Drei Stunden rechte YouTube-Kanäle
Ich habe mir wieder einmal ungefähr drei Stunden rechte YouTube-Kanäle angesehen. Das Ergebnis ist überschaubar: Kopfweh, leichter Brechreiz und die Erkenntnis, dass Kaffee und Eis gelegentlich nicht Genussmittel, sondern medizinische Sofortmaßnahmen sind.

Normalerweise erspare ich mir diesen Kram. Nicht aus Angst vor fremden Meinungen. Nach über zwanzig Jahren Bloggerei wäre das ohnehin eine reichlich verspätete Vorsichtsmaßnahme. Ich ertrage bloß diese Mischung aus Empörung, Selbstgewissheit, Häme und dem immer gleichen Unterton schlecht. Irgendwann ist auch der Erkenntnisgewinn erschöpft.
Trotzdem schaue ich hin und wieder hinein. Man sollte schließlich ungefähr wissen, was in den politischen Parallelwelten erzählt wird.
Nicht die einzelnen Kanäle sind das Problem
Ich könnte jetzt Namen aufzählen. Das lasse ich lieber. Erstens sind es viel zu viele. Zweitens würde ich garantiert einige der schlimmsten vergessen, und diese Ungerechtigkeit haben sie nun wirklich nicht verdient.
Interessanter ist ohnehin die schiere Masse.
Viele dieser Kanäle haben enorme Zuschauerzahlen. Zehntausende, teilweise Hunderttausende sehen die Videos. Dazu kommen Likes und Kommentarspalten, in denen Zustimmung nicht die Ausnahme, sondern der Normalzustand zu sein scheint. Wer sich einige Stunden durch dieses Angebot bewegt, kann tatsächlich den Eindruck bekommen, Deutschland stehe kurz vor dem Volksaufstand und nur die Bundesregierung habe es noch nicht gemerkt.
Natürlich ist das eine verzerrte Wahrnehmung. Aber genau darin liegt das Problem.
Ein geschlossenes Weltbild
YouTube liefert nicht einfach Videos. Es liefert Anschlussvideos. Heim ins Reich hieß ein Spruch der Nazis. Anschlussfähig sind zu viele, das sah ich auch dort wieder. Wer sich eines davon ansieht, bekommt das nächste angeboten, danach das übernächste. Aus einer Meinung wird auf diese Weise schnell eine Umgebung. Schade, dass sich Algorithmen bis jetzt nicht wegschalten lassen. Natürlich, es würde ja gegen die „Meinungsfreiheit” verstoßen.
Und in dieser Umgebung bestätigt fast alles das Vorherige.
Die Regierung ist unfähig oder verbrecherisch. Die Medien lügen. Migration erklärt sowieso fast alles. Die Grünen sind entweder wahnsinnig oder Teil eines größeren Plans. Europa geht unter. Deutschland zuerst. Trump hat irgendwie recht. Putin wird zumindest verstanden. Und die AfD ist selbstverständlich das Opfer eines Systems, das panische Angst vor ihr hat.
Die einzelnen Varianten unterscheiden sich. Die Grundmelodie erstaunlich wenig.
Wer lange genug zuhört, hört irgendwann keine Argumente mehr. Er hört ein Weltbild.
Und plötzlich Constantin Schreiber
Eine Ausnahme bei meiner Namensverweigerung mache ich.
Constantin Schreiber fällt mir in letzter Zeit auf. Vielleicht tue ich ihm Unrecht. Aber bei einigen seiner jüngeren Auftritte und Videos ertappe ich mich zunehmend bei dem Gedanken: Donnerwetter, noch ein paar Schritte, und mein YouTube-Kanalblocker bekommt Arbeit.
Von Schreiber hatte ich gelesen, dass er sich selbstständig gemacht hat. Vielleicht verschafft die größere Unabhängigkeit tatsächlich jene Beinfreiheit, die innerhalb des „seriösen Journalismus“ 😜 gelegentlich fehlt. Das wäre zunächst einmal weder verwerflich noch überraschend.
Nur scheint mir die Beinfreiheit derzeit auffällig häufig in eine bestimmte Richtung genutzt zu werden.
Das macht ihn nicht zum AfD-Mann. Diesen Vorwurf möchte ich ausdrücklich nicht erheben. Aber manches klingt inzwischen so anschlussfähig an die bekannten Erzählungen dieses politischen Milieus, dass ich mich frage, ob sich hier lediglich der journalistische Stil verändert oder langsam auch der politische Standort.
Vielleicht täusche ich mich. Ich werde weiter zuhören. Noch ein bisschen jedenfalls.
Das eigentlich Beunruhigende
Schreiber ist am Ende nur eine Randnotiz. Mich beschäftigt etwas anderes viel stärker.
Wir reden ständig über Wahlergebnisse und Umfragen und wundern uns anschließend darüber, weshalb bestimmte politische Erzählungen so ungeheuer stabil sind. Vielleicht müssten wir häufiger dorthin schauen, wo Menschen jeden Abend ihre politische Wirklichkeit geliefert bekommen.
Nicht als Parteiprogramm. Nicht als Leitartikel. Sondern als Video.
Zehn Minuten Empörung hier, zwanzig Minuten Untergang dort, anschließend noch ein Gespräch darüber, dass man heutzutage angeblich nichts mehr sagen dürfe. Darunter dreitausend Kommentare von Leuten, die genau das gerade ebenfalls ziemlich ausführlich gesagt haben.
So entsteht keine politische Überzeugung über Nacht. Aber es entsteht ein Klima.
Nach drei Stunden hatte ich davon jedenfalls genug.
Jetzt gibt es Kaffee und Eis.
Man muss schließlich auch etwas für seine Gesundheit tun.
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