Die Großen und die viel zu Unbekannten – von Reinhard Mey zu Frizz Feick

Reinhard Mey veröffentlicht mit 83 sein 30. Studioalbum – nur Stimme und Gitarre. Während ich „Schatzhauser“ höre, denke ich an einen anderen Musiker, dessen Arbeit mich seit mehr als zehn Jahren begleitet: Frizz Feick. Über große Namen, leise Töne und Künstler, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätten.

reinhard-mey-frizz-feick-liedermacher

Reinhard Mey ist 83 Jahre alt. Heute ist sein 30. Studioalbum erschienen. Ich höre „Schatzhauser“ gerade zum ersten Mal und könnte jetzt versuchen, mich an einer möglichst ausgewogenen Rezension abzuarbeiten. Kann ich mir sparen. Ich bin seit Jahrzehnten Mey-Fan. Objektivität wäre an dieser Stelle ungefähr so glaubwürdig wie die Behauptung, ich hätte mit Musik eigentlich nicht viel am Hut.

Und trotzdem überrascht mich dieses Album.

Mehr braucht es offenbar nicht

13 Lieder. Reinhard Mey. Seine Stimme. Seine Gitarre.

Das war’s im Wesentlichen.

Keine großen Arrangements, kein Orchester, keine Streicher, die uns vorsorglich mitteilen, wann wir gerührt sein sollen. Kein musikalischer Zierrat, der vielleicht beweisen müsste, dass ein 83-Jähriger auch im Jahr 2026 noch zeitgemäß klingen kann. Mey braucht diesen Beweis nicht.

„Schatzhauser“ ist tatsächlich sein erstes Studioalbum, das er ganz allein aufgenommen hat. Fast sechzig Jahre nach seiner ersten LP kehrt er damit gewissermaßen zu dem Bild zurück, das viele von uns ohnehin seit Ewigkeiten mit ihm verbinden: ein Mann, eine Gitarre und Lieder, bei denen das Entscheidende zwischen den Tönen liegt. Auf seinen früheren Studioalben gab es – auch wenn er sich selbst auf der Gitarre begleitete – fast immer dezente Instrumentierungen, Begleitmusiker oder Streicher- und Bläserarrangements. Das Album erschien heute, am 25. September 2026, und enthält 13 Stücke.

Vielleicht ist diese Reduktion gerade deshalb so überzeugend, weil Mey niemandem mehr etwas beweisen muss. Er singt über Erinnerungen, das Leben, den Tod, über Verlust und Liebe. Also über das, worüber er eigentlich immer gesungen hat. Nur dass die Worte eines 83-Jährigen zwangsläufig ein anderes Gewicht bekommen.

Das Alter hört man seiner Stimme an. Natürlich hört man es. Alles andere wäre auch merkwürdig. Aber genau darin liegt für mich ein Teil der Schönheit dieses Albums. Stimmen müssen nicht jung bleiben. Sie dürfen gelebt klingen.

Einer, der mich mein Leben lang begleitet

Über Reinhard Mey muss ich eigentlich nichts mehr erklären. Fast sechs Jahrzehnte umfasst sein Werk inzwischen. 30 Studioalben, zahllose Konzerte und Lieder, die längst zum kulturellen Inventar dieses Landes gehören. „Über den Wolken“ kennt vermutlich auch derjenige, der behauptet, mit Reinhard Mey überhaupt nichts anfangen zu können.

Mich haben oft gerade die anderen Lieder stärker berührt. Die persönlichen, nachdenklichen, manchmal politischen. Im vergangenen Jahr habe ich hier über „Nein, meine Söhne geb’ ich nicht“ geschrieben – ein Lied von 1986, über das fast vierzig Jahre später plötzlich wieder heftig gestritten wurde.

Das ist vielleicht eine der großen Leistungen Meys. Seine Lieder sind nicht bloß Erinnerungsstücke für Menschen meines Alters. Manche tauchen Jahrzehnte später plötzlich wieder auf und treffen einen Nerv, mit dem bei ihrer Entstehung niemand rechnen konnte.

