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Es ist ein verstörender Befund bei den Demokratien unserer Zeit: Ausgerechnet dort, wo Menschen Zugang zu Informationen in nie gekanntem Ausmaß haben, wo in unseren Demokratien jede Rede, jede Statistik, jede historische Warnung nur wenige Klicks entfernt liegt, gewinnen Parteien an Zuspruch, die mit Nationalismus, Ausgrenzung und autoritären Reflexen Politik machen. Diskurse verengen sich, die Sorgen der Menschen, die der einen wie der anderen, nehmen zu.
In England erlebt die Labour-Partei von Keir Starmer bei den Kommunalwahlen schwere Verluste, während Nigel Farage mit seiner Mischung aus Nationalismus, Anti-Migrations-Rhetorik und angeblicher „Kümmererpolitik“ wieder enorme Zustimmung erhält. Dass ausgerechnet jener politische Geist zurückkehrt, der gemeinsam mit Figuren wie Boris Johnson den Brexit vorangetrieben hat, wirkt wie ein politischer Treppenwitz mit bitterem Nachgeschmack.

Denn die Folgen sind sichtbar. Wirtschaftlich. Gesellschaftlich. Kulturell. Das Vereinigte Königreich hat an Stabilität verloren, an internationalem Gewicht, an sozialem Zusammenhalt. Und dennoch wählen viele Menschen genau jene Kräfte wieder stark, die maßgeblich zu dieser Entwicklung beigetragen haben.
Man blickt nach Deutschland – und das Gefühl der Irritation wird nicht kleiner. Die Alternative für Deutschland führt in vielen Umfragen. In manchen Regionen längst mit erschreckendem Abstand. Dass Unzufriedenheit mit Regierungen existiert, ist normal. Demokratie lebt von Kritik, vom Wechsel, von Korrekturen. Aber weshalb führt politische Enttäuschung inzwischen so oft direkt an den Rand des Autoritären?
Es ist, als würde man bei einem Wasserschaden das ganze Haus anzünden.
Natürlich tragen die Regierungen ihren Teil dazu bei. Auch die amtierende Bundesregierung hat Vertrauen verspielt. Zu viel Streit, zu wenig Klarheit, zu viele technokratische Formeln in einer Zeit, in der Menschen Orientierung suchen. Viele erleben steigende Preise, Unsicherheit im Beruf, eine überforderte Infrastruktur und das Gefühl, dass Politik oft nur noch reagiert statt gestaltet.
Aber daraus folgt eben nicht automatisch, dass Nationalisten plötzlich vernünftige Antworten hätten.
Der eigentliche Motor dieser Entwicklung scheint tiefer zu liegen. Vielleicht ist es die Angst vor einer Zukunft, die nicht mehr das verspricht, was Nachkriegsgenerationen für selbstverständlich hielten: stetig wachsender Wohlstand, soziale Sicherheit, Aufstieg durch Leistung. Diese Versprechen bröckeln. Und mit ihnen bröckelt offenbar auch die Bereitschaft zur Solidarität.
Was früher als gesellschaftlicher Zusammenhalt galt, wird heute von vielen als Zumutung empfunden. Migration, Klimaschutz, soziale Absicherung – all das erscheint Teilen der Bevölkerung nicht mehr als gemeinsame Aufgabe, sondern als Bedrohung des eigenen Besitzstands. Die politische Rechte liefert dafür einfache Schuldige und einfache Erzählungen. Immer sind „die anderen“ verantwortlich: Migranten, Eliten, Europa, Minderheiten, Medien.
Es ist die alte Geschichte. Und gerade deshalb macht sie Angst.
Denn wir wissen historisch, wohin Gesellschaften driften können, wenn Angst größer wird als Vernunft und Ressentiments stärker als demokratische Kultur. Dass sich diese Entwicklung gleichzeitig in den Niederlande, in Frankreich, in Italien und inzwischen fast überall in Europa beobachten lässt, deutet auf eine tiefere Krise hin. Es geht längst nicht mehr nur um einzelne Regierungen oder konkrete politische Fehler. Es geht um das Vertrauen in die Demokratie selbst.
Vielleicht haben wir uns eingeredet, aufgeklärte Gesellschaften seien automatisch immun gegen autoritäre Versuchungen. Vielleicht glaubten wir, Bildung und Informationsfülle würden zwangsläufig Vernunft erzeugen. Doch Information allein schützt nicht vor Angst. Und sie schützt schon gar nicht vor Manipulation, Dauererregung und politischer Verführung.
Demokratien verlangen mehr als Zugang zu Wissen. Sie verlangen Haltung. Geduld. Verantwortungsgefühl. Die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten, ohne sich an politische Brandstifter zu klammern.
Demokratien: Gerade daran scheint es vielerorts zu fehlen.
Und vielleicht liegt darin die eigentliche Tragik unserer Zeit: Dass viele Menschen den Zustand der Welt beklagen, aber bereit sind, jene Kräfte zu stärken, die alles noch weiter zerstören könnten. Wer in Deutschland die Alternative für Deutschland wählt oder sie mit wachsender Radikalität verteidigt, muss sich die Frage gefallen lassen, ob er bereit ist, die Verantwortung für die Folgen einer historischen Abkehr von demokratischen Grundgewissheiten zu tragen.
