Deutungsmacht im Zeitalter der digitalen Öffentlichkeit

26. Juni 2026
4 Min. lesen

Früher prägten Journalisten und Intellektuelle den öffentlichen Diskurs. Heute haben Influencer und Algorithmen die Deutungsmacht übernommen. Was dabei auf dem Spiel steht, sind nicht Meinungen – sondern unsere gemeinsamen demokratischen Werte.

Wer früher den Takt vorgab

Lange Zeit glaubten Journalisten, Publizisten und Intellektuelle, sie säßen in der Herzkammer der Gesellschaft. Wer Leitartikel schrieb, im Fernsehen auftrat oder in den Feuilletons mitmischte, beeinflusste tatsächlich, wie eine Gesellschaft über sich selbst sprach. Diese Deutungsmacht war nie unschuldig – oft elitär, manchmal blind für das Leben außerhalb der eigenen Milieus. Aber sie hatte einen Vorteil: Es gab noch die Vorstellung eines gemeinsamen Gesprächsraums. Man stritt über dieselbe Wirklichkeit. Man lag sich in den Haaren, aber wenigstens im selben Zimmer.

Die alte Ordnung wurde nicht reformiert, sondern zerlegt

Das Internet hat diese Ordnung nicht modernisiert. Es hat sie aufgebrochen. Heute braucht niemand mehr den Segen einer Redaktion, um eine These wie diese in die Welt zu setzen. Niemand muss sich durch Argumente quälen, wenn ein Meme, ein Clip oder ein wütender Satz schneller zündet.

Das hatte zunächst etwas Befreiendes. Endlich konnten Menschen sprechen, die früher kaum gehört wurden. Aber die Befreiung kam nicht allein. Sie brachte ihren hässlichen Zwilling mit: die völlige Enthemmung der öffentlichen Erregung.

Die Blase ist dabei keine Panne. Sie ist »eingebauter Komfort«, Algorithmus genannt. Wer Angst sucht, bekommt Angst. Wer Feinde braucht, bekommt Feinde. Früher musste Propaganda organisiert werden. Heute organisiert sie sich selbst. Das ist das eigentlich Unheimliche.

Die neuen Deuter mit Mikrofon und Ringlicht

In diese Lücke sind neue Figuren getreten: Influencer, Podcaster, Sinnproduzenten mit Ringlicht und Studio-Mikrofon. Sie erklären die Welt, sortieren Gäste, schaffen Vertrauen [sic?] – und liefern nicht nur Informationen, sondern Atmosphäre.

Der Podcast wirkt wie ein Gegenmittel zur hektischen Schnipselwelt. Er verspricht Tiefe, Persönlichkeit, Unmittelbarkeit. Man hat jemanden im Ohr. Das ist intimer als Fernsehen – und gerade deshalb wirkungsvoll. Aber wer lange zuhört, prüft nicht automatisch genauer. Manchmal geschieht das Gegenteil: Aus dem Moderator wird ein Begleiter, aus dem Begleiter eine Vertrauensfigur, aus der Vertrauensfigur eine Wahrheitsinstanz.

Die großen Influencer und Podcaster sind nicht einfach Gegenspieler der alten Elite. Sie sind ihre Erben, Konkurrenten und Karikaturen zugleich. Manche leben von der Pose, endlich unzensiert zu sagen, was angeblich niemand sagen darf – während sie es wöchentlich vor Hunderttausenden sagen. Das verbotene Wort hat inzwischen Sponsoren, Merchandising und einen Premium-Kanal.

Was aus unseren Werten geworden ist

Freiheit. Menschenwürde. Rechtsstaat. Demokratie. Große Worte, schwere Worte, Worte mit Geschichte. Aber oft wirken sie inzwischen wie versteinerte Monumente: Wir besuchen sie an Gedenktagen, legen rhetorische Kränze nieder – und benehmen uns danach, als seien diese Werte ein Altbau, der schon irgendwie stehen bleibt.

Das wird er aber nicht.

Freiheit lebt nicht davon, dass jeder sich selbst absolut setzt. Demokratie lebt nicht davon, dass jeder nur noch die eigene Blase für das Volk hält. Die neue Medienwelt hat diese Schwächen nicht erfunden. Sie hat sie sichtbar gemacht und verstärkt. Die Indoktrination muss nicht mehr an die Tür klopfen. Sie wohnt im Gerät, wartet morgens auf dem Nachttisch und liegt abends mit im Bett.

Die eigentliche Aufgabe

Es wäre lächerlich, sich die alte Ordnung zurückzuwünschen. Aber ebenso lächerlich ist die Vorstellung, ausgerechnet der algorithmische Jahrmarkt der Eitelkeiten werde uns mündiger machen. Mehr Stimmen bedeuten nicht mehr Wahrheit. Mehr Reichweite nicht mehr Erkenntnis.

Die Aufgabe lautet also nicht, die alte Deutungsmacht zurückzuholen. Das ist vorbei. Sondern eine Öffentlichkeit zu schaffen, in der Streit möglich bleibt, ohne sofort in Verachtung umzuschlagen. In der Bürger nicht nur senden, sondern prüfen. Nicht nur fühlen, sondern denken. Nicht nur urteilen, sondern zweifeln.

Denn ohne Zweifel wird Aufklärung zur Pose. Ohne gemeinsame Wirklichkeit wird Freiheit zur Vereinzelung. Und ohne Vertrauen bleibt nur noch der Verdacht – dieses kleine stinkende Haustier unserer Gegenwart, das überall mitläuft und alles anknurrt.

Wir stehen vor den Monumenten unserer Werte. Mit dem Smartphone in der Hand. Und fragen uns, warum der Marmor Risse bekommt.

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Rentner, Autor, Blogger und Hobbyfotograf

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