Die Rente wird nicht aus Geld bezahlt, sondern aus dem, was wir leisten

28. Juni 2026
7 Min. lesen

Ein Zuschaueranruf im Presseclub brachte den entscheidenden Punkt auf den Tisch: Renten werden nicht aus Geldbergen bezahlt, sondern aus dem, was eine Gesellschaft laufend erwirtschaftet. Deshalb ist Produktivität die eigentliche Rentenfrage.

Ein Zuschaueranruf, der hängen blieb

Manchmal fällt in einer Fernsehsendung nicht im Studio der entscheidende Satz, sondern danach. Nicht von den geladenen Experten, nicht von den routinierten Stimmen im politischen Halbdunkel, sondern von einem Zuschauer, der anruft.

rente produktivitaet sozialstaat
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So ging es mir beim heutigen Presseclub zur Rentenreform. Die Sendung selbst trug den Titel «Rentenreform: Genug, gerecht und sicher?» und drehte sich um die alte, aber immer wieder neu aufgelegte Frage, wie die gesetzliche Rente trotz schrumpfender Erwerbsbevölkerung zukunftsfest gemacht werden kann. Die soeben vorgestellte große Rentenreform von Union und SPD stand auf dem Prüfstand.

Der Gedanke, um den es hier geht, stammt also nicht von mir. Er wurde durch einen Zuschaueranruf angestoßen. Ich erwähne dies, bevor noch jemand glaubt, ich hätte Gerhard Mackenroth morgens beim Kaffee neu entdeckt.

Der Anrufer erinnerte an eine Formel, die in ihrer Schlichtheit fast unanständig wirkt: Das gesamte Sozialbudget muss immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt werden.

Das ist die sogenannte Mackenroth-These.

Wir essen kein Geld

Der Satz klingt zunächst trocken. Sehr trocken sogar. So trocken, dass man ihn vermutlich in jedem wirtschaftswissenschaftlichen Seminar an die Wand hängen könnte, ohne dass jemand freiwillig stehen bleibt.

Aber er trifft den Kern.

Wir häufen ja kein Geld an, um später Geld zu essen. Niemand lebt im Alter von Kontoauszügen, Depotständen oder politischen Absichtserklärungen. Wir leben von Wohnungen, Lebensmitteln, Pflege, Medikamenten, Strom, Wärme, Mobilität, Dienstleistungen und von Menschen, die all das herstellen, organisieren, transportieren, reparieren und bezahlen.

Geld ist dabei nur der Anspruch auf diese Dinge. Nicht die Sache selbst.

Wenn in Zukunft viele Menschen Rentenansprüche haben, aber zu wenig reale Güter und Dienstleistungen entstehen, dann hilft auch die schönste Finanzarchitektur nur begrenzt. Dann konkurrieren mehr Ansprüche um einen zu kleinen Kuchen. Und wenn der Kuchen zu klein ist, wird nicht der Teller größer, nur weil man ihn hübscher beschriftet. Daher kommt der unsympathische aber grundlegende Anspruch, dass Wirtschaft brummen (wachsen) muss.

Die Aktienrente ist nicht der Zauberstab

Damit ist nicht gesagt, dass kapitalgedeckte Elemente Unsinn wären. Eine Aktienrente kann ergänzen. Sie kann Risiken streuen. Sie kann helfen, Lasten anders zu verteilen. Sie kann, klug gebaut, ein sinnvolles Instrument sein.

Aber sie ist kein Zauberstab.

Wenn der Staat Geld in Aktien, Fonds oder Anleihen steckt, entsteht dadurch nicht automatisch eine zusätzliche Wohnung, ein zusätzlicher Pflegeplatz, eine zusätzliche Fachkraft, eine zusätzliche Kilowattstunde Strom oder eine zusätzliche funktionierende Bahnstrecke.

Kapital kann Ansprüche organisieren. Es kann Renditen erzeugen. Es kann Eigentumsrechte verschieben. Aber es ersetzt nicht die reale Produktivität einer Volkswirtschaft.

Das wird in der Rentendebatte oft merkwürdig verschwommen behandelt. Als könne man die demografische Frage irgendwie wegfinanzieren. Als gäbe es da draußen einen geheimen Geldsee, aus dem man nur klug genug schöpfen müsse.

Leider nein. Der Sozialstaat lebt nicht vom Geldsee. Er lebt von laufender Wertschöpfung.

Die Demografie ist ernst, aber nicht alles

Natürlich altert Deutschland. Natürlich gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente. Das macht das Verhältnis zwischen Menschen im Erwerbsalter und Menschen im Ruhestand schwieriger. Destatis beschreibt seit Jahren, wie sich der Altenquotient verschiebt und wie die Zahl der Menschen im Erwerbsalter langfristig sinken dürfte.

Aber auch hier lohnt ein zweiter Blick. Die Demografie hat nicht gestern eingesetzt. Das ist keine neue Laune der Biologie. Die Gesellschaft altert seit über hundert Jahren. Trotzdem ist der Sozialstaat gewachsen. Trotzdem wurden Renten gezahlt. Trotzdem stieg der Wohlstand. Trotzdem konnten Arbeitszeiten sinken, Medizin besser werden, Bildung breiter zugänglich werden und Millionen Menschen im Alter ein würdigeres Leben führen als frühere Generationen.

Die einfach Antwort auf dieses Mysterium: Die Produktivität ist gestiegen. So konnte ein bevölkerungstechnisch eher kleiner Staat zur drittgrößten Wirtschaftsmacht aufsteigen.

