Die Zahl bleibt, die Differenzierung verschwindet

Avatar von Horst Schulte
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Es gibt Videos, bei denen man schon nach wenigen Minuten ahnt, was anschließend in den Kommentarspalten passieren wird. Nicht unbedingt, weil im Video Unsinn erzählt wird. Vielleicht sogar im Gegenteil. Zahlen werden genannt, Zusammenhänge erläutert, Unterschiede herausgearbeitet. Man möchte differenzieren. Und unten steht sinngemäß: Endlich sagt es mal einer! Damit beginnt für mich das eigentliche Problem.

Die Differenzierung verdampft

Ich habe mir das Gespräch mit dem forensischen Psychiater Frank Urbaniok angesehen. Dabei interessiert mich inzwischen weniger die Frage, ob jede Zahl stimmt und welche methodischen Einwände Correctiv dagegen vorgebracht hat. Das ist eine andere und durchaus wichtige Debatte. Mich beschäftigt vielmehr, was aus solchen Beiträgen beim Publikum wird. Urbaniok bemüht sich durchaus um Differenzierung. Er spricht über bestimmte Herkunftsgruppen, bestimmte Delikte und statistische Auffälligkeiten. Er sagt nicht: Ausländer sind kriminell. Schon gar nicht sagt er, dass der einzelne Mensch aufgrund seiner Herkunft als gefährlich anzusehen sei.

Aber was bleibt davon beim Zuschauer hängen? In den Reaktionen entsteht schnell ein anderes Bild. Da wird nicht über statistische Methoden oder die Grenzen solcher Aussagen diskutiert. Da herrscht vor allem Erleichterung: Endlich nennt einer die Dinge beim Namen. Endlich darf man es sagen. Endlich gibt es Zahlen für das, was man sowieso längst wusste. Oder zu wissen glaubte. Die Differenzierung, um die Urbaniok sich bemüht, scheint dagegen erstaunlich schnell zu verdampfen.

Dieses wunderbare „Siehste!“

Vielleicht beschreibt dieses kleine Wort das Problem am besten: Siehste! Wir Menschen suchen schließlich nicht ausschließlich nach Informationen, um unsere Meinung zu überprüfen. Erschreckend oft suchen und verwenden wir Informationen, um sie bestätigt zu bekommen. Das gilt selbstverständlich nicht nur für Menschen rechts der politischen Mitte. Ich kenne diesen Mechanismus von mir selbst. Passt eine Nachricht besonders gut zu meinem Weltbild, sinkt merkwürdigerweise auch meine Lust, sie besonders kritisch zu überprüfen. Man könnte ja etwas entdecken, das die schöne Gewissheit wieder stört.

Bei Migration und Kriminalität bekommt dieser menschliche Mechanismus allerdings eine besondere gesellschaftliche Sprengkraft. Eine Zahl wie „3.500 Prozent Überrepräsentation“ bleibt im Kopf. Die ausführliche Erklärung darüber, was daraus geschlossen werden darf und was nicht, hat dagegen schlechte Karten. Am Ende reist die spektakuläre Zahl durch Kommentarspalten und soziale Netzwerke weiter, während die Differenzierung am Bahnhof stehen bleibt. Und schon wird aus einer Aussage über eine bestimmte Gruppe, ein bestimmtes Delikt und einen bestimmten Zeitraum die viel bequemere Erkenntnis: Na also, Ausländer sind eben krimineller.

Wenn aus Vorurteilen scheinbar Wissen wird

Genau an dieser Stelle wird es für mich problematisch. Wer ohnehin überzeugt ist, dass „die Ausländer“ krimineller, gewalttätiger oder gefährlicher seien, findet in solchen Beiträgen Material, mit dem sich ein längst vorhandenes Vorurteil plötzlich wissenschaftlich adeln lässt. Aus einem Gefühl wird vermeintliches Wissen, aus „Ich traue denen nicht“ wird plötzlich: „Das ist doch längst wissenschaftlich bewiesen.“ Die differenzierenden Erläuterungen des Wissenschaftlers werden dabei gar nicht unbedingt bestritten – sie werden schlicht nicht gebraucht. Man nimmt aus dem Gespräch mit, was in das eigene Weltbild passt, und lässt den Rest liegen. So kann eine statistische Aussage, die eigentlich der genaueren Betrachtung dienen sollte, am Ende genau das Gegenteil bewirken: Sie verfestigt ein pauschales Urteil, das längst vorhanden war.

