Wenn die Butter vor der Klimakatastrophe kapituliert

27. Juni 2026
5 Min. lesen

Die Butter schmilzt, die Wetterkarten glühen, Özden Terli mahnt freundlich vor sich hin: Aus Sommer ist längst mehr geworden als Badehose und Grillabend. Ein launischer Blick auf Hitze, Klimakatastrophe, Anpassung und die sehr begrenzte Geduld der Evolution.

Normalerweise nimmt man die Butter vor dem Frühstück aus dem Kühlschrank, damit sie rechtzeitig weich wird und sich nicht wie ein Stück Bauschaum über das Brötchen wehren muss.

schmelzende butter rote wetterkarte klimakatastrophe

In diesen Tagen funktioniert die Welt allerdings andersherum: Man legt die Butter vor dem Frühstück in den Kühlschrank, damit sie überhaupt noch als Butter durchgeht – und nicht als goldgelbe Substanz, die eher nach Bratpfanne als nach Frühstückstisch aussieht.

Der Sommer hat offenbar beschlossen, auch die Brotaufstriche in die Knie zu zwingen.

Ihr kennt ihn vermutlich alle: Özden Terli, einer der Wettermänner des ZDF, der in seinen Auftritten einen gewissen Duktus pflegt, der irgendwo zwischen freundlichem Wetterbericht und allgegenwärtiger Warnung vor der Klimakatastrophe liegt. Er sagt nicht einfach: »Morgen wird es warm« und nennt die Zahlen, die das Thermometer morgen ausgeben wird. Nein, bei ihm klingt das eher wie: „Wir sehen hier eine außergewöhnliche thermische Entwicklung, die uns eigentlich zu denken geben müsste, während wir gerade überlegen, ob der Kartoffelsalat bei der Temperatur draußen überhaupt noch stehen sollte.

Allerdings wird Grillen den meisten im Moment auch nicht helfen, über die Hitze zu kommen. Nicht einmal ein kühles Bier ist noch der verlässliche Rettungsanker, für den man es in friedlicheren Wetterlagen halten möchte.

In Frankreich hat man wegen der Hitzewelle teilweise sogar den Alkoholkonsum im öffentlichen Raum eingeschränkt. Nicht überall, nicht für immer – aber immerhin. Da sage noch einer, Europa habe kein Talent für dramatische Sommermaßnahmen. Erst schmilzt die Butter, dann wackelt die Freiheit. Und am Ende steht irgendwo ein Präfekt und erklärt dem Durst die Lage.

Und das ist ja das Schöne an Özden Terli: Er steht da nicht wie einer, der bloß Wolken verschiebt und Tiefdruckgebiete sortiert. Er wirkt eher wie der Mann, der uns höflich, aber bestimmt daran erinnert, dass dieses Wetter nicht vom Himmel gefallen ist. Obwohl es natürlich genau das tut. Also, irgendwie.

Wenn Terli sagt: „Es wird heiß“, dann meint er nicht: „Packen Sie die Badehose ein.“ Dann meint er: „Vielleicht wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, über versiegelte Innenstädte, Klimaanpassung, Schattenplätze und den Zustand unserer kollektiven Vernunft nachzudenken.“ Nur sagt er das so ruhig, dass man sich fast noch bedankt, während einem auf dem Balkon der Joghurt den Aggregatzustand wechselt.

Und dann diese Wetterkarten. Die sind beim ZDF seit Jahren in einem Rot gehalten, das einem schon beim Hinsehen die Stirn feucht wird! Früher war Rot auf der Wetterkarte ein Hinweis: Achtung, warm. Heute sieht es aus, als habe jemand die Republik in Paprikapulver gewälzt und anschließend unter den Grill geschoben. Nordrhein-Westfalen? Glutzone. Frankreich? Tomatensuppe. Spanien? Backofen mit Landesgrenzen.