Produktivität ist der Maschinenraum der Rente

Produktivität klingt nach Werkbank, Excel-Tabelle und Unternehmensberatern. Aber in Wahrheit ist Produktivität auch die Basis unserer Rente.

Wenn eine Stunde Arbeit mehr hervorbringt, entstehen Spielräume. Für höhere Löhne. Für höhere Beiträge. Für mehr Steuereinnahmen. Für bessere öffentliche Leistungen. Für Pflege. Für Bildung. Für Infrastruktur. Und eben auch für Renten.

Das heißt nicht, dass Produktivität automatisch gerecht verteilt wird. Aber ohne Produktivität gibt es schlicht weniger zu verteilen.

Dann wird die Rentendebatte schnell zur Mangelverwaltung: länger arbeiten, weniger bekommen, mehr einzahlen, mehr Steuern zahlen, Rentenniveau senken, Bundeszuschuss (Steuergelder) erhöhen. Alles irgendwie gleichzeitig. Ein politisches Wimmelbild, das Unsicherheit und schlechte Laune garantiert.

Mit steigender Produktivität dagegen entsteht wenigstens Spielraum. Nicht konfliktfrei. Nicht ohne politische Entscheidungen. Aber immerhin mit Luft zum Atmen.

Die Rentenfrage entscheidet sich nicht nur in der Rentenkasse

Deshalb ist die Rentendebatte oft zu eng geführt. Sie tut so, als entscheide sich die Zukunft der Rente allein in der Rentenversicherung. Beitragssatz hier, Rentenniveau dort, Eintrittsalter obendrauf, fertig ist der Reformauflauf.

Aber die eigentliche Rentenfrage entscheidet sich auch in Schulen, Betrieben, Universitäten, Verwaltungen, Krankenhäusern, Werkstätten, Rechenzentren, Energienetzen und Verkehrswegen. Sie entscheidet sich daran, ob Kinder gut ausgebildet werden, ob Verwaltung funktioniert oder weiter Papierstaub produziert. Digitalisierung muss mehr sein als ein Wort, das in Strategiepapieren auftaucht.

  • Ob Fachkräfte zuwandern können und dann auch bleiben wollen.
  • Ob ältere Beschäftigte gesund arbeiten können.
  • Ob Frauen arbeiten können, ohne an Kinderbetreuung und Pflegeorganisation zu zerschellen.
  • Ob Unternehmen investieren.
  • Ob Energie bezahlbar bleibt.
  • Ob der Staat Infrastruktur baut, statt sie in Genehmigungsverfahren langsam zu mumifizieren.

All das ist Rentenpolitik. Nur nennt man es selten so.

Mackenroth macht die Debatte unbequemer

Die Mackenroth-These ist unbequem, weil sie der Rentendebatte ihre finanztechnische Tarnjacke auszieht. Sie sagt: Am Ende zählt, was eine Gesellschaft in der Gegenwart erwirtschaftet.

Nicht, was sie sich verspricht. Nicht, was sie in Fonds bucht. Nicht, was sie in Kommissionen beschließt. Sondern was real entsteht.

Kapitaldeckung ist nicht überflüssig. Nur kann sie die Produktivitätsfrage nicht ersetzen. Eine Aktienrente kann helfen, Ansprüche anders abzusichern. Sie kann aber nicht die reale Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft herbeizaubern.

Wenn in dreißig Jahren zu wenige Menschen zu wenig produzieren, zu wenig pflegen, zu wenig bauen, zu wenig reparieren, zu wenig entwickeln und zu wenig organisieren, dann wird keine Rentenformel der Welt daraus ein bequemes Alter für alle machen.

Wer nur über Kürzungen spricht, verwaltet Knappheit

Darum müsste die Rentendebatte ehrlicher geführt werden. Natürlich muss über Beitragssätze gesprochen werden. Natürlich über Rentenniveau, Steuerzuschüsse, Lebensarbeitszeit und private Vorsorge. Das alles gehört dazu.

Aber der Kern liegt tiefer.

Die entscheidende Frage lautet: Wie schaffen wir es, dass eine alternde Gesellschaft produktiv genug bleibt, um ihren Sozialstaat zu tragen? Wer nur über Kürzungen spricht, verwaltet Knappheit. Wer nur über Kapitaldeckung spricht, verschiebt Ansprüche. Aber die Produktivität ist zentral.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum diese Debatte so selten wirklich geführt wird. Sie zwingt uns, den Blick von der Rentenkasse zu heben und auf das ganze Land zu richten. Auf seine Schulen, seine Betriebe, seine Behörden, seine Infrastruktur, seine Energiepolitik, seine Innovationsfähigkeit und seine Bereitschaft, sich nicht in Selbstblockade einzurichten.

Wodurch kann denn nun die Produktivität erhöht werden? Ganz einfach gesagt: durch das, was wir all die vielen Jahre hindurch praktiziert haben. Vom einen mehr, vom anderen weniger:

⚠️ bessere Technik – mittel
klügere Abläufe – OK
weniger Bürokratie – schlecht
⚠️ gute Bildung und Ausbildung – mittel
moderne Infrastruktur – schlecht
⚠️ klare Verantwortung – mittel
⚠️ sinnvolle Arbeitsteilung – mittel
Motivation statt Erschöpfung – OK

Falls ihr beim Lesen in dieser kleinen Übersicht ein Lächeln nicht unterdrücken könnt sollten wir, die arbeitende Bevölkerung dieses Landes, vielleicht dort zuerst ansetzen.

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Rentner, Autor, Blogger und Hobbyfotograf

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt (aus Liebe) auf dem Land.

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