, ein Raum, in dem sich Gegenmacht formieren könnte.
Zwanzig Jahre später wirkt diese Debatte fast wie ein Echo aus einer anderen Medienwelt. Damals schien die Vorstellung greifbar, dass Blogs eines Tages den Journalismus herausfordern oder vielleicht sogar überflüssig machen könnten. Eine interessante, vielleicht verführerische Idee für viele Blogger. Der Gedanke, dass engagierte Einzelne mit ihren Stimmen das Gewicht großer Redaktionen ausgleichen könnten, hatte etwas Aufrührerisches, etwas Demokratisches.
Heute fragen wir uns eher, was von dieser vermeintlichen Macht übrig geblieben ist. Boris vergleicht uns und unsere öffentlichen Gedanken mit Plauderrunden im Café und schreibt die Probleme des Journalismus dem zunehmenden Einfluss der Kommerzialisierung zu.
Wenn ich meine eigenen Texte durchschaue, fällt mir etwas auf: Ein großer Teil meiner Beiträge beschäftigt sich direkt oder indirekt mit Journalisten. Mal zustimmend, mal kritisch, mal irritiert. Aber immer im Dialog mit dem, was Journalisten geschrieben, gesagt oder recherchiert haben. Das ist kein Zufall. Ohne Journalismus gäbe es für viele Blogger schlicht weniger Anlass zum Schreiben.
Man könnte es sogar zuspitzen: Wenn der Qualitätsjournalismus weiter ausdünnt, wäre das nicht nur ein Problem für die Öffentlichkeit. Es wäre auch ein Problem für Blogger wie mich. Wir leben – im Guten wie im Schlechten – von dem, was Journalisten hervorbringen. Ihre Themen, ihre Recherchen, ihre Debatten bilden den Resonanzraum, in dem viele Blogs überhaupt erst entstehen.
Vor diesem Hintergrund wirkt die alte Vorstellung, Blogs könnten für Journalisten eine existenzielle Bedrohung darstellen, heute fast ein wenig kurios. Die meisten Journalisten nehmen vermutlich kaum wahr, was wir Blogger schreiben. Und wenn doch, dann wohl eher als Randnotiz.
Ein Teil der Erklärung liegt vermutlich auch bei uns selbst. Die Blogosphäre hat sich im Laufe der Jahre stark nach innen gewendet. Viele der meistgelesenen Texte handeln nicht von Politik, Gesellschaft oder Weltgeschehen, sondern vom Bloggen selbst. Hier ein Beitrag über den Sinn des Bloggens, dort einer über die Performance des eigenen Blogs, dann wieder eine Reflexion über die Zukunft der Blogosphäre.
Man könnte sagen: Wir beobachten uns beim Beobachten.
Währenddessen verändert sich draußen die Medienlandschaft ganz real. Erst gestern wurden neue Strukturentscheidungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk bekannt gegeben. Tagesschau24, One und ARD Alpha sollen eingestellt werden. Politiker äußerten sich bereits lobend über diese Veränderungen. Solange es dauert. Denn selbst nach solchen Einschnitten bleibt Deutschland ein Land mit einem der größten und teuersten öffentlich-rechtlichen Rundfunksysteme der Welt. Und dass die Rundfunkbeiträge tatsächlich sinken werden, wie manche hoffen, erscheint eher unwahrscheinlich.
Zwanzig Jahre nach der „Klowand“-Debatte wirkt der damalige Alarm fast rührend. Blogs haben den Journalismus nicht verdrängt. Sie haben ihn auch nicht ernsthaft gefährdet. Was Blogs können – und manchmal ausgezeichnet können – ist etwas anderes: Sie kommentieren, widersprechen, ergänzen. Manchmal auch schärfer, persönlicher, direkter als es Redaktionen möglich ist.
Aber eine Gegenmacht?
Das war vermutlich immer mehr Hoffnung als Wirklichkeit und ja auch höchstens nur von zeitlich begrenzter Dauer.
Das ist politische Einmischung als Bürger. Und ich bin sicher: Viele, die heute bloggen oder podcasten, tun das nicht aus ökonomischem Kalkül, sondern aus ähnlicher Motivation.

??? Ich vergleiche doch nicht uns (Blogger) mit Plauderrunden unter Freunden im Café.
Ich ziehe lediglich eine Analogie zwischen der (fiktiven) Idee, dass private Plauderrunden im Café als mögliche Gefährdung für Talkshows und Presseclubs im TV gesehen werden könnten, weil Leute tatsächlich einen Gefährdungs-Zusammenhang zwischen (freiem) Bloggen zum Spaß und echtem Journalismus sehen.
Das Posten des heutigen Titelbildes der FNP in meinem Artikel soll zeigen, wie absurd sich Zeitungen in kommerzieller Not inzwischen gebärden, wenn sie den Aufmacher ihres Blatts als ganzseitige Werbung verramschen. Was geradezu absurd ist.
Blogs waren da gar nicht so das Thema. Vor 20 Jahren eroberte nicht nur Facebook den europäischen Raum, sondern auch der tote, blaue Vogel.
