Empörung auf Zuruf: Dieter Nuhr, Femizide und die männliche Abwehr

26. Juni 2026
6 Min. lesen

Die Debatte um Dieter Nuhr zeigt weniger nur ein Satireproblem als eine bekannte Empörungsmechanik. Noch schwieriger ist die männliche Abwehr beim Thema Femizide: Niemand ist kollektiv schuldig, aber viele Männer fühlen sich sofort angeklagt.

Empörung braucht manchmal einen Wink

Das Bemerkenswerteste an der aktuellen Sommerloch-Empörungsspirale um Dieter Nuhr und die ARD ist nicht das traurige, bittere Thema mörderischer männlicher Gewalt gegen Frauen. Bemerkenswert ist vielmehr, dass die Empörten offenbar erst einen Wink von außen brauchten, um Nuhrs erneute Verfehlung – oder das, was anschließend zuverlässig als »Skandal« auf die Tagesordnung gesetzt wurde – überhaupt zur Kenntnis zu nehmen.

Nuhrs Beitrag lief in der Sendung „Nuhr im Ersten XXL“ vom 18. Juni 2026. Größere Wellen schlug die Sache offenbar erst Tage später, als Clips und Berichte in sozialen Medien und klassischen Medien Fahrt aufnahmen. Der rbb verteidigte Nuhrs Passage mit Hinweis auf Kunstfreiheit und Satire, bezeichnete die Kritik daran aber zugleich als nachvollziehbar. Nuhr selbst wies den Vorwurf zurück, er habe sich über Femizide lustig gemacht.  

Das Publikum klatscht begeistert – was man ihm nicht unbedingt vorwerfen kann, sorgt in Aufzeichnungen dieser Art doch in der Regel anheizendes Personal für das gewünschte Feedback, indem es den Zuschauern Zeichen gibt.

Quelle

Die journalistisch-woke Schickeria benötigte also Tage, um aus einer ARD-Sendung ein öffentliches Erregungsereignis zu formen. Erst dann rollte sie an, die zeitgemäße Empörungslaola: moralisch gut frisiert, sendungsbewusst, mit erhobenem Zeigefinger und dem üblichen Tremolo in der Stimme.

Diese Verzögerung passt nicht recht ins Bild. Das hätte schneller gehen müssen. Nicht so behäbig wie damals, Anfang 2016, nach den Übergriffen auf Frauen in der Kölner Silvesternacht. Auch dort war die Verzögerung der Berichterstattung selbst ein Teil des Skandals. Nur dass damals andere Reflexe gefragt waren – und andere Hemmungen wirkten.

Nuhrs Fehler

Nuhr hat sich aus meiner Sicht verrannt. Nicht, weil Satire dieses Thema grundsätzlich nicht anfassen dürfte. Satire darf viel. Sie darf sogar in Räume hineinleuchten, in denen die Luft dünn wird. Aber sie muss dann wissen, wo sie steht. Und sie sollte nicht so tun, als sei Statistik ein Beruhigungstee für reale Angst.

Frauenmorde sind keine abstrakte Rechengröße. Sie sind der letzte, tödliche Punkt auf einer langen Linie aus Kontrolle, Demütigung, Besitzdenken und Gewalt. Wer darüber spricht, kann natürlich sagen: Nicht alle Männer sind Täter. Das stimmt. Aber wer bei diesem Thema zu schnell bei der Entlastung der Männer landet, ist meistens schon an den Opfern vorbeigelaufen.

Und genau dort liegt das Problem. Nicht in jeder Pointe. Nicht in jedem Satz. Sondern in der Blickrichtung.

Männer und das schlechte Gewissen

Viele Männer kommen mit dem Thema Femizide schlecht zurecht. Ich nehme mich davon nicht aus. Sobald von männlicher Gewalt gegen Frauen die Rede ist, entsteht bei vielen Männern ein innerer Abwehrreflex. Man möchte sofort sagen: Ich doch nicht. Meine Freunde doch nicht. Wir sind doch nicht so.

Das ist menschlich. Aber es ist auch bequem.

Denn zwischen persönlicher Schuld und gesellschaftlicher Verantwortung liegt ein weites Feld. Niemand verlangt von jedem Mann, sich als Täter zu fühlen. Das wäre Unsinn. Aber vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn Männer nicht jedes Gespräch über Femizide sofort als Anklageschrift gegen sich selbst lesen würden.

Schuldgefühle können dabei sogar eine Rolle spielen. Nicht als moralische Dauerstrafe. Nicht als Bußgewand für einen kurzen Moment. Aber als kurzer Stich, der daran erinnert: Dieses Thema betrifft auch mich. Nicht, weil ich gemordet habe. Sondern weil ich Teil einer Gesellschaft bin, in der Frauen Risiken kalkulieren, die Männer oft nicht einmal wahrnehmen.

