Je älter man wird, desto mehr muss man auf seine Gesundheit Acht geben. Auch eine Binsenweisheit, ich weiß. In diesen Zeiten dürften zum Achtgeben dazu gehören, viel zu trinken und die Sonne nach Möglichkeit zu meiden. Jedenfalls dann, wenn sie hochsteht. Und tut sie das im Moment nicht immer?

Früher haben wir jeden Sonnenstrahl im Urlaub regelrecht eingefordert. Schlechtes Wetter war keine Laune der Natur – es war eine persönliche Kränkung. Wer an einem Ort war, an dem man sich gutes Wetter wünschen konnte, aber nicht zwingend erwarten durfte, und dem dann ausgerechnet die Sonne fehlte, der war beleidigt. Ernsthaft beleidigt. Ich weiß natürlich, wie verpönt es ist, den Urlaub in der Sonne liegend, womöglich am Hotelpool – also nicht mal am Meer – zu verbringen. Wir gehörten dieser verpönten Spezies an und kamen nicht mit mindestens einer umfangreichen Leseliste nach Hause. Wir konnten auch nichts über unsere Begegnungen mit der einheimischen Bevölkerung erzählen. Die, die wir getroffen haben, hatten damit zu tun, uns bei Laune zu halten. Man könnte diese untaugliche Liste um die folgerichtig fehlenden kulinarischen Erfahrungen erweitern. Der Massentourismus härtet ab.
Heute meiden wir die Sonne. In der aktuellen Hitzeperiode bin ich nicht einmal vor die Tür gegangen. Das ist eine Entwicklung, die ich sachlich beschreiben, aber auch bedauern muss – wegen der fehlenden Bewegung, die damit einhergeht.
Was früher Pflicht war
Sonnenbaden war für unsere Generation kein Müßiggang. Es war Programm. Man fuhr in den Süden, ans Meer, und der Urlaub wurde daran gemessen, wie braun man zurückkam. Eine gute Bräune war ein Statussymbol. Sie zeigte: Ich war weg, ich hatte Freizeit, ich habe das Leben in vollen Zügen genossen.
Das Mittagssonnenbad gehörte dazu. Mit Kokosöl ausgestattet, was auf die Ohren (1975, Una Paloma Blanca), beobachteten wir, wie sich die Engländerinnen die ihre Lidschatten offenbar absichtlich einbrennen ließen. Das Zählen der Stunden im Liegestuhl war keine Faulheit, das war fast Leistung. Sonne bedeutete Glück, Wärme, Urlaub, Freiheit. Fehlte sie, war man enttäuscht – fast persönlich gekränkt.
Was das Alter mit dem Körper macht
Mit zunehmendem Alter verändert sich das Verhältnis zur Hitze und zur Sonne auf mehreren Ebenen gleichzeitig – und das ist kein Zufall, sondern Physiologie.
Die Haut wird dünner, trockener, empfindlicher. Was früher eine Bräune ergab, führt heute schneller zu Rötungen oder langfristigen Hautveränderungen. Wichtiger noch: Die Thermoregulation lässt nach. Ältere Menschen schwitzen weniger effizient, die Durchblutung reagiert langsamer auf Temperaturschwankungen, das Durstgefühl wird schwächer. Was mit 40 angenehmes Schwitzen war, ist mit 73 körperliche Belastung.
Hinzu kommt der Kreislauf. Hitze bedeutet Mehrarbeit für das Herz. Wer dazu noch Medikamente nimmt – Blutdruckmittel, Wassertabletten, Herzmedikamente – reduziert die eigene Hitzetoleranz zusätzlich, ob er will oder nicht. Man spürt das. Und man lernt, darauf zu hören.
Die Hitzeperiode als Zäsur
In dieser Hitzeperiode bin ich nicht einmal vor der Tür gewesen. Das klingt drastisch, ist aber die vernünftige Konsequenz aus dem, was der Körper signalisiert. Das Problem liegt woanders: Wer drinnen bleibt, bewegt sich nicht. Und Bewegungsmangel hat seine eigenen Konsequenzen – für Gelenke, Kreislauf, Stimmung, Schlaf.
Das ist das eigentliche Dilemma des älteren Körpers: Man meidet die Hitze aus gutem Grund, zahlt aber einen Preis dafür.
Was sich wirklich verändert hat
Die Lösung liegt im Rhythmus. Früh morgens oder am Abend nach draußen, wenn die Hitzeperiode ihren Höhepunkt überschritten hat. Nicht mehr die Mittagssonne als Hauptereignis, sondern die kühleren Randzeiten als neue Qualität. Das Morgenlicht um halb sieben ist sensorisch etwas ganz anderes als das flimmernde Nachmittagslicht um drei.
Der Urlaub verändert sich mit. Man sucht weniger den Strand zur Mittagszeit, dafür mehr schattige Gassen, kühle Kirchen und Museen, frühe Spaziergänge. Das Wetter verliert seine Tyrannei – nicht weil es einem gleichgültig wäre, sondern weil man gelernt hat, sich um es herumzubewegen.
Das Alter deckt gewisse Befindlichkeiten auf, deren Vermeidung längst Priorität bekommen hat. Das ist keine Niederlage gegen die Sonne. Das ist, wenn man ehrlich ist, Vernunft.
Das kenne ich auch, Urlaubs – oder überhaupt braune Haut, als Pluspunkt beim anderen Geschlecht. Sonnencreme? Fehlanzeige, der erste Sonnenbrand im Jahr gehörte dazu wie die Butter zum Brot. Das Ergebnis: Hunderte von Muttermalen und der dringende Rat des Hausarztes, unbedingt die Sonne zu meiden.
@Peter Lohren: Gott sei Dank sind die Zeiten vorbei. Nur zeigen sich jetzt vielfach diese Sünden als Spätfolgen. Wie kühl ist es an deinem Zipfel des Sauerlandes? Ist es noch auszuhalten? Jetzt möchte ich gern an der Nordsee (ganz oben) sein. 🙂