
Am 7. Oktober 2023 geschah etwas, für das mir auch drei Jahre später die richtigen Worte fehlen. Vielleicht gibt es sie nicht.
Hamas-Terroristen und andere bewaffnete Gruppen drangen nach Israel ein. Sie ermordeten Menschen in ihren Häusern, in Kibbuzim und auf einem Musikfestival. Mehr als 1.200 Israelis und ausländische Staatsangehörige wurden getötet, 251 Menschen als Geiseln nach Gaza verschleppt. Frauen, Männer, Kinder und alte Menschen. Die Vereinten Nationen dokumentierten Folter, grausame Behandlung und sexuelle Gewalt gegen Geiseln. Nichts davon lässt sich mit Besatzung, Siedlungspolitik oder der Vorgeschichte dieses Konflikts rechtfertigen. Nichts.
Gerade wir Deutschen sollten verstehen, was dieser Tag für Israelis und für Juden überall auf der Welt bedeutet hat. Der Holocaust liegt historisch bald ein Jahrhundert zurück. Für jüdische Familien ist er deshalb noch lange keine abstrakte Geschichtsstunde. Die Erfahrung, dass Juden verfolgt und ermordet werden, weil sie Juden sind, gehört zu Familiengeschichten und zur kollektiven Erinnerung. Und dann geschieht am 7. Oktober dieses Massaker. In Israel. In jenem Staat, dessen zentrale historische Aufgabe es auch ist, Juden einen Ort zu geben, an dem sie sicher sind.
Ich finde, wir sollten uns hüten, darüber allzu schnell hinwegzugehen, nur weil inzwischen andere Bilder unsere Wahrnehmung dieses Krieges bestimmen.
Und währenddessen wurde in Berlin gefeiert
Zu den Bildern dieses 7. Oktober gehören für mich allerdings auch jene aus Deutschland. Vielleicht haben mich manche von ihnen gerade deshalb so verstört, weil sie nicht aus Gaza, Beirut oder irgendeinem fernen Krisengebiet kamen, sondern aus Berlin.
Während in Israel noch Menschen ermordet wurden, während Eltern nicht wussten, ob ihre Kinder tot oder in die Hände der Hamas gefallen waren, wurden auf der Sonnenallee in Berlin-Neukölln Süßigkeiten verteilt. Die Berliner Polizei traf dort drei Personen beim Verteilen von Backwaren mit Bezug auf den Hamas-Angriff an und leitete eine Strafanzeige wegen des Verdachts der Belohnung und Billigung von Straftaten ein. Ein Fernsehteam, das die Aktion filmte, wurde nach Angaben der Polizei von Unbekannten bedroht und aufgefordert, seine Aufnahmen zu löschen. An Häusern fanden die Beamten Plakate mit Maschinengewehren und palästinensischen Fahnen. Am Abend folgten israelfeindliche Parolen; später wurden Polizisten mit Flaschen beworfen.
Ich weiß nicht, wie man solche Bilder betrachten und einfach zur Tagesordnung übergehen konnte.
In einem Land, das die Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden in seiner Geschichte trägt, feiern Menschen auf offener Straße einen Terrorangriff, bei dem Juden ermordet wurden. Sie verteilen Süßigkeiten, während anderswo Eltern gerade erfahren, dass ihre Kinder erschossen wurden. Das ist für mich keine politische Meinungsäußerung, keine Kritik an der israelischen Regierung und erst recht keine Solidarität mit den Palästinensern. Es ist die öffentliche Verherrlichung eines Verbrechens.
Selbst Bundeskanzler Olaf Scholz fand damals ungewöhnlich deutliche Worte. Wer die Verbrechen der Hamas verherrliche, Mord und Totschlag billige oder eine Terrororganisation wie die Hamas unterstütze, müsse mit den Mitteln des Rechtsstaates zur Rechenschaft gezogen werden. Die Bundesregierung kündigte daraufhin das Verbot von Hamas-Aktivitäten und Samidoun an. Wenige Wochen später trat es in Kraft; Samidoun Deutschland wurde aufgelöst.
Wer Terror feiert, muss mit Konsequenzen rechnen
Für mich hätte die Debatte allerdings weitergehen müssen.