Der deutsche Journalismus hatte sich zwar schon vorher ins Aus geschossen, aber gerade die öffentlich Rechtlichen hatten noch ein wenig Restreputation.
Nach 10 Jahren halbwegs benutzbarem Internets (auch in Deutschland), war offenbar nicht damit zu rechnen, dass Leute eine URL aufrufen können.
Folglich las man fortan die Gerüchteküche von Twitter bei Tagesschau und Tagesthemen, Respektive Heute und Heute Journal vor. Gerne gespickt mit indirekter Werbung. Man hat tatsächlich die Teleprompter eingeblendet, um die hippe Grafik von Twitter für sich nutzen zu können. Das waren dann die offiziellen Nachrichten. Nicht mal Urgesteine, wie Wickert haben da interveniert.
Um den Vogel abzuschießen haben sich die Redaktionen noch Preise verliehen. Für das beste Vorlesen von Twitter.
Damals gab es übrigens auch ein Format namens Tagesschau vor 20 Jahren. Da konnte man dann schön Studien betreiben, da selbst deren Wettervorhersage selten daneben lag, was man anhand des Internets schnell recherchieren konnte.
Die duetschen Medienproduzenten hatten ein Problem: Ein Geldproblem. Denn alles, was heute selbstverständlich hinter Bezahlschranken verschwindet, haben die Nachrichtenmacher selbstverständlich so ins Netz gestellt, damit Googelnews darauf auch hinwies. Nicht, dass es auch noch den wesentlich älteren Newstral gegeben hätte und sogar immer noch gibt.
Das waren Ressourcen, die Blogger natürlich gerne nutzten. Das war die Zeit, wo noch der Zwölfjährige Peter Lisa Marie zur Zahlung von 20.000 inzwischen schon Euro verknackt wurde, weil er als 6-Jähriger einen Song bei Napster heruntergeladen hatte. Seine Eltern durften das Auto verkaufen und in eine Sozialwohnung ziehen.
Die natürlich aus NRW stammende Kanzlei Sirius betrieb offiziell die Filesharing Server dazu. Heute ist Sirius Inkasso jedem Schuldner als letzte Instanz vor der Privatinsolvenz bekannt. Neu ist indes der Name: Lowell Group. Das klingt doch viel geschmeidiger.
Wie bei Peter Lisa Marie gedachte man auch mit den Bloggern zu verfahren und alle wegen Missachtung des Urheberrechts zu verknacken. Das lief etwas gegen den Baum, da die Blogdienste eben noch nicht deutschem Recht unterlagen und einige Blogs mehr Reichweite hatten, als Gazetten und Glotzproduzenten zusammen.
10 Folglich dachte und denkt man sich andere Maßnahmen aus, um Geld einzutreiben.
Damals nahm das so groteske Züge an, dass man Blogger zu Journalisten erklären wollte. Das hatte zwar Vorzüge für Kids, die über Spiele berichteten, denn sie kamen so an einen Presseausweis ran und konnten sich an Messebuffets gütlich tun, scheiterte aber in der Gesamtheit, da das Führen eines Tagebuchs eben keine journalistische Tätigkeit darstellt.
Goto 10
Zeitgleich gab es in Deutschland nicht nur einen Skandal. Aber das NSA-Skandälchen besagte, dass Briten und Amis ganz Deutschland abgeschnorchelt hatte. Ähnlich, wie Mielke damals Mitteldeutschland. Heute wäre das normal, bzw. würden sich die Kinder über den Aufwand wundern, den man betrieb. Zum skandal wurde das auch erst, als man rausfand, das auch der abhörsichere Handheld von der damaligen Bundeskanzlerin Merkel betroffen war. Da hörte der Spaß natürlich auf.
Als Konsequenz zahlt die heutige Bundesregierung (also Du) dafür, alle ihre Affären und Staatsgeheimnisse in die Amiklaut zu laden. Der Bürger hat gelernt und macht es ihr nach. Sämtliche privaten Pornos, Nackedeibilder von den Kindern, Affären, Drogen- und Jugendsünden der Republik wandern in die Amiklaut, gegen Bitcoin oder klingende Münze selbstverständlich.
Wenn Du etwas über Deinen Nachbarn wissen willst, frag am besten einen Chinesen. Der kann die Klauts lesen (ist ja auch größtenteils seine Technik), während Dein Direktzugriff als Trollversuch abgelehnt wird.
Goto 10
Heute ist nicht nur jeder Blogger, sondern jeder, der irgendetwas in Netz stellt Contentlieferant und zwar für die KI. Diese gehören entweder reichen Amis oder natürlich Feinden der Demokratie und dummen Nazischweinen, denen man mindestens eine Atombombe aufs Dach knallen müsste.