Dabei kann die ursprüngliche Aussage sehr viel enger gewesen sein: Eine bestimmte Bevölkerungsgruppe weist bei einem bestimmten Delikt eine statistische Überrepräsentation auf. Zwischen dieser Aussage und dem pauschalen Urteil über Millionen Menschen liegen Welten. Vielleicht liegt hier auch ein Punkt, den ich nach der Lektüre des Correctiv-Artikels ernster nehme als zunächst. Es reicht nicht immer, danach zu fragen, ob eine Zahl mathematisch richtig oder falsch ist. Man darf auch danach fragen, welches Bild durch ihre Auswahl, Präsentation und ständige Wiederholung entsteht. Das ist keine Forderung nach Verschweigen, sondern eine nach Verantwortung.

Darüber reden – aber wie?

Natürlich müssen wir über Kriminalität und Migration sprechen können. Auch über unangenehme Zahlen und über Unterschiede zwischen Herkunftsgruppen, sofern diese statistisch belastbar sind. Alles andere wäre absurd und würde ausgerechnet denjenigen in die Hände spielen, die ständig behaupten, bestimmte Dinge dürften in Deutschland nicht ausgesprochen werden. Aber Journalismus, der sich als Aufklärung versteht, müsste vielleicht einen Schritt weitergehen. Er dürfte sich nicht damit begnügen, spektakuläre Zahlen zu präsentieren und irgendwo im Gespräch die notwendigen Einschränkungen hinterherzuschieben.

Neben der Frage „Wie hoch ist die Überrepräsentation?“ müsste deshalb ebenso deutlich gefragt werden: Was dürfen Zuschauer aus dieser Zahl ausdrücklich nicht schließen? Wie groß ist die betreffende Gruppe überhaupt? Wie viele Menschen dieser Gruppe werden niemals straffällig? Was sagt eine Gruppenstatistik über den einzelnen Menschen aus? Gerade dort müsste die Differenzierung mindestens ebenso laut werden wie die spektakuläre Zahl. Denn man kann nicht einerseits beklagen, dass gesellschaftliche Debatten immer gröber werden, und andererseits Formate produzieren, bei denen vorhersehbar die stärkste Zahl und nicht die sorgfältigste Einordnung hängen bleibt.

Wir hören gern, was wir hören wollen

Das eigentlich Beunruhigende liegt deshalb vielleicht gar nicht bei Urbaniok, Ronzheimer oder Correctiv allein. Es liegt auch bei uns. Wir sind offenbar erstaunlich geschickt darin, aus komplexen Informationen genau jene Teile herauszufischen, die unsere vorhandenen Überzeugungen bestätigen. Der Rest wird ausgeblendet. Bei manchen Themen ist das lediglich ärgerlich. Bei Migration und Kriminalität kann daraus die Bestätigung von Vorurteilen oder sogar offenem Rassismus werden. Ein Beitrag, der eigentlich aufklären und differenzieren möchte, wird dann unfreiwillig zum Lieferanten genau jener Pauschalurteile, die der Gesprächspartner möglicherweise ausdrücklich vermeiden wollte.

Vielleicht sollten wir deshalb ausgerechnet bei Videos, Artikeln und Statistiken besonders vorsichtig werden, nach denen wir spontan denken: „Na also, hab ich doch immer gesagt!“ Dieser Reflex ist menschlich. Ich kenne ihn selbst gut genug. Aber vielleicht sollte genau dann ein kleines Warnlämpchen angehen. Nicht, weil die Information falsch sein muss. Sondern gerade weil sie uns so wunderbar gefällt.

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