Wer in Deutschland Schutz und ein Aufenthaltsrecht genießt und gleichzeitig öffentlich die Ermordung jüdischer Zivilisten bejubelt oder terroristische Organisationen unterstützt, wirft eine Frage auf, der sich ein demokratischer Staat nicht aus Bequemlichkeit entziehen darf: Kann und soll diese Person weiterhin ein Aufenthaltsrecht in Deutschland besitzen?
Dabei darf es selbstverständlich nicht um Herkunft, Religion oder pauschale Verdächtigungen gehen. Millionen Muslime und Menschen arabischer Herkunft in Deutschland haben mit solchen widerwärtigen Szenen nichts zu tun. Und selbstverständlich ist auch schärfste Kritik an der israelischen Regierung kein Grund für irgendwelche ausländerrechtlichen Konsequenzen. Das muss in einem freien Land möglich sein.
Aber Terrorverherrlichung ist etwas anderes.
Wer die Ermordung von Zivilisten feiert, antisemitische Straftaten begeht oder eine Terrororganisation unterstützt, überschreitet eine Grenze. Bei deutschen Staatsbürgern ist das Sache des Strafrechts. Bei ausländischen Staatsangehörigen muss zusätzlich geprüft werden, ob die Voraussetzungen für aufenthaltsrechtliche Konsequenzen bis hin zur Ausweisung und – wo sie rechtlich tatsächlich möglich ist – Abschiebung vorliegen.
Das ist keine Forderung, Menschen wegen einer unerwünschten Meinung aus Deutschland zu entfernen. Ein Rechtsstaat darf das nicht. Es geht um konkretes Verhalten und darum, die vorhandenen gesetzlichen Möglichkeiten tatsächlich anzuwenden. Schon wenige Tage nach dem Massaker erklärte die Bundesregierung im Bundestag, alle rechtlichen Möglichkeiten zur Ausweisung von Hamas-Unterstützern nutzen zu wollen.
Ich finde diesen Unterschied wichtig. Ein Rechtsstaat darf nicht Menschen nach Gesinnung außer Landes schaffen. Er darf schon gar nicht ganze Bevölkerungsgruppen unter Generalverdacht stellen. Aber er muss auch nicht so tun, als sei das öffentliche Feiern eines antisemitischen Massakers eine etwas geschmacklose politische Meinungsäußerung, die man achselzuckend hinzunehmen habe.
Gerade Deutschland nicht.
Und vielleicht liegt darin einer der bittersten Widersprüche jener Tage: Während Juden in Deutschland nach dem schlimmsten Massaker an Juden seit der Shoah wieder Angst hatten, sich als Juden erkennen zu geben, diskutierten wir darüber, wie viel Verständnis denjenigen entgegenzubringen sei, die dieses Massaker auf deutschen Straßen feierten.
Mein Verständnis hält sich bis heute in sehr engen Grenzen.
Das Grauen wird nicht kleiner, wenn wir über Gaza reden
Und trotzdem beginnt genau hier der schwierige Teil.
Denn nichts von dem bisher Geschriebenen kann rechtfertigen, was uns in den folgenden Jahren an Bildern aus Gaza erreicht hat.
Ich habe in den vergangenen Jahren immer wieder mit meiner eigenen Ambivalenz gerungen. Ziemlich ausführlich etwa in meinem Beitrag „Jüdisches Leben schützen. Palästinensisches Leben auch.“
Vielleicht steckt in diesem Titel bereits fast alles, was ich heute dazu sagen kann.
Das Grauen des 7. Oktober wird keinen Deut kleiner, wenn wir über Gaza sprechen. Aber das Umgekehrte gilt eben auch.
Das Leid der Menschen in Gaza wird nicht geringer, weil die Hamas diesen Krieg mit einem barbarischen Terrorangriff ausgelöst hat. Palästinensische Kinder tragen keine Verantwortung für ermordete Israelis. Eine Mutter in Gaza ist nicht verantwortlich für die Vergewaltigungen des 7. Oktober. Ein alter Mann, dessen Haus zerstört wurde, ist nicht Hamas, nur weil Hamas über viele Jahre den Gazastreifen beherrschte.
Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza wurden seit dem 7. Oktober 2023 bis Juni 2026 mehr als 72.000 Palästinenser als getötet gemeldet. Die UNO weist darauf hin, dass die Gesamtzahlen nicht vollständig unabhängig verifiziert werden konnten. Unter den identifizierten Toten befinden sich sehr viele Kinder. Gleichzeitig wurden weite Teile der zivilen Infrastruktur zerstört und große Teile der Bevölkerung wiederholt vertrieben.
Zahlen können dieses Elend ohnehin nur unzureichend beschreiben. 72.000 Tote sind eine Zahl. Ein totes Kind ist eine Geschichte. Zehntausende tote Kinder sind Zehntausende Geschichten, die nicht mehr erzählt werden.
Ich habe schon Anfang 2025 in „Gazas Zerstörung und die Reaktionen ganz normaler Antisemiten“ über diesen für mich kaum auflösbaren Widerspruch geschrieben:
Man kann das Massaker der Hamas kennen, es verabscheuen und trotzdem beim Anblick der Zerstörung Gazas Mitgefühl empfinden. Warum sollte das eine das andere ausschließen?
Auch das Westjordanland gehört zu dieser Geschichte
Über Gaza wird wenigstens gesprochen. Das Westjordanland verschwindet dagegen immer wieder aus unserem Blick.
Dabei haben Gewalt, israelische Militäroperationen, Siedlerangriffe, Vertreibungen und Einschränkungen des täglichen Lebens dort seit dem 7. Oktober erheblich zugenommen. Noch 2026 berichtete die UNO von getöteten und verletzten Palästinensern, von Angriffen extremistischer Siedler und von Familien, die ihre Häuser verlassen mussten. Allein seit Beginn des Jahres 2026 waren bis Ende Juli 76 Palästinenser durch israelische Kräfte oder Siedler getötet und mehr als 1.600 verletzt worden. Auch Israelis wurden bei palästinensischen Angriffen getötet und verletzt.
Auch hier gilt etwas, das eigentlich banal sein müsste: Terror gegen Israelis rechtfertigt keine Gewalt gegen unbeteiligte Palästinenser. Und israelische Gewalt rechtfertigt keinen Terror gegen Israelis.
Warum fällt uns dieser Satz inzwischen so schwer?
Vielleicht weil dieser Konflikt seit Jahrzehnten davon lebt, dass die Toten der eigenen Seite Namen und Gesichter haben und die Toten der anderen irgendwann nur noch Zahlen sind.
Und dann der Libanon
Der 7. Oktober setzte außerdem eine regionale Eskalation in Gang, deren Folgen weit über Israel und Gaza hinausreichen. Die Hisbollah eröffnete am 8. Oktober 2023 eine weitere Front gegen Israel. Zehntausende Israelis mussten den Norden ihres Landes verlassen. Raketen und Drohnen wurden auf israelische Städte und Ortschaften abgefeuert. Auch israelische Zivilisten starben.
Israel reagierte mit massiven Angriffen im Libanon. Die Eskalation von 2024 und die erneuten schweren Kämpfe 2026 haben dort ungeheures Leid angerichtet. Die UNO berichtete im Juni 2026 von mehr als 3.500 Toten innerhalb weniger Monate, über 10.000 Verletzten und nahezu einer Million Vertriebenen. Wohnviertel wurden zerstört, Krankenhäuser und andere Infrastruktur getroffen.
Auch dort leben nicht „die Hisbollah“.
Dort leben Menschen.
Dieser Unterschied scheint im Krieg regelmäßig als Erstes verloren zu gehen.
Der 7. Oktober darf niemals verschwinden
Vielleicht besteht eine der Gefahren unserer heutigen Debatte darin, dass inzwischen zwei vollkommen unterschiedliche Erzählungen entstanden sind.
In der einen beginnt die Geschichte am 7. Oktober. Alles, was danach geschah, erscheint als notwendige Konsequenz dieses Tages.
In der anderen beginnt die Geschichte mit Gaza, Besatzung und Siedlungen. Der 7. Oktober wird zur Vorgeschichte verkleinert, manchmal relativiert und von manchen sogar als vermeintlicher „Widerstand“ umgedeutet.