Man kann darüber spotten, natürlich. Muss man sogar, sonst hält man es ja nicht aus. Aber ganz im Ernst: Diese Karten sehen nicht deshalb so dramatisch aus, weil im ZDF jemand heimlich die Farbregler auf Weltuntergang gestellt hat. Weltverschwörer bzw. Klimaleugner vom rechten Rand sehen das eher so. Sie sehen so aus, weil die Klimakatastrophe inzwischen nicht mehr als düstere Fußnote in wissenschaftlichen Berichten herumliegt, sondern morgens beim Frühstück neben der Butter sitzt. Und zwar ohne zu fragen.

Vielleicht müsste Terli gar nicht mehr viel sagen. Ein Blick auf die Karte reicht. Alles rot. Alles heiß. Alles etwas zu nah an der Bratpfanne. Und irgendwo im Land sitzt jemand, schaut auf seine flüssige Butter und denkt: Früher nannte man das Sommer. Mir fällt dann immer Rudi Carrell ein, der Anfang der 1970er Jahre erfolgreich gefragt hat: Wann wird es endlich wieder Sommer? Jetzt wären die zahlreichen Regentage von damals die wünschenswerte Abwechslung von diesem Brutofen.

Womit wir es zu tun haben und welche Anforderungen man an die Evolution stellen könnte:

1. Akklimatisierung:
Der einzelne Körper kann sich teilweise an Hitze gewöhnen: mehr Schwitzen, bessere Kreislaufregulation, verändertes Durstgefühl. Das dauert eher Tage bis Wochen. Aber das ist keine Evolution, sondern Training des Organismus.

2. Kulturelle Anpassung:
Das ist der eigentliche europäische Hebel: Schatten, Entsiegelung, helle Dächer, andere Arbeitszeiten, weniger Beton, mehr Bäume, Hitzeschutzpläne, kühlere Wohnungen. Genau solche Anpassungen nennt auch der IPCC für Europa zentral, weil extreme Hitze dort bereits zunimmt.

3. Genetische Evolution:
Die braucht sehr viele Generationen. Beim Menschen heißt das grob: Jahrhunderte bis Jahrtausende, oft eher viele Jahrtausende, wenn es um komplexe Merkmale geht. Hautfarbe ist zudem kein einfacher Hitze-Regler, sondern vor allem eine Anpassung an UV-Strahlung: dunklere Haut schützt stärker vor intensiver UV-Strahlung, hellere Haut erleichtert in UV-ärmeren Regionen die Vitamin-D-Bildung.

Für Europa heißt das: Selbst wenn Hitzewellen häufiger und härter werden, wird Europa dadurch nicht plötzlich äquatorial. Die Sonneneinstrahlung verändert sich nicht so, als wäre Köln nach Kenia umgezogen. Hautfarbe würde sich also nicht automatisch „südeuropäisch“ oder „afrikanisch“ entwickeln, nur weil der Juli zunehmend klingt wie eine Drohung aus dem Backofen.

Außerdem ist Hautfarbe genetisch komplex. Studien zur europäischen Pigmentierung zeigen, dass sich helle Haut in Europa historisch über lange Zeiträume und unter Mischung, Migration, Ernährung und UV-Druck herausgebildet hat – nicht als schnelle Reaktion auf ein paar heiße Sommer.   Auch Übersichtsarbeiten betonen, dass extreme Pigmentierungsformen nur unter sehr spezifischen Umweltbedingungen und über längere Zeiträume durch starke Selektion entstanden sind.  

Die nüchterne Antwort wäre also:

Bis Europäer biologisch spürbar an die Klimakatastrophe angepasst wären, wäre die entscheidende Anpassungsfrist längst verpasst.


Wir reden nicht über 30 oder 80 Jahre, sondern über viele Generationen. Und selbst dann wäre Hautfarbe nur ein kleiner Teil des Bildes. Hitzetoleranz hängt stärker an Kreislauf, Schwitzen, Verhalten, Alter, Gesundheit, Wohnumgebung und sozialer Lage als daran, ob jemand von Natur aus etwas dunkler oder heller ist.

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Rentner, Autor, Blogger und Hobbyfotograf

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