@Juri Nello: Das ist ja mal eine umfassende negative Sicht auf das Thema. Danke dafür. Aber ich gehe mit alldem nicht so hart ins Gericht. Vielleicht ist der Kelch der Einsicht, an dem du so schwer trägst, an mir vorbeigegangen? Ich schau auf all das und staune, wie unterschiedlich die Sichtweisen auf bestimmte Entwicklungen sind und natürlich, dass du schnell damit bei der Hand bist, uns Systemlinge der Dummheit zu bezichtigen 🙂
@Horst Schulte:
Ich wüsste nicht, dass ich im meinem Text jemanden beleidigt hätte. Ich habe beschrieben, wie es sich (aus meiner Sicht) verhält.
@Juri Nello: Nein, ich bin doch nicht beleidigt. Ich wundere mich nur darüber, dass du alles so grau und irgendwie aussichtslos beschreibst.
Spannender Rückblick auf die alte Blogdebatte. Die Vorstellung, Blogs könnten einmal den Journalismus ersetzen, wirkt heute tatsächlich ziemlich nostalgisch. Trotzdem gibt es noch Aussagen, dass wir kleinen Spaß-Blogger den Publizisten, die davon leben, die sprichwörtliche „Butter vom Brot“ nehmen, weil wir unsere Texte oder Podcasts „für umme“ veröffentlichen.
Ich habe da meine klare Meinung: Nicht-kommerzielle Blogs sind keine Konkurrenz zu Journalisten oder freien Publizisten, die von ihrer Arbeit leben müssen. Sie sind vielmehr eine andere Ebene der Öffentlichkeit: persönliche Perspektiven, Experimente, Diskussionen, manchmal auch Widerspruch. Genau das macht sie demokratisch wertvoll.
Ich habe das kürzlich hier kommentiert.
@Stefan Pfeiffer:
DAS ist witzig. Außerdem dürfte bei diesen Stimmen noch nicht angekommen sein, dass KI ohnehin alles verändern wird. Natürlich auch in diesem Metier. Ich habe das Thema bewusst ganz ausgespart.
Ich habe mich im Leben noch nie in einer Position gesehen, die auch nur irgendwie mit Journalismus zu tun hat. Eigentlich sollte es doch umgekehrt nicht anders sein. Es gibt vielleicht ein paar Blogs, die diese Rolle – gewollt oder nicht – eingenommen haben. Im Prinzip kann ich dir nur zustimmen. Danke für den Link. Den Text muss ich noch lesen.
Bloggen wird als politische Stimme gänzlich überbewertet. Der Schreiber erreicht bestenfalls eine Handvoll politscher Mitblogger, die aber auch kaum seine Texte voll lesen.
Der echte, weil zeitgemässe Blogger, berichtet über seine Veranda und was er da nun im Frühjahr pflanzt.
Das hat sich m.e. also ziemlich gedreht.
wenn ich über Schwebfliegen schrieb, erntete ich oft nur ein „schön“. Ein politischer Text aber erfährt auch des öfteren nur ein „interessant“.
ich sehe das politische Bloggen als Schreibübung. Wer etwas ausdrücken möchte, muss eine gute Ahnung davon haben, wenn er darüber schreibt. Es erzieht und trainiert ihn.
@Gerhard: Hallo Gerhard, wer genau meint eigentlich, Bloggen werde „gänzlich überbewertet“? Dass das Format seit Jahren an Relevanz verliert, ist ja ein alter Hut, der – ironischerweise – vor allem in Blogs rauf und runter diskutiert wurde. Es ist auch nichts Neues, dass viele das Handtuch werfen, sobald sie der ewig gleichen, inhaltsleeren Kommentare müde sind.
Oft schreibt man eben aus purer Freude am Wort. Dabei geht es gar nicht um Expertenwissen, sondern vielmehr um Originalität und im besten Fall um gute Unterhaltung. Bloggen als reine Schreibübung? Absolut legitim! Für mich persönlich bleibt es – wie wir schon oft besprochen haben – ein Hobby, das rein aus einer intrinsischen Motivation heraus entsteht. Gerade in der heutigen Zeit helfen mir meine Themen dabei, Zusammenhänge besser zu verstehen; in gewisser Weise ist das Bloggen für mich also auch eine Form der Selbsttherapie.
Das Dumme, aber auch gleichzeitig das Schlaue ist ja, das „Journalist“ kein geschützter Titel ist.
Es ist also Auslegung des Rechts, ob Du eine Konkurrenz bist oder ob der Onkel nur Spaß machen will.
Ich kann nur jedem raten, seinen eigenen Blog nicht in der EU oder der USA zu hosten, denn irgendwann ist der Kipppunkt erreicht. Und dann entscheiden die Anwälte, was Du zu zahlen hast und ob Du Dein Haus oder Auto noch behalten darfst oder kannst.
Das läuft ab, wie bei der Vorratsdatenspeicherung. Die Salamischeiben für das Äußere, der Kunde zahlt aber die ganze Salami, doppelt und dreifach.
@Juri Nello: Und des Selbstverständnisses. Ich schreibe, fühle mich aber natürlich kein Stück als Journalist. Soweit, wie du nun wieder abtauchst in die dunkle Zukunft der Demokratie, gehe ich nicht mit. Aber vielleicht hören sie ja auf uns und verbieten irgendwann das Internet ganz. Käme ich da klar? Man weiß es nicht.