Frauen überlegen, welchen Weg sie nachts nehmen. Sie schreiben Freundinnen, wenn sie angekommen sind. Sie achten auf Tonlagen, Stimmungen, Türen, Abhängigkeiten. Männer nennen das manchmal übertrieben. Frauen nennen es Erfahrung.

Der falsche Trost der Statistik

Der statistische Hinweis, die Wahrscheinlichkeit sei gering, mag rechnerisch nicht völlig aus der Luft gegriffen sein. Aber er ist als Trost untauglich. Niemand beruhigt einen Menschen mit Angst vor Gewalt, indem er ihm erklärt, sein Risiko sei mathematisch überschaubar.

Das ist der Punkt, an dem Satire leicht abrutscht. Sie will die Übertreibung entlarven und landet bei der Verharmlosung. Vielleicht ist das auch Bestandteil dieses Metiers, für das viele, wie mir scheint, den Sinn verloren haben. Satire will Pauschalurteile über Männer angreifen und trifft am Ende die Empfindlichkeit von Frauen, die diese Gewalt nicht als Theorie kennen, sondern als Schatten im Alltag.

Weniger Reflex, mehr Ernst

Angemessen wäre ein Gespräch, das zwei Dinge gleichzeitig aushält.

Erstens: Männer sind nicht kollektiv schuldig. Nicht jeder Mann ist ein potenzieller Frauenmörder. Diese Pauschalisierung hilft niemandem, außer jenen, die aus jedem ernsten Thema ein ideologisches Kräftemessen machen wollen.

Zweitens: Femizide sind kein Randthema, das man mit Wahrscheinlichkeiten weglächeln kann. Jeder einzelne Mord ist einer zu viel. Und jeder Versuch, die Angst davor vorschnell als hysterisch, übertrieben oder statistisch lächerlich erscheinen zu lassen, verfehlt die Wirklichkeit vieler Frauen.

Vielleicht wäre das der erwachsene Umgang mit diesem schwierigen Thema: weniger Reflex, mehr Zuhören. Weniger Empörungsmechanik, mehr Ernst. Weniger männliche Kränkung, mehr Bereitschaft, die eigene Ahnungslosigkeit auszuhalten.

Empörung ist schnell. Einsicht ist langsamer. Manchmal sogar quälend langsam. Aber genau dort beginnt das Gespräch, das wir eigentlich führen müssten.

Über Einschaltquoten:

Man muss aber vorsichtig vergleichen, weil die Sendeplätze unterschiedlich sind. Grob gesagt: heute-show ist der klare Quoten-Leuchtturm, Nuhr und Die Anstalt liegen meist im soliden Bereich, Böhmermann stark besonders nach der heute-show und bei Jüngeren.

Die AGF-Quoten beruhen auf einem Panel von mindestens 5.400 täglich berichtenden Haushalten mit rund 11.000 Personen; endgültige Gewichtungen berücksichtigen später zusätzlich zeitversetzte Nutzung. Deshalb können Zahlen nachträglich deutlich steigen.

SendungTypischer / jüngerer VergleichswertGesamtpublikumMarktanteil gesamt14–49 / jüngere Zielgruppe
heute-showsehr stark, Quotenkönig unter den Satireformatenzuletzt/relevant ca. 3,67–4,54 Mio.ca. 23–26 % in starken Ausgabenteils 26 % und mehr
ZDF Magazin Royale / Böhmermanndeutlich hinter heute-show, aber stark für späten Sendeplatzca. 1,7–2,1 Mio.ca. 13–14 % in starken Ausgabenoft sehr stark, z.B. 21 %
Nuhr im Erstensolide bis stark, älteres Publikumhäufig ca. 1,7–2,0 Mio., XXL zuletzt 1,38 Mio.ca. 13–16 %meist schwächer als ZDF-Satire, aber nicht schlecht
Die Anstaltschwankend, aber solide; profitiert stark zeitversetztzuletzt z.B. 1,71 Mio., nachträglich auch 2,35 Mio.ca. 12 %, nachträglich teils sehr starkeinmal nachträglich 19,3 %

Welke schlägt alle (und ist ja sooo witzig!), jedenfalls linear und in der Gesamtwirkung. Böhmermann lebt stark vom Rückenwind der heute-show, hat aber ein sehr junges, mediathek-affines Publikum. Nuhr ist stärker im klassischen, älteren ARD-Publikum. Die Anstalt ist weniger Massenmaschine, aber für ein politisches Kabarettformat erstaunlich robust — eher Werkbank als Feuerwerk, aber manchmal glüht der Amboss.

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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