
Was uns heute neu erscheint, war 1992 schon da
Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk hat auf Bluesky einen Fund aus der „Weltbühne“ vom 29. September 1992 geteilt. Dazu schreibt er einen Satz, über den man ruhig einen Moment nachdenken kann: „Neu ist heute vor allem das nicht, was die Zeitgenoss*innen heute als neu wahrnehmen.“
Das klingt zunächst ein wenig verknotet. Gemeint ist: Vieles von dem, was wir heute als neue gesellschaftliche Entwicklung diskutieren, war in seinen Grundzügen längst vorhanden. Man muss nur weit genug zurückblättern.
Deutschland war schon 1992 nicht ganz bei sich
Das Fundstück ist dafür tatsächlich bemerkenswert. Verschiedene Persönlichkeiten vervollständigten damals den Satz „Deutschland ist …“. Darunter Maxim Biller, Tamara Danz, Gregor Gysi, Heinz Knobloch, Angela Merkel und Wolfgang Ullmann.
Gerade die Aussagen von Merkel und Gysi fallen aus heutiger Sicht ins Auge. Merkel schrieb nur zwei Jahre nach der Wiedervereinigung über Verlustängste im Westen und den schwer zu verkraftenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbruch im Osten. Sie mahnte gegenseitiges Verständnis an und sprach vom notwendigen sozialen Frieden.
Gysi formulierte wesentlich schärfer. Deutschland sei „staatlich vereinigt, gesellschaftlich gespalten“. Das war 1992.
Und Heinz Knobloch brachte es auf einen wunderbar lakonischen Satz: Deutschland sei „das Land, in dem sich fast alles wiederholt“.
Man möchte hinzufügen: Offenbar auch die Debatten darüber.
Aber Vorsicht mit den großen Schlüssen
So interessant Kowalczuks Fund ist: Als Nachweis dafür, dass „die Ostdeutschen“ bereits 1992 genauso gedacht hätten wie heute, taugt er nicht.
Das Blatt zeigt keine repräsentative Meinungsumfrage, sondern ausgewählte Stellungnahmen einzelner Personen. Wir erfahren daraus etwas über den damaligen öffentlichen Diskurs, aber nichts Verlässliches darüber, wie verbreitet diese Auffassungen in der Bevölkerung waren.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Was das Dokument dagegen sehr wohl zeigt: Viele Konfliktlinien, die heute gern als Folge jüngerer Krisen erklärt werden, waren unmittelbar nach der Wiedervereinigung bereits sichtbar. Die Transformationsforschung beschäftigt sich seit Langem mit diesen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Langzeitwirkungen. Kowalczuk selbst hat daran mitgearbeitet.
Die Vergangenheit macht die Gegenwart komplizierter
Vielleicht liegt darin der eigentliche Wert solcher Fundstücke. Sie widerlegen keine heutigen Erklärungen. Aber sie zwingen dazu, vorsichtiger mit ihnen umzugehen.
AfD, Flüchtlingskrise, Corona, Ukrainekrieg oder die wirtschaftlichen Probleme unserer Zeit können vorhandene Einstellungen verstärkt, verändert oder politisch gebündelt haben. Sie müssen sie deshalb allerdings noch lange nicht hervorgebracht haben.
Manchmal lohnt es sich, eine alte Zeitung aufzuschlagen. Die Gegenwart sieht danach plötzlich ein bisschen weniger neu aus.
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