Beides halte ich nicht aus.
Der 7. Oktober war kein legitimer Widerstand. Das gezielte Ermorden, Verschleppen, Misshandeln und die sexuelle Gewalt gegen Menschen sind Terror. Wer daraus eine Befreiungsaktion macht, hat jeden moralischen Kompass verloren.
Aber aus dem Terrorangriff der Hamas folgt ebenso wenig, dass jede militärische Antwort Israels legitim wäre. Selbstverteidigung kennt nach dem Völkerrecht Grenzen. Zivilisten verlieren ihren Schutz nicht dadurch, dass in ihrer Nachbarschaft Terroristen leben.
Mit diesem Widerspruch habe ich mich auch in „Zwischen Schuld und Solidarität – Charlotte Knobloch, Deutschland und die Gaza-Debatte“ beschäftigt:
Deutschlands Geschichte verpflichtet uns zur Solidarität mit jüdischem Leben und zur Sicherheit Israels. Aber sie kann doch nicht bedeuten, dass wir gegenüber dem Leiden anderer Menschen unempfindlich werden.
Das wäre eine merkwürdige Lehre aus unserer Geschichte.
Vielleicht liegt die eigentliche Prüfung woanders
Ich glaube inzwischen, dass wir uns in dieser Debatte viel zu oft dazu drängen lassen, uns für eine Seite zu entscheiden.
Ich will das nicht.
Ich möchte an die israelische Mutter denken dürfen, deren Kind am 7. Oktober ermordet wurde. An die Familien der Verschleppten. An Menschen, die Stunden in Schutzräumen ausharrten, während draußen Terroristen von Haus zu Haus gingen. Und ich möchte verstehen, warum dieser Tag bei vielen Israelis eine existentielle Angst ausgelöst hat, die für uns Deutsche vielleicht kaum nachzuempfinden ist.
Ich möchte an die jüdische Familie in Deutschland denken, die nach dem Massaker erleben musste, wie Menschen in Berlin Süßigkeiten verteilten. Wie muss sich das angefühlt haben? Ausgerechnet hier.
Aber ich möchte ebenso an die Mutter in Gaza denken, die ihr Kind unter Trümmern verloren hat. An palästinensische Familien im Westjordanland, die Angst vor bewaffneten Siedlern haben. An libanesische Familien, die zum wiederholten Mal ihre Häuser verlassen mussten.
Keine dieser Tränen löscht die anderen aus. Vielleicht ist das die einfachste und zugleich schwierigste Erkenntnis dieses seit Jahrzehnten andauernden Konflikts. Juden sind nicht Netanjahu. Palästinenser sind nicht Hamas. Libanesen sind nicht Hisbollah.
Und ein ermordetes israelisches Kind und ein getötetes palästinensisches oder libanesisches Kind stehen in keinem Wettbewerb darum, wessen Tod uns mehr berühren darf.
Drei Jahre nach dem 7. Oktober bleibt deshalb nicht nur die Frage, wie dieser Konflikt irgendwann beendet werden kann. Es bleibt auch die Frage, was er mit uns gemacht hat.
Wer am 7. Oktober Süßigkeiten verteilte, weil Israelis ermordet wurden, offenbarte eine erschreckende Verachtung menschlichen Lebens. Wer angesichts zehntausender getöteter Palästinenser jedes Mitgefühl verweigert, sollte sich allerdings fragen, ob er nicht demselben verhängnisvollen Mechanismus erliegt: Das Leben des anderen zählt weniger, weil er zur falschen Seite gehört.
Diesen Gedanken möchte ich nicht akzeptieren. Bei niemandem. Wenn wir beim Leid der Menschen zuerst danach fragen, zu welcher Seite sie gehören, haben wir vielleicht schon mehr verloren, als uns bewusst ist. Der 7. Oktober 2023 darf niemals vergessen oder relativiert werden. Gaza ebenso wenig. Das Westjordanland nicht. Der Libanon nicht.
Vielleicht beginnt Menschlichkeit genau dort: all das gleichzeitig auszuhalten und den Hass auf einzelne Gruppen und Ethnien nicht zuzulassen.
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