Das „Warum?“ und „Wie?“ hat der Pispers schon erklärt, aber ich verweise Dich auf das Video von Oetting, was ich Dir schon mal untendrunter geschaufelt habe. Der erklärt das im Rahmen von Milliardenknudsen.
Das wird noch lustig mit der WM, mit den Leuten, die Ihre Inlandsflüge mit Spirit & so gedealt haben. Da werden wohl einige ihre Autos demnächst verkaufen müssen. Was für ein Pech!
Meiner Meinung nach ist die Tendenz zu Arroganz und Autoritarismus das eigentliche Problem. Während die Bonner Republik noch von Demut und Vernunft geprägt war, setzte mit dem Umzug nach Berlin eine von Arroganz und Stolz geprägte Mentalität ein, die nun in Ignoranz und Militarismus gemündet ist.
Egal, ob links oder rechts: Es wird nicht nach Wahrheit, Interessenausgleich und Allgemeinwohl gestrebt, sondern einzig auf den eigenen Vorteil und die Meinungshoheit geschielt. Über 40 Jahre Neoliberalismus haben die Schere zwischen Arm und Reich exponentiell vergrößert und den Osten direkt nach der Wende gezielt ausbluten lassen – im Interesse von Westkonzernen.
16 Jahre Kohl und 16 Jahre Merkel, die beide sinnbildlich für politischen Stillstand und die Umverteilung von unten nach oben stehen, tun ihr Übriges.
Das Problem sind nicht die Menschen, die sich nach rechts zu orientieren scheinen, sondern eine jahrzehntelange Politik, die die einfachen Menschen zu den Verlierern dieses Landes macht, sodass jeder Angst haben muss, abzurutschen.
Wir leben bereits heute in postdemokratischen Zeiten. Wer die Demokratie retten will, muss das derzeitige System angehen und sich nicht über die AfD echauffieren – sie ist nur ein Symptom.
@Bissbert: Danke für diesen Kommentar!
Ich fürchte, genauso ist das. Ich erinnere mich, wie zu Beginn der 1990er Jahre Politiker im Hinblick auf die Globalisierung, die damals Fahrt aufnahm, immer davon redeten, dass es viele Gewinner und nur wenige Verlierer geben würde. Schaut man sich die heutige Situation an (verstärkt durch Hartz IV), muss man erkennen, dass die Seite der Verlierer wohl die zahlmäßig dominante ist.
Über die AfD echauffiere ich mich dennoch. Sie mag das Ergebnis dieser komplexen Prozesse gewesen sein. Aber ich traue meinen Landsleuten mehr Verstand zu.
Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, den Menschen mehr Verstand zuzutrauen.
Ja, die AfD ist eine scheiß Partei, aber die CDU/CSU auch. Das gilt ebenso für die FDP, die SPD, die Grünen und die Linke. Sie alle spielen das Spiel der Lobbys und Thinktanks, das dieses Land zugrunde gerichtet und seine Bürger ausbluten lassen hat. Anstatt diese Feinde der Demokratie aus dem Bundestag zu fegen, machen sie mit.
Ich sehe den aufflammenden Militarismus und das Aufbauen neuer, alter Feindbilder als viel besorgniserregender an als die AfD. Ebenso besorgniserregend ist, dass wir uns in eine absolute Abhängigkeit der US-Amerikaner begeben haben, anstatt unsere eigenen Interessen auszuloten und Diplomatie zu betreiben. Dadurch ist ein bedeutender Teil unserer Wirtschaft enorm gefährdet, und Deutschland droht, wirtschaftlich abzurutschen. Wenn das passiert, werden sich noch mehr Menschen von den etablierten Parteien ab- und den Populisten zuwenden. Die Verantwortung dafür tragen jedoch nicht die AfD, sondern die Politiker, die es zugelassen haben, insbesondere jene, die es vorangetrieben und sich daran bereichert haben. Meiner Meinung nach begann der Verfall mit der neoliberalen Lüge in den frühen 1980er Jahren, als die Spaltung der Menschen gesät wurde – Kohls „Geistig-Moralische Wende”. Weg von der Sozialen Marktwirtschaft, hin zum globalen Neokapitalismus.
Ja, in der AfD haben sich Menschenfeinde angesammelt. Aber ich möchte an die Wahlkampfslogans „Kinder statt Inder” von Jürgen Rüttgers und „Kriminelle Ausländer raus” von Roland Koch erinnern. Die Leute in der CDU denken genauso. Ob die Schweine aus der AfD oder der CDU kommen, ist egal.
Das Schimpfen auf die AfD und die Warnung vor ihr sind in meinen Augen ein reines Ablenkungsmanöver von Parteien, denen die Wähler davonlaufen. Wenn es ihnen um die Missstände ginge, müssten sie die grundsätzlich verfehlte Politik der letzten 44 Jahre anprangern.
MfG