Das gilt sogar für „In meinem Garten“. Das mehr als fünfzig Jahre alte Lied erlebte 2025 eine erstaunliche Renaissance, als es Ende 2025 in der Dokumentation „Babo – Die Haftbefehl-Story“ über den deutschen Rapper Haftbefehl erschien. In einer sehr emotionalen und schutzlosen Schlüsselszene des Films ist der Rapper an einem persönlichen Tiefpunkt zu sehen, wie er sich Reinhard Meys melancholische Ballade „In meinem Garten“ anhört und mit gebrochener Stimme mitsingt.

Plötzlich landete ein Lied von Reinhard Mey wieder in den Charts. Auf „Schatzhauser“ hat er es noch einmal aufgenommen. Ein Lied geht eben manchmal seltsame Wege.

Vielleicht liegt darin überhaupt etwas Tröstliches. Gute Musik hat kein Verfallsdatum.

Ich habe hier schon über Robert Long und sein beinahe vergessenes „Homo sapiens“ geschrieben. Auch dort ging es um diese merkwürdige Macht alter Lieder. Man hört ein paar Takte und plötzlich steht eine Zeit wieder im Zimmer, die längst verschwunden schien. Meine alten Platten sind voll von solchen Zeitmaschinen.

Und während ich heute Reinhard Mey höre, muss ich ausgerechnet an einen Musiker denken, der mit Mey zunächst einmal wenig zu tun hat.

Seit mehr als fünfzehn Jahren

Ich weiß nicht einmal mehr genau, wie ich auf Frizz Feick gestoßen bin. Aber ich verfolge seine Musik seit über fünfzehn Jahren. Immer wieder. Nicht täglich, nicht mit dem Eifer eines Groupies – dafür fehlen mir vermutlich ohnehin ein paar entscheidende Voraussetzungen. Aber seine Musik ist geblieben.

Feick ist Singer-Songwriter, Texter und Multiinstrumentalist. Er singt, spielt Piano, Saxophon, Gitarre und Bass. Seine eigene musikalische Heimat beschreibt er als deutschsprachigen Singer-Songwriter-Pop mit leichten Jazz-Einflüssen. Vor allem aber schreibt er Texte, bei denen es sich lohnt zuzuhören. Mal poetisch, mal ironisch, gelegentlich ein bisschen schräg. Und er besitzt eine Stimme, die man nach wenigen Takten wiedererkennt.

Sein erstes deutschsprachiges Soloalbum „Früh genug“ erschien bereits 1997. Fast drei Jahrzehnte später, im April dieses Jahres, hat er es neu gemastert wiederveröffentlicht. Dazwischen liegt eine erstaunlich umfangreiche Diskografie.

„Panama“, „Liebe.Liebe“, „bLaUpAuSe“, „Woanders und hier“, „Beste Gelegenheit“, „Zehn Meter bis zum Meer“, „Frühling auf Pellworm“, „Nordwärts“, „Mitten im Leben“, „Bulli ans Meer“, „Fährmann“ – um nur einige zu nennen. Feick hat nicht gerade die Hände in den Schoß gelegt. https://www.frizzfeick.de/

Seit 2019 lebt er mit seiner Frau auf Pellworm. Und die Insel ist längst Teil seiner Musik geworden. Meer, Wind, Deich, Schafe, Austernfischer – bei anderen könnte daraus schnell norddeutscher Postkartenkitsch werden. Bei Feick funktioniert es.

Vielleicht, weil man ihm die Liebe zu diesem Ort abnimmt.

Kai Wingenfelder und eine Trilogie mit vier Teilen

Eine schöne Feick-Geschichte ist seine Zusammenarbeit mit Kai Wingenfelder, dem Sänger von Fury in the Slaughterhouse. Wingenfelder produzierte „Frühling auf Pellworm“ 2021, „Nordwärts“ 2022, „Mitten im Leben“ 2023 und „Bulli ans Meer“ 2024.

