Die Eigentlichkeit des heißen Windes

Die Eigentlichkeit hat Ausgang

Es gibt Silben und Wörter wie „äh“, „gell“, „wollen wir mal sagen“ und so ähnlich, die nerven die Leute, wenn sie zu häufig vorkommen. »Eigentlichkeit« ist insofern ein besonderes Wort. Es klingt, als müsse man vor seiner Benutzung erst Heidegger entstauben und bei Adorno nachlesen. Ein Wort, das schreitet. Aber vielleicht ist das auch nur Gehäuse oder etwas wie ein Transportmittel für etwas weniger Anspruchsvolles?

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Wolfram Weimer scheint dieses Wort besonders liebgewonnen zu haben. Nicht beiläufig, nicht wie man ein gutes Wort gelegentlich aus der Schublade holt, sondern eher wie ein Erbstück, das bei jeder Familienfeier auf den Tisch muss. Die Eigentlichkeit sitzt dann da, zwischen Bürgerlichkeit, Kultur, Heimat, Demokratie und all den anderen Begriffen, die bei offiziellen Anlässen gern ein wenig feierlich das Kinn heben.

Man möchte fast sagen: Die Eigentlichkeit ist bei Weimer nicht nur ein Begriff. Sie ist ein Haustier. Sie wird gefüttert, ausgeführt, vorgezeigt und gelegentlich an ein Gehäuse gebunden.

Das Gehäuse als Mehrzweckmöbel

Neben der Eigentlichkeit gibt es bei Weimer noch dieses andere schöne Wort: «Gehäuse». Auch das ist kein schlechtes Wort. Man glaubt als jemand, der die Nachrichten regelmäßig verfolgt und Weimer schon häufig in Talkshows (vor der Amtsübernahme) erlebt hat, nicht, beide Wörter noch nie gehört zu haben. Soviel zur Aufmerksamkeitsspanne älterer Männer bei Vorträgen so wichtiger Menschen.

Ein Schneckenhaus ist ein Gehäuse. Ein Uhrwerk hat ein Gehäuse. Manche Computer auch. Da weiß man, woran man ist. Es schützt etwas, es umfasst etwas, es hält die Innereien zusammen, damit nicht alles klappert.

Bei Weimer aber macht auch das „Gehäuse“, wenn man Niggemeiers akribische Sammlung von Weimer-Zitaten eine erstaunliche Karriere. Mal ist es das Gehäuse der Demokratie, mal das der Literatur, mal das der Bürgerlichkeit, mal das der Identität.

Natürlich klingt das auf den ersten Blick nach Bildung, unserem ach so bedeutenden Kulturgut – trotz anderslautender Behauptungen – nur nicht in Deutschland. Man fragte sich angesichts der schablonenhaften Wiederholungen, ob da wirklich ein Haus steht oder nur ein Prospekt vom Architekten ausliegt.

Der Satz, der alles sagt

An dieser Stelle gehört der Satz hin, der in seiner Bosheit fast schon eine kleine Kulturstaatsrevolution ist:

Niggermeier schreibt:

»Wolfram Weimer ist ein Großproduzent heißer, nach Intellektualität riechender Luft, und die Eigentlichkeit seines Gehäuses ist ein Gebläse.«

Mehr muss man eigentlich nicht sagen. Aber natürlich sagt man trotzdem etwas, denn auch heiße Luft will beschrieben werden, wenn sie so kunstvoll aufsteigt.

Der Satz trifft, weil er nicht nur spottet. Er legt den Mechanismus frei. Da wird Sprache nicht eingesetzt, um etwas klarer zu machen. Sie wird eingesetzt, um etwas bedeutender wirken zu lassen. Journalisten können das wie Politiker. Weimer ist beides.

Man riecht und schmeckt Bildung, Herkunft, Tiefe, Abendland. Wenn sich aber der Nebel lichtet, steht dort manchmal nur ein Satz, dem man anhört, dass er sich wichtiger nimmt als seine Aussage.

Die Absicht hinter dem Nebel

Man sollte Weimer nicht unterschätzen. Diese Sprache ist kein Versehen. Natürlich ist sie nicht bloß ein Ausrutscher – dagegen spricht die pure Zahl der von Niggemeier ermittelten Nennungen. Im deutschen Feuilletonnebel erfüllt sie eine Funktion.

Die Eigentlichkeit soll den Halt geben, den diese unruhigen Zeiten nicht bieten. Sie sagt: Hinter dem Lärm unserer Gegenwart gibt es noch einen Kern. Hinter den Zumutungen der Moderne steht etwas Gewachsenes. Nein, Konservativismus ist nichts Schlimmes. Wenn er glaubwürdiger wäre, würde man nicht zweifeln.

