Hans Litten: Ein Anwalt gegen Hitler und die kommende Barbarei

Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Heute steht dieser Satz über unserem Staat. 1933 gab es diesen Schutz nicht. Hans Litten stellte sich dennoch Hitler und der Gewalt der Nazis entgegen. Babylon Berlin erinnert an einen Mann, dessen Mut ihn schließlich das Leben kostete.

DALL·E 2024 05 26 12.10.43 A black and white depiction of a crowd of umbrellas seen from above. The umbrella in the center is bright red, standing out starkly against the monoch

Manchmal sind es nur ein paar Satz aus einer Fernsehserie, die einen länger beschäftigen. In der letzten Staffel von Babylon Berlin sagt Charlotte Ritter zu ihrem Vorgesetzten, Polizeirat, Ernst Gennat:

„Sie sprachen doch von der Würde des Menschen, die unantastbar ist.“

Sie erinnert ihn daran, was er seinen Leuten beigebracht hatte: dass sie bei ihrer Arbeit keinen Unterschied machen dürften zwischen einem Direktor und einem Obdachlosen.

Natürlich horcht man auf. Denn wir kennen diesen Satz. Er steht seit 1949 am Anfang unseres Grundgesetzes. Er gehört inzwischen so selbstverständlich zu unserem politischen Vokabular, dass wir leicht vergessen, welche ungeheure historische Erfahrung hinter diesen wenigen Worten steht.

Und vielleicht ist genau deshalb dieser kleine Anachronismus in Babylon Berlin so stark.

Ein Satz aus einer Zukunft, die noch niemand kennt

1933 gab es Artikel 1 unseres Grundgesetzes noch nicht. Es gab nicht den Schutzwall, den wir heute mit diesem Satz verbinden. Die Weimarer Reichsverfassung kannte Grundrechte, aber nicht unsere unbedingte Garantie der Menschenwürde.

Wenn Charlotte Ritter in der Serie von der „Würde des Menschen, die unantastbar ist“ spricht, hören wir deshalb mehr als die Filmfiguren.

Denn wir „kennen“ das Danach. Wir „kennen“ Auschwitz.

Wir kennen die Millionen ermordeter Juden. Wir kennen die Sinti und Roma, die politischen Gegner, die Homosexuellen, die Menschen mit Behinderungen, die Zeugen Jehovas und all jene, deren Leben nach der mörderischen Ideologie der Nationalsozialisten weniger wert oder gar nichts mehr wert sein sollte.

Die Menschen in jenem Berlin des Jahres 1933 kannten dieses Danach noch nicht. Aber manche begriffen, wohin die Reise gehen konnte. Einer von ihnen war Hans Litten.

Der Mann hieß Hans Litten

Ich kannte Hans Littens Geschichte ein wenig. Wieder einmal zeigt sich, dass mehr Menschen unsere Geschichte beeinflussen wollten, deren Namen jedoch viel zu selten genannt wurden. Im Zeichen einer fehlgeleiteten Erinnerungskultur, wie die AfD meint, muss man sich darüber nicht wundern, zumal offenbar viele, insbesondere jüngere Menschen, überzeugt sind, dass es nun auch mal gut sein müsse …

Hans Litten wurde 1903 geboren und war gerade einmal 25 Jahre alt, als er sich 1928 als Rechtsanwalt in Berlin niederließ. Er vertrat Arbeiter und Menschen, die Opfer nationalsozialistischer Gewalt geworden waren. Dabei ging es ihm nicht darum, sich irgendeiner Partei unterzuordnen. Der Deutsche Anwaltverein beschreibt ihn als einen Mann, der sich einer eindeutigen politischen Zuordnung entzog. Sein Maßstab war das Recht – und vor allem waren es die Menschen, denen Unrecht widerfuhr. (Bundesrechtsanwaltskammer)

Was für ein altmodisch klingender und zugleich ungeheuer moderner Gedanke. Das Recht gilt nicht nur für diejenigen, die uns sympathisch sind. Die Würde auch nicht.