Geplant war eine Trilogie.

Es wurden vier Platten.

Feick verkauft sie folgerichtig als „die einzige Trilogie der Welt mit 4 CDs“. Schon dafür muss man ihn eigentlich mögen. (https://frizzfeick.de/shop/cd-laden)

Bei „Frühling auf Pellworm“ (wunderbares Stück) etwa singt Feick nicht nur, sondern spielt Piano, Saxophon, Gitarren und E-Bass. Wingenfelder steuerte Keyboards, Programmierung und Gesang bei und produzierte die Aufnahme. Von wegen Liedermacher mit Gitarre und sonst nichts.

Feick arbeitet bis heute weiter. 2026 erschienen neue beziehungsweise neu aufgelegte Aufnahmen, er gibt Konzerte und veranstaltet auf Pellworm regelmäßig Auftritte in seinem „DeichStall“. Solo, mit Gästen, manchmal mit Piano-Unterstützung. Im August stand dort beispielsweise Sylwia Timoti mit ihm auf der Bühne.

Warum kennen solche Musiker nicht viel mehr Menschen?

Das frage ich mich bei Frizz Feick schon lange.

Natürlich weiß ich, wie der Musikbetrieb funktioniert. Qualität und Bekanntheit waren noch nie dasselbe. Heute entscheidet zusätzlich irgendein Algorithmus darüber, was uns Spotify, YouTube oder sonst eine Plattform vor die Ohren kippt. Ich habe mich hier schon gefragt, wer KI-Musik überhaupt noch von „echter“ Musik unterscheiden kann. Vielleicht gehört zur Kehrseite dieser grenzenlosen musikalischen Auswahl, dass wir vieles gar nicht mehr entdecken.

Reinhard Mey braucht meine Werbung nicht. Er hat sein Publikum. Sein Lebenswerk ist Teil deutscher Musikgeschichte. Dass ein Mann mit 83 Jahren noch einmal 13 neue Lieder veröffentlicht und dafür allen musikalischen Zierrat beiseitelässt, finde ich großartig.

Bei Frizz Feick liegt die Sache anders.

Vielleicht schreibe ich auch deshalb heute über ihn. Weil ich seine Musik seit über fünfzehn Jahren höre und mir irgendwann die simple Frage gestellt habe: Was kann eigentlich ein einzelner Mensch tun, wenn er die Arbeit eines Künstlers mag?

Die Antwort ist banal. Zuhören. Seine Musik kaufen. Konzerte besuchen. Weitererzählen. Einen Link setzen. Vielleicht jemanden neugierig machen. Wir unterschätzen womöglich, was solche Kleinigkeiten für Künstler bedeuten, deren Name nicht automatisch große Hallen füllt.

2019 habe ich allein bei Spotify 54.864 Minuten gehört. Vieles davon habe ich längst wieder vergessen. Anderes bleibt.

Reinhard Mey gehört dazu.

Frizz Feick auch.

Der eine begleitet mich fast mein ganzes Leben. Der andere seit gut fünfzehn Jahren.

Eigentlich Grund genug, einmal seinen Namen zu nennen.

Frizz Feick.
https://www.frizzfeick.de

Merkliste

Kommentare

Was meinst du dazu?

Kommentieren auf diesem Blog

  • Text wird lokal zwischengespeichert
  • Antworten können per E-Mail abonniert werden
  • Kommentar kurzzeitig bearbeitbar oder löschbar

Nach dem Absenden kannst du deinen Kommentar noch 15 Minuten bearbeiten oder löschen.Danach ist keine Änderung oder Löschung mehr möglich.
Frizz Feick – Tears Of A Bro
Zuletzt gehört
Tears Of A Bro
Frizz Feick · Piano Silence
Zuvor
Frizz Feick – Holiday Rain
Holiday Rain
Frizz Feick · Piano Silence
Davor
Frizz Feick – Milky Ways
Milky Ways
Frizz Feick · Piano Silence