Hinter dem politischen Streit ruht eine bürgerliche Ordnung, die man nur wieder freilegen musste, so denken Weimer und sicher auch sein Freund Kanzler Friedrich Merz. Das ist die konservative Botschaft, die zwischen Eigentlichkeit und Gehäuse wieder ihren Platz einnehmen sollte. Links isch over.

Oder beginnt das Problem dort, wo dieser Kern nicht klar benannt wird? Was genau ist diese Eigentlichkeit? Wer gehört zu ihr? Ist die Eigentlichkeit ein konservatives Versprechen oder nicht eher eine kulturelle Zugangskontrolle?

Andererseits: Jeder kann etwas Eigenes hineinhören. Die einen hören Heimat. Die anderen Bildung. Wieder andere Bürgerlichkeit, Nation, Kultur, Abendland oder einfach nur gepflegtes Auftreten beim Empfang mit Schnittchen. Die Eigentlichkeit ist ein sprachlicher Spiegel im schweren Rahmen. Jeder schaut hinein und findet sich selbst ein Stückchen klüger.

Bürgerlichkeit im Duftzerstäuber

Weimers Marotte wirkt so aufbereitet, wie Niggemeier dies bei Übermedien getan hat, deshalb so komisch, weil sie ausgerechnet das beschwört, was sie sprachlich unterläuft. Eigentlichkeit soll Echtheit bedeuten, das Unverstellte, das Wesentliche. Etwas von Grund auf Konservatives. Nur wird es durch exzessive Nutzung nicht echt, sondern es wirkt künstlich und derart ausgeleuchtet, bizarr und auf mich sehr komisch. Parfümierte Rede überzeugt nicht. Weimer sollte das wissen.

So wird aus Eigentlichkeit eine Art Duftzerstäuber der Bürgerlichkeit. Einmal sprühen, und schon riecht auch ein ziemlich gewöhnlicher Gedanke nach Bibliothek, Ledersessel und staatsmännischer Innerlichkeit. Das ist nicht verboten. Es ist nur komisch. Und ein wenig durchschaubar.

Sprache kann vieles. Sie kann klären, wärmen, verletzen, trösten, verführen. Sie kann auch blenden. Gerade politische Sprache liebt Spielereien dieser Art. Sie stellt sich gern auf die Zehenspitzen, wenn sie merkt, dass ihr die Argumente etwas knapp geraten sind.

Wenn der Begriff größer ist als der Gedanke

Natürlich darf ein Kulturpolitiker große Wörter benutzen. Wer von Kultur spricht, muss nicht im Jargon einer Gebrauchsanweisung reden. Ein bisschen Pathos schadet nicht. Aber Pathos braucht Bodenhaftung.

Bei Weimer scheint die Eigentlichkeit genau an diesem Punkt interessant zu werden. Sie soll Tiefe anzeigen, aber das kann nicht gelingen, wenn die Nutzung auf diese Art und Weise entlarvt wird. Sie soll den Eindruck vermitteln, dass hier jemand nicht bloß regiert, sondern aus einem konservativen Bewusstsein heraus redet. Das kann man natürlich machen. Man sollte dann aber damit rechnen, dass jemand fragt. Niggemeier hat das gewissermaßen gemacht. Wenn ich mich nun in Weimars Lage hineinversetze, würde ich mich verdammt brüskiert fühlen.

Das kleine Glück der Entzauberung

Wahrscheinlich brauchen wir solche Sprachmarotten sogar. Sie können uns u.a. daran erinnern, genauer hinzuhören. Gute Reden sind nicht an der Tagesordnung. Nicht jeder kann reden wie einst Richard von Weizsäcker, Franz-Josef Strauß oder Barack Obama, Joschka Fischer und Gregor Gysi.

Nicht jedes Wort trägt einen schweren Gedanken. Nicht jede intellektuelle Duftnote stammt aus der Bibliothek. Manchmal fliegt sie uns an und kommt geradewegs aus der Nebelmaschine.

Weimers Eigentlichkeit ist darum ein schönes Beispiel für eine politische Sprache, die sich vielleicht nach Substanz sehnt und dabei doch Gefahr läuft, selbst als Inszenierung aufgefasst zu werden.

Und so bleibt am Ende die heitere Erkenntnis: Wer ständig von Eigentlichkeit spricht, muss sich gefallen lassen, dass andere vielleicht sogar erst nach Jahren nach der Uneigentlichkeit seiner Intentionen fragen. Das ist vielleicht ein bisschen böse. Aber damit ist zu rechnen.

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Rentner, Autor, Blogger und Hobbyfotograf

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt (aus Liebe) auf dem Land.

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