Als Hitler im Zeugenstand saß

1931 vertrat Litten im sogenannten Edenpalast-Prozess Arbeiter, die bei einem SA-Überfall schwer verletzt worden waren. Litten wollte zeigen, dass die Gewalt der SA nicht einfach aus zufälligen Prügeleien einzelner Schläger bestand. Er wollte ihre politische Systematik sichtbar machen.

Und dafür tat der junge Anwalt etwas geradezu Unglaubliches: Er ließ Adolf Hitler als Zeugen vorladen.

Am 8. Mai 1931 stand Hitler vor Gericht und musste sich den Fragen des damals 27-jährigen Hans Litten stellen. Litten konfrontierte ihn mit dem Widerspruch zwischen Hitlers öffentlicher Behauptung eines legalen Weges zur Macht und der Gewalt und revolutionären Rhetorik innerhalb seiner Bewegung. (Bundesrechtsanwaltskammer)

Man muss sich diese Situation einmal vorstellen. Hitler war längst kein politischer Clown mehr. Die NSDAP hatte bei der Reichstagswahl 1930 über 18 Prozent der Stimmen erhalten. Die SA verbreitete Gewalt und Angst. Und da steht dieser junge Rechtsanwalt in einem Berliner Gerichtssaal und behandelt Hitler nicht wie den kommenden Herrscher Deutschlands.

Sondern wie einen Zeugen. Er stellt Fragen. Er widerspricht. Er lässt sich nicht einschüchtern. Das klingt heute beinahe banal. In einem Rechtsstaat soll ein Anwalt genau das tun.

Aber genau darin liegt die Größe dieses Moments.

Dann kam der 30. Januar 1933

Hitler vergaß Litten nicht. Nach dem Reichstagsbrand wurde Hans Litten am 28. Februar 1933 verhaftet. Seine Familie hatte ihn zuvor zur Emigration gedrängt. Er war geblieben. (Deutscher Anwaltverein)

Was danach mit ihm geschah, lässt die wohlgeordneten Worte „Recht“ und „Menschenwürde“ plötzlich winzig und hilflos erscheinen.

Litten wurde von Gefängnis zu Gefängnis, von Konzentrationslager zu Konzentrationslager verschleppt. Spandau, Sonnenburg, Brandenburg, Esterwegen, Lichtenburg, Buchenwald, Dachau. Er wurde misshandelt und gefoltert. Seine Mutter Irmgard Litten kämpfte jahrelang um sein Leben. Vergeblich. (Bundesrechtsanwaltskammer)

Am 5. Februar 1938 wurde Hans Litten im Konzentrationslager Dachau erhängt aufgefunden. Mehrere Institutionen sprechen von Suizid nach jahrelanger Folter; der Deutsche Anwaltverein weist darauf hin, dass die genauen Umstände seines Todes nicht abschließend geklärt sind. (Bundesrechtsanwaltskammer)

Er war 34 Jahre alt. Vierunddreißig. Das ist vielleicht die Zahl, die mich an seiner Geschichte am meisten erschüttert.

Die Würde des Menschen

Und nun bekommt dieser Satz aus Babylon Berlin für mich eine ganz andere Bedeutung. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Wir sagen ihn heute leicht dahin. Politiker zitieren ihn. Schüler lernen ihn. Er steht in Gerichtsurteilen und Sonntagsreden. Und gleichzeitig erleben wir täglich, wie schwer wir uns selbst in unserer Demokratie damit tun, diesen Anspruch wirklich einzulösen.

Denn dort steht nicht: Die Würde des anständigen Menschen ist unantastbar. Nicht die Würde des Deutschen. Nicht die Würde des Menschen, der meine politische Meinung teilt. Nicht die des Leistungsfähigen, Wohlhabenden, Angepassten oder Beliebten. Da steht: des Menschen. Das ist eine ungeheure Zumutung.

Vielleicht sogar die schönste Zumutung, die sich ein Staat selbst auferlegen kann.

Und selbstverständlich bedeutet das nicht, unsere Gegenwart mit dem Deutschland von 1933 gleichzusetzen. Solche Vergleiche helfen selten. Aber Geschichte kann uns zeigen, wie schnell Sicherheiten verschwinden können, wenn Institutionen ihre Kraft verlieren und genügend Menschen beginnen, die Rechte anderer nur noch als lästiges Hindernis zu betrachten.

Die letzte Staffel von Babylon Berlin spielt genau in diesem Augenblick. Ende Januar 1933 wird Hitler Reichskanzler; wenige Wochen später ist die Republik kaum wiederzuerkennen. Die Serie legt gerade diese wenigen Wochen unter ihr Brennglas. (SWR)

Das Erschreckende daran ist nicht allein die Brutalität derjenigen, die zuschlagen. Es ist die Geschwindigkeit.

Plötzlich gehört man nicht mehr dazu

Gestern war jemand Rechtsanwalt. Nachbar. Kollege. Journalist. Abgeordneter. Gewerkschafter.

Jude. Kommunist. Sozialdemokrat. Oder einfach jemand, der den Mund nicht halten wollte. Und plötzlich entschied der Staat nicht mehr darüber, wie er diese Menschen schützt, sondern darüber, wie er sie loswird. Ihre Wohnungen wurden durchsucht. Ihre Berufe verschwanden. Menschen wurden abgeholt. Andere verschwanden. Manche flohen, solange sie noch konnten. Und viele werden vermutlich gedacht haben: So schlimm wird es schon nicht werden.

Es wurde schlimmer. Sehr viel schlimmer. Gerade deshalb berührt mich Hans Littens Geschichte. Widerstand besteht in unserer Erinnerung häufig aus großen Gesten. Flugblätter, Attentate, konspirative Gruppen.

Bei Litten begann er viel unspektakulärer. Ein Anwalt tat seine Arbeit. Aber er tat sie konsequent. Er bestand darauf, dass Gewalt Gewalt heißt, auch wenn die Täter politische Macht besitzen. Dass Opfer Rechte haben. Dass ein Adolf Hitler vor Gericht Fragen beantworten muss wie jeder andere Mensch auch.

Dass Recht nicht vor Macht zu kuschen hat.

Vielleicht beginnt Widerstand genau dort

Ich möchte Menschen wie Hans Litten nicht nachträglich zu makellosen Helden machen. Menschen sind keine Denkmäler. Sie haben Widersprüche, Zweifel und politische Überzeugungen, über die man streiten kann.

Aber es gibt Augenblicke, in denen ein Mensch etwas tut, dessen Bedeutung weit über ihn selbst hinausgeht. Hans Litten hatte einen solchen Augenblick.

Und er bezahlte dafür einen furchtbaren Preis. Vielleicht wirkt deshalb der eigentlich aus unserer Nachkriegsordnung stammende Satz in Babylon Berlin gar nicht mehr so störend auf mich.

Im Gegenteil. Für mich legt die Serie damit einen Satz aus unserer Gegenwart über jene Bilder von 1933. Fast so, als wollte sie uns zuflüstern: Schaut genau hin. Deshalb steht er heute dort. Nicht weil Menschenwürde selbstverständlich wäre.

Sondern weil sie es niemals war.

Sie musste gegen diejenigen verteidigt werden, die Menschen nach Herkunft, Religion, politischer Haltung oder vermeintlichem Wert sortierten. Und nachdem Deutschland erlebt hatte, wohin die vollständige Preisgabe dieses Gedankens führte, stellte man 1949 diese wenigen Worte ganz an den Anfang.

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Vielleicht sollten wir diesen Satz gelegentlich wieder lesen, als hätten wir ihn noch nie gelesen. Und dabei an Menschen wie Hans